Wo kämen wir denn hin? Hier sind wir hingekommen

Lesezeit 6 Minuten –

Foto: Simone Palme
Die Sonne scheint, ich blicke in den Wald, im Hintergrund höre ich die Kettensäge, mit der Matthias Baumstämme auf 50cm Länge schneidet, neben mir sind Ramona, Clara und Theresa, die Dachziegel von Moos befreien. Denn ja, ich sitze auf dem Dach, um Euch von der Gemeinschaftszeit bei uns am Steigerhaus zu erzählen. Heute früh, als wir im Kreis zusammen saßen, um darüber zu sprechen, wer sich heute mit welcher Aufgabe beschäftigen möchte, teilte ich meine Idee mit meinem Partner Matthias und denjenigen, die sich auf das Experiment „Gemeinschaft auf Zeit“ eingelassen haben: „Schon so lange möchte ich etwas über unsere Gemeinschaftswoche schreiben und irgendwie gelingt es mir nicht. Heute früh hatte ich den starken Impuls, dass ich einfach mal innerhalb dieser Zeit, quasi aus ihr heraus, berichte.“

Und damit bin ich auch schon mittendrin, denn eines meiner persönlichen Themen in Gemeinschaft ist, dass ich mir (bisher) nicht erlaubt habe, einfach „nur“ zu schreiben während neben mir körperlich und womöglich „hart“ gearbeitet wird. Genau das ist eines der Experimente, die wir hier gemeinsam mit den wechselnden TeilnehmerInnen machen:

  • Wie können wir die anfallenden Arbeiten erledigen, ohne dabei in das bekannte Muster von „Arbeit ist anstrengend und doof.“ zu fallen?
  • Wie gelingt es uns, mit Freude zu arbeiten, ganz im Sinne von Khalil Gibran „Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.“? („Von der Arbeit“ in „Der Prophet“)
  • Welche Aufgabe würde mir wirklich Freude bereiten?

Die drei Frauen jedenfalls unterhalten sich angeregt und wirken entspannt und zufrieden während sie sich am Moos zu schaffen machen.
Nun habe ich mich selbst in das Gespräch zwischen den dreien eingeklinkt. Ein weiteres Thema von „Ich in Gemeinschaft“: Wie kann ich einerseits in Verbindung sein und gleichzeitig auch ganz bei mir? Da die drei gerade von einem meiner Lieblingsthemen, Geburten, sprechen, ist dies eine besondere Herausforderung für mich, aber ich bin zurück bei mir und diesem Text.
Auch dies erforschen wir in der Woche, die wir hier mit den zunächst fremdem Menschen in unserem Zuhause im Wald gemeinsam verbringen:

  • Was geschieht mit meiner Individualität in einer Gruppe?
  • Muss ich mich in gemeinschaftliche Aktionen selbst aufgeben?
  • Gelingt es mir, meine Grenze zu wahren, auch einmal „Nein“ zu sagen?

„Jumana, hast Du mal ein Pflaster?“ Der Mann, der regelmäßig zur Gemeinschaftswoche kommt und ebenfalls Matthias heißt, ruft von unten hoch. Wenn er nach einem Pflaster ruft, wird es wirklich notwenig sein. Ich klettere über die Leiter vom Dach. Hui, ein tiefer Schnitt im Fuß. Ich hole ein Pflaster und versorge die Wunde. Heute früh fragten mich die beiden jüngsten Frauen, ob ich noch ein Mittelchen für ihre Halsschmerzen hätte und für Klaus-Peters Zeckenstich hatte ich ebenfalls etwas passendes. Ich spüre: Die Rolle der Heilerin gefällt mir.
Auch dies ist eine wesentliche Frage, die mindestens in einem Menschen während der Woche auftaucht:

  • Welche Rolle habe ich in der Gruppe?
  • Welcher ist mein Platz in Gemeinschaft?

Oftmals ist dies auch mit tiefen Gefühlen verbunden. Traurigkeit. Ohnmacht oder Wut können dabei ebenso aus der Tiefe steigen wie alte Verletzungen, die entstanden als Menschen sich ausgeschlossen, verlassen oder vertrieben fühlten.

Da wir für eine Woche das Zusammensein als Tribe leben oder zumindest nachahmen, berühren wir natürlich alles in unseren Körperzellen, was mit dem archaischen Leben als Tribe verknüpft ist. Zu Zeiten, als wir Menschen auf diese Art zusammen lebten, war es existentiell, ob Du dazugehörtest oder nicht. Es entschied über Dein Überleben. Daher wundert es uns nicht, dass auch existentielle Themen, Ängste und andere Gefühle aufpoppen. Dies reflektieren wir wenn wir im Kreis zusammenkommen, aus dem Herzen sprechen, mit dem Herzen dem lauschen, was die anderen zu teilen haben und einen Raum von Bewertungsfreiheit kreieren. All das darf sein.

