Die schützende Decke der Mütter

Lesezeit 12 Minuten –

Weben als weibliche Heilkunst. Die Decke der Mütter ist ein Geschenk, das dir eine neue und gleichzeitig uralte Sichtweise ermöglicht. Auch heute wickelt jede Mutter auf der Erde ihr Neugeborenes in eine schützende Decke.

Meine Traummedizin: Der erste Faden meines Seelenweges

Es gibt Träume, die wir nie vergessen können, an die wir uns immer wieder erinnern. So geht es mir mit der Decke der Mütter. Diese Decke ist meine Traummedizin. Der Ruf meiner Seele.

Jede Frau, die ein Kind erwartet, hält eine kleine Decke bereit, um ihr Neugeborenes darin einzuwickeln. Das Kind haben wir neun Monate in uns gespürt und halten es nun in den Armen. Unser Herz wird ganz weit für das Baby und wir empfinden eine nie gekannte Art der Liebe. Das ist ein überwältigendes Gefühl von Glück und Lebendigkeit. Von Sinn, Kraft und Stolz. Diese mütterliche Erfahrung ist universell – und so verbindet uns die Decke der Mütter mit allen Frauen, die vor uns gelebt haben, und gleichzeitig mit allen, die nach uns kommen.

Sehr lange Zeit war diese Decke vor unseren Augen verborgen. Die tiefgreifende Erfahrung der Mütterlichkeit und ihrer Weisheit wurde bagatellisiert. Wir konnten die Bedeutung der Decke nicht erkennen, weil wir woandershin geschaut haben. So haben wir verlernt, uns selbst und unseren Gefühlen zu vertrauen. Doch jetzt liegt die Decke der Mütter vor uns als mystisches, geheimnisvolles Gewebe, das uns an die Wege der Seele erinnert. Die Decke ist ein vergessener Schatz, den wir wiederentdecken.

Seit jeher geben Menschen ihr Wissen weiter, indem sie Geschichten erzählen.

Hier ist meine Geschichte – und gleichzeitig ist es deine Geschichte. Es ist die Geschichte darüber, wie wir durch geheimnisvolle Fäden alle miteinander verbunden sind. Sie alle bilden ein feines Gewebe. Ihre Bänder überbrücken lange Zeiträume und verbinden ganz unterschiedliche Ebenen miteinander. Unzählige Fäden ziehen sich durch unser Leben als Erinnerungen, Begebenheiten, Begegnungen und „Zufälle“.

Andere Fäden reichen ganz weit zurück in die Vergangenheit. Sie sind wie pulsierende Nabelschnüre, tiefe, uralte Wurzeln. Sie verbinden dich mit der Erde, mit deiner Mutter, deiner Großmutter, Urgroßmutter, Ururgroßmutter und immer weiter zurück bis zur allerersten Frau, die geboren hat. Diese allererste Frau hat ihr kleines, neugeborenes nacktes Kind sicher in ein Fell oder eine Decke gehüllt, um es zu beschützen. Damit es überlebt. Diese allererste Frau wird oft Göttin genannt. Und all die Frauen, die nach ihr kamen, haben ihr Baby auch in eine Decke gehüllt. In die Decke der Mütter.

Andere Fäden sind wie silbrig schimmernde Spinnweben. Diese zarten Schöpferfäden kommen aus unsichtbaren Ebenen und führen in den Alltag als Träume, Gefühle, Ideen, Fantasien, Visionen und Ahnungen: durchsichtige Fäden, die von irgendwoher kommen und voller Geheimnisse sind. Einige davon fließen aus meinem Herzen durch den Arm in die Hand aufs Papier. Diese Fäden führen nun zu dir.

