Medusa

Lesezeit 4 Minuten –

Nach außen stimmt alles. Und unten in deinem Keller wartet jemand, den du nicht sehen willst.

Deine Maske sitzt perfekt. Es ist Karneval. Draußen hörst du schon das Gemurmel der anderen. Du öffnest die Tür.
Willkommen im Reich der Finsternis. Willkommen im Reich der Schatten. Willkommen in einer Welt, in der die Kerkermeister Lichtgestalten sind.
Dies ist kein Fantasy-Roman. Dies ist ein Blick in deine Innenwelt.

Jeder von uns hat einen kleinen Kerker im Keller.

Viele Menschen unterdrücken negative Gefühle. Sie sind insgeheim neidisch, wütend, hämisch…, würden das aber niemals zugeben. Denn unsere Schattenseiten sollen genau da bleiben, wo sie hingehören: In den dunklen Verliesen unserer Innenwelt. 

Die im Schatten sieht man nicht – Medusa

Ich habe mich Jahre meines Lebens darin geübt, nach außen freundlich, verständnisvoll, ausgleichend und auf keinen Fall zornig zu sein. Medusa – so habe ich sie getauft- habe ich ein besonders hübsches Verlies in meinem Keller zugewiesen. Auf der schweren Kette, mit der sie an ihrem Hals gefesselt ist, steht in großen Lettern: Im Namen der Harmonie.

Im Namen der Harmonie vermeide ich Konflikte.
Im Namen der Harmonie bin ich im diplomatischen Dienst.
Im Namen der Harmonie liegt Medusa in Ketten.

Das Problem: das Wegsperren hilft nicht. Im Gegenteil, es richtet Schaden an.

Neid zerfrisst dich.
Häme vergiftet dich.
Wut gärt in dir.

Deine Gefühle verschwinden nicht. Du hast nur gelernt, sie nicht zu fühlen.

Meine Medusa ist eine Menschenfresserin. Bevor sie mich frisst, löst sie mich in Galle auf.
Sie liebt die Bitterkeit. 
Mein Glück: sie frisst mich nie ganz. Weil sie die Hoffnung nicht aufgibt, eines Tages ans Licht zu dürfen.

Nur welches Licht?
Im Reich der Finsternis gibt es einen Jahrmarkt. Über seinem Eingang steht: „Werde Liebe und Licht“. Ein verführerisches Angebot. Komm, ich lade dich ein. Nimm bitte deine Schatten mit. Wir brauchen sie noch.

Der Jahrmarkt der Lichtbringer

Lass uns über den Markt schlendern. Wie wäre es mit:

Positivity-Coachings wie „Denk dich glücklich“ oder „High Vibe Only“ -Communities? Du lernst, Gefühle zu überschreiben, statt sie zu integrieren. 
Noch nicht ganz das Richtige? Wenn es schneller gehen soll, wie wäre es damit:
Instant-Healing: „Löse alle Blockaden in 3 Sessions“, oder hier, gerade günstig bei TikTok-und Instagram: „Quick Hacks“ – greif zu! 
Das ist nicht spirituell genug? Lass uns in die Esoterik-Gasse schlendern:
„Erhöhe deine Frequenz und dein Schatten verschwindet“, „Dunkelheit existiert nur bei niedriger Schwingung“, „Reinige dich von deinem Schatten“, „Entgifte negative Emotionen“.

Du kannst dich noch nicht entscheiden? Dann schauen wir genauer hin.

Eine halbe Wahrheit wird zur Lüge

Was haben alle diese Angebote gemeinsam? 
Negative Emotionen werden implizit als Fehler definiert. „Licht ist gut, Schatten ist schlecht“. Botox für die Seele. Eine solche Überhöhung des Lichts, auch in vielen spirituell orientierten Kreisen, blendet aus, dass wir in einer polaren Welt leben.
Schatten und Licht. Gut und Böse. Liebe und Hass. Ordnung und Chaos. Yin und Yang. In einer polaren ist Welt gibt es nichts ohne sein Gegenteil.

Das Wegsperren und Verleugnen unerwünschter Gefühle macht uns auf eine kaum zu überschätzende Art und Weise unfrei.

Wir fühlen uns schuldig.
Wir haben ein schlechtes Gewissen.
Wir haben Angst, entdeckt zu werden.
Wir fürchten die glühenden Wangen der Scham, wenn uns jemand erwischt.

Der Versuch, stattdessen unsere Schattenseiten zu eliminieren, macht uns genauso unfrei. Der Unterschied: Im Kerker brennt jetzt Licht.

Das Licht der Erkenntnis

Meine Medusa kennt den Jahrmarkt des Lichts und seine verführerischen Angebote. Aber sie ist eine weise Alte. Verborgen im Schatten bewahrt sie in sich das einzige Licht, das in die Freiheit führt. 
Es ist das Licht der Erkenntnis. Unser Leben findet zwischen zwei Polen statt. Sie erzeugen ein Spannungsfeld, in dem menschliche Entwicklung überhaupt erst möglich ist.
In einer polaren Welt kommen wir erst dann in unsere Kraft, wenn wir unsere Schatten als das anerkennen, was sie sind: archaische Kräfte, die uns gegeben sind, um sie nutzen. Nutzen bedeutet nicht, diese Kräfte ungehemmt und unreflektiert auszuleben. Es bedeutet, sie weise zu gebrauchen.

Der Karneval ist aus. Zeit, deine Maske abzunehmen – und deiner Medusa ins Gesicht zu sehen.

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Nadine Waller
Nadine Waller

Nadine Waller ist Mitglied des newslichter next level Teams, Lebens-Liebhaberin, Achtsamkeitstrainerin, Visionärin und Autorin. www.frei-geist-coaching.de

4 Kommentare

  1. Liebe Nadine,
    schon lange hat mir niemand mehr so aus der Seele gesprochen wie du mit deinem Text. Meine Wut freut sich, denn endlich wird sie gesehen, sie darf sie sein (Juchu!), auch wenn meine Angst versucht sie zurückzuhalten.
    Eine große, dankbare Umarmung von meiner Wut!

  2. Wow, was für klare,starke und wahre Einblicke in die maskierte Welt der Gefühle.
    Das heiligste Feld das wir in uns tragen sind unsere Gefühle. Alle dürfen sein, alle sind wertvoll, alle möchten in das gelebte Leben.
    Nur das zählt.
    Liebe Nadine danke für diesen Einblick in deinen Erfahrungswert.
    Susanne

  3. Liebe Nadine,
    Danke für Deinen starken Text – welchen ich bisher mehrmals gelesen habe, mit gemischten Gefühlen und einiges „Kopfzerbrechen“ wegen der vielen wichtigen Aspekte darin 😉 , die ich mir als einzelne Schreibimpulse leihe und auf meine Weise ausdrücke💜 .
    Bei mir war lange Zeit mein „Trauergefühl“ mit meiner Wut maskiert und heute bemerke ich, wieviel Kraft mich dieser innere Konflikt gekostet hat.
    Danke, daß Du dieses Thema hier einbringst – Du hast mich damit reich beschenkt und ermutigt!!

    Von Herzen,
    Dagmar

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