Schlechter Traum?

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Ich liebe Träume und Leute mit grandiosen, verrückten Träumen. Ein Traum verleiht dem Leben Sinn. Wenn du am Ende deinen Traum verwirklichst, erfüllt dich das mit großer Befriedigung. Und bis es soweit ist kann er so viele kleine Freuden mit sich bringen.

Doch manchmal ist ein Traum ein schlechter Traum, und ich hoffe du achtest da drauf. Ein schlechter Traum ist einer, über den du gern sprichst und den du dir ausmalst, aber nur als eine magische Nummer, ein deus ex machina, eine gute Fee, eine peng-da-ist-sie-Möglichkeit.

Zum Beispiel träumst du davon in der Toskana zu leben, aber die Idee, einen Sprachkurs zu belegen, ein italienisches Restaurant zu besuchen oder itanlienische Einwanderungsgesetze zu recherchieren, reizt dich kein bisschen. Oder du träumst davon, dein Geld als Schriftstellerin zu verdienen, bist aber weder mit einem deiner Romane über Seite drei hinausgekommen, noch hast du in den letzten 14 Monaten irgendwas auf deinem Blogg veröffentlich.

Ein schlechter Traum ist nichts anderes als der Wunsch, sich in völlig andere Umstände zu flüchten. Das einzige was ein schlechter Traum dir bedeutet, ist dass er in nichts dem Leben ähnelt, das du lebst. Wenn du ihn erreichen würdest, würdest du wahrscheinlich nicht das kleinste bisschen Befriedigung erleben, und die einzige Art, wie er dich erfreuen könnte, wäre wenn du ihn als Preis gewonnen hättest.

Als meine 83jährige Mutter dabei war, sich von einer Lungen-Operation zu erholen und kaum durchs Wohnzimmer gehen konnte ohne anzuhalten, um nach Luft zu schnappen, verkündete sie, das einzige, was auf ihrer Wunschliste stünde, sei es, Eigentümerin eines Bauernhofs zu sein, dort ihr eigenes Bio-Gemüse anzubauen und es auf Bauernmärkten oder an einem Straßenstand zu verkaufen. Ich dachte, es sei ein schlechter Traum. Ich fragte sie, was sie davon hielte, ein halben Hektar Land auf einem bewirtschafteten Hof zu kaufen mit eigenem Straßenstand, wo sie so viel es ihr möglich war tun konnte, sich aber auf den Landwirt verlassen konnte, der alles übrige täte, wenn es ihr zu viel sei. Sie sagte, es müsse ihr eigenes Land und ihre eigene Arbeit sein. Und dass sie diejenige sein müsse, die die Früchte verkaufen würde. Ich dachte, es sei ein alles-oder-nichts-Traum, ein magischer, schlechter Traum.

Ich täuschte mich. Zunächst lief sie so viel, wie es ihre Lungen ihr erlaubten. Wenn sie sich setzen musste, las sie über Bio-Landwirtschaft oder plante Pflanzgemeinschaften für ihren Hof. Sobald sie konnte, pflanzte sie einen kleinen Gemüsegarten und probierte einige der Sachen, die sich sich angeeignet hatte.

Als es ihr ein bisschen besser ging, ließ sie jemanden etwa 70 Quadratmeter für sie mit einer Fräse umbrechen und baute eine Mauer mit einer Reihe gesammelter Steine an den Rand um die Kaninchen fernzuhalten. Eigenhändig setzte jeden Stein. Es brauchte fast die ganze erste Saison. Trotzdem baute sie eine Reihe verschiedener Gemüsesorten an, viel mehr als wir drei hätten essen können.

Mama war 86 als sie den Hof kaufte. Ihre eigenen vier Hektar. Das Land machte eine Menge Arbeit und hatte nur eine kurze Anbauzeit, also kaufte sie einen Traktor und einen Feldhäksler und außerdem einen Folientunnel. Nach einer Weile musste sie einige Hilfskräfte einstellen, doch als sie 89 war, brachte sie ihre erste erfolgreiche Ernte auf drei verschiedene Bauern-Märkte, um sie dort zu verkaufen. Sie hatte alles auf ihrer Liste umgesetzt: ihr eigenes Land erworben, das Land bearbeit, Gemüse angebaut, und es an die Menschen verkauft.

In jenem Herbst wurde sie wieder krank und verkaufte den Hof an einen freundlichen und hilfsbereiten Nachbarn. Wir zogen alle in ein Vorstadthaus, das näher zu ärztlicher Versorgung gelegen war, und sie fand einen Gemeinschaftsgarten mit Hochbeeten, um ihr Gemüse anzubauen.

Denn das ist der Unterschied zwischen einem guten Traum und einem schlechten. Mama liebte beinah jeden Teil des Gemüseanbaus und des Verkauf. Manches war schwer. Manches waren unerquicklich und erforderte Hilfe. Aber das meiste machten ihr großes Vergnügen, sogar während sie sich noch nach dem übrigen Teil dieses beinah unmöglichen Unterfangens sehnte.

Fang an, an deinem großen, verrückten Traum zu arbeiten. Heute. Wenns keinen Spaß macht, klär ob es ein schlechter Traum ist, eine Fluchtfantasie. Wenn es das ist, was dich gebremst hat, ist es Zeit damit anzufangen, Dinge zu klären. Wie eine gute Wissenschaftlerin herauszufinden, was dir tatsächlich Freude macht, was dir Befriedigung und Sinn schenkt. Das ist der Beginn eines wundervollen Traums.

Und ich könnte dir nichts besseres wünschen.

Foto: Patty Newbold

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Dieses newslicht entstammt der Feder von Patty Newbold, der langjährigen engsten Mitarbeiterin von Barbara Sher. Sie führt deren grandiose online-Buchclub-Kursangebote in bewährter Qualität fort, so wie sie sie gemeinsam mit KollegInnen nach Barbaras Tod im Mai 2020 übernommen hat. Patty Newbolds Text, entnommen ihrem aktuellen newsletter von 11. September 2023 schließt mit den Worten:  Wenn du noch nach deinem Traum Ausschau hältst, wirst du Barbaras Hanging Out Programm mögen. Anmeldebeginn ist der 5. Oktober.
Anmerkung: Hanging Out wird in englischer Sprache angeboten.  https://barbarasclub.com/

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Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Autorin aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Licht

 

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2 Kommentare zu “Schlechter Traum?
  1. Monika sagt:

    Danke. Ich habe mit Verwunderung, Vergnügen, Demut und Dankbarkeit diese Worte gelesen. Jetzt fühle ich mich beschwingt, gestärkt und wieder gut bewegtauf meinem Weg. So unsinnig sinnvoll .
    Ich verneige mich
    Namaste
    Monika

  2. Björn Spiering sagt:

    Wundervoll!

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