Dann gibt es Fäden, die uns alle miteinander verbinden. Sie sind verwoben zu einer wunderschönen Decke, in die alle ihre Lebensfäden weben. Zuerst war mir dies nicht bewusst. Ich sah einzelne Lichtpunkte, die ein leuchtendes Netz bildeten, das die Erde umspannt. Im Laufe der Jahre konnte ich beobachten, dass die Maschen enger und die Lücken kleiner wurden. Ich erkannte, dass es ein Netz der Harmonie ist, und eine tiefe Freude breitete sich in mir aus. Nach und nach verstand ich, dass fast mein ganzes Leben der Vorbereitung dieser Entdeckungsreise gedient hatte. Irgendwann erkannte ich die Bedeutung für mich, für mein Leben. Ich begab mich auf die Suche nach einem tieferliegenden Geheimnis, zog an einzelnen Fäden und konnte an ihnen entlangreisen. An diesem Abenteuer möchte ich dich teilhaben lassen.

Eines Nachts träumte ich, ich wäre ein fünfjähriges Mädchen. Ich wurde sanft gewiegt, hörte leise Musik und sah wunderschönes Licht. War ich im Himmel?

Eine mütterliche Frau war bei mir und schaute mich liebevoll an. Sie hatte offenes, lockiges Haar und trug ein langes, dunkelblaues Kleid mit Sternen. Sie roch unglaublich gut, lächelte mich an und es war so, als ob ich sie schon sehr lange kennen würde. Wir sprachen miteinander. Doch ohne die Lippen zu bewegen. Unsere Verständigung geschah ohne Worte. Ich hörte und spürte, was sie dachte. Wir konnten uns ganz leicht verständigen, denn ihre Botschaft floss einfach in mich hinein.

Geliebte Tochter. Du bist einen langen, uralten Pfad der Prüfungen gegangen. Du warst wie ein Rohdiamant, der geschliffen werden musste, um seine Schönheit zu offenbaren. Für dich fühlte es sich an wie ein Gang über glühende Kohlen oder lange, schwankende Hängebrücken. Dein Kopf konnte nicht begreifen, was mit dir geschieht. Deine Sehnsucht hat dich dann an uralte Kraftorte geführt. Dort konntest du das Unsichtbare, Heilige spüren und erhieltest die Erinnerung. All dies hat dich auf deinen Seelenweg geführt.

Heute habe ich ein Geschenk für dich.

Es ist uralt und überaus kostbar. Denn es kann große Heilung bewirken. Wenn ich dir diesen Segen überreiche, ist damit der Auftrag verbunden, ihn mit anderen Menschen zu teilen. Du bist frei und musst dich nicht in diesem Augenblick entscheiden. Aber wenn du das Geschenk annimmst, ist es für dich UND die Welt.“

Ich stimmte ohne Überlegung aus ehrlichem Herzen zu. Die Himmelsfrau legte eine Decke um meine Schultern und sagte:

Dies ist die Decke der Mütter. Es ist eine kostbare alte Decke. Sie kann Wunder bewirken. Zuerst wird sie dich mit ihrer fürsorglichen, mütterlichen und warmen großmütterlichen Kraft heilen. Denn alle deine Ahninnen, Mütter und Ziehmütter, Tanten und Lehrerinnen haben wunderbare Gaben darin verwebt. Diese Zauberdecke enthält ihre Liebe, Lebenserfahrung und all ihre Weisheit, auch ihren Ideenreichtum und Segen, ihre Talente und zahlreichen Künste. Wenn du dich in die Decke der Mütter hüllst, wird sie dir Geborgenheit schenken und immer mehr ihrer Geheimnisse preisgeben.

Teilst du diese Decke irgendwann mit anderen, bleibt sie doch immer bei dir. Denn es ist ein magischer Gegenstand, eine himmlische Decke. Sie wird kraftvoller und machtvoller, je häufiger sie in Gebrauch ist. Die Decke der Mütter ist aufgeladen mit urweiblicher Lebenskraft und Kreativität. Sie hilft jeder Frau, an die Weisheit längst vergangener Tage anzuknüpfen, und unterstützt euch, die Zeit der stetigen Veränderungen so leicht wie möglich anzunehmen. Die Decke der Mütter schenkt euch eine starke innere Basis, in die ihr einkehren könnt, um aufzutanken und zu heilen.

Geliebte Tochter, bewahre die Erinnerung an diesen