Um immer seltener in alte Muster zu fallen und sich die gesellschaftlichen und persönlichen Konditionierungen bewusst zu machen, ist es hilfreich, „wild“ zu denken. Matthias und mir liegt auch dies sehr am Herzen: dass grundsätzlich erst einmal alles gesagt und gedacht werden darf, ohne dafür verurteilt zu werden. Nur dann können solch kreative Ideen entstehen, wie sie sowohl beim gemeinsamen Tun als auch im gemeinsamen Austausch aus der Intelligenz der Gruppe heraus geboren werden. So war es heute früh Isa, die mir vorschlug: „Da Du gerne zur Gruppe „Dach“ gehören würdest, aber auch schreiben möchtest: schreib doch einfach auf dem Dach!“
Au ja, sofort war ein großes „Ja“ für diesen Einfall in mir.

Insgesamt scheint es als würden sowohl die materialisierte äußere Arbeit als auch die tiefe innere Arbeit wie von selbst geschehen.
In Wirklichkeit aber lassen wir uns in mit der Bereitschaft, diese Woche auszurichten bzw. dabei mitzumachen, in den universellen Prozess hineinfallen, der uns führt und zur richtigen Zeit die richtigen Menschen an diesem Ort zusammen wirken lässt.

Alles, was dann im Tagesbewusstsein noch nicht sichtbar wurde, wird spätestens in der Atemsitzung ans Licht kommen. Sie ist meist an einem Abend in der zweiten Hälfte der Woche dran. An diesem Abend rutschen wir noch eine Ebene tiefer und begegnen uns in einer Verbundenheit, in der sich das Ego für einen Moment ausruhen darf und in der wir in Gänze in den Geschmack von Verbundenheit mit allem, was ist, eintauchen dürfen.

Alles in allem fühle ich gerade in diesem Augenblick, dass wir in unserer Gemeinschaftswoche alle gemeinsam alles auf den Kopf stellen, was wir jemals dachten über das Arbeiten, über uns als Teil einer Gruppe, über uns als Individuum.
Nichts muss so sein, wie ich denke, nichts muss so sein wie die anderen es denken. Alles ist möglich.

Ich finde es inspirierend und abenteuerlich, weiter in diesem Feld des Menschseins zu forschen, das sich auf so unaufgeregte Weise jedes Mal aufs Neue entfaltet. Ich bin in diesem Augenblick einfach nur unendlich dankbar, dies tun zu dürfen und damit auf eine ganz irdische und verkörperte Weise Spiritualität in höchstem Maße zu erLEBEN und so unterstützt zu sein: von Menschen, die mit dieser Idee in Resonanz gehen und mutig genug sind, um es auszuprobieren und vom Leben, das mich an diesen Ort mit diesem Mann an meiner Seite geführt hat.

Danke Danke Danke!!

Während des Schreibens habe ich immer mal wieder den Blick schweifen lassen, zu den Bäumen, zu Simone, die im Garten werkelt, zu Daniela und Andrea, die Beikraut zupfen und zu Matthias, der das Holz von Matthias zu Klaus-Peter am Holzspalter transportiert. Wunderbar. Mein Herz ist warm und weich und glücklich.

Nun aber klettere ich vom Dach hinunter, das Wichtigste ist geschrieben, mein Po ist schon ganz taub vom harten Untergrund und gleich möchte die Gruppe etwas leckeres essen, das ich mit der Unterstützung der anderen zubereiten darf….

Und noch einmal: Danke Danke Danke!

Jumana Mattukat

Jumana Mattukat lebt gemeinsam mit ihrem Partner Matthias Jackel an einem Ort mitten im Wald, den wir mit verschiedenen Angeboten immer wieder für Interessierte öffnen. www.steigerhaus.jetzt

Wo kämen wir hin?

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9 Kommentare

  1. Liebe Jumana,
    DANKE von Herzen für Dein Teilen….ich freue mich immer über die Einnblicke……beim Lesen ist in mir ganz stark der Wunsch aufgetaucht nach einem Buch von Dir, wo Du die Essenz Eurer Erfahrungen sammelt….wie “LEBEN IN GEMEINSCHHAFT“ aus Eurer Sicht gelingen kann…..wie auch immer….hab(t) eine reiche MiteinanderZeit 🙂

    Viele liebe Grüße,
    Dagmar

    • Liebe Dagmar, ich freue mich von Herzen, dass mein Bericht in Dir „gelandet“ ist. 😉
      Ja, vielleicht versammeln wir unsere Erfahrungen einmal in einem Buch. Danke schön für Dein Interesse!
      Alles Liebe
      Jumana

  2. Es ist so schön Euch auf den Bildern zu sehen!

    Ich hoffe, ich kann mir die lebendige und inspirierende Energie dieser Woche lange erhalten und in mein Alltagsleben hineinweben.

    Auf bald und auf das wir immer mehr gemeinschaften, wo auch immer wir sind.

    Liebe Grüße zu Euch ins Steigerhaus,

    Andrea

    • Liebe Andrea, und es ist so schön, dass Durch Deine Zeit hier ein Stück von Dir nun mit ins Steigerhaus hineingewebt ist. Danke!

  3. Danke für deinen Überblick von oben und für das Mitnehmen in eure Prozesse. So schön, so nah dabei zu sein. Was doch alles möglich ist, wenn wir uns alles erlauben.

    💛

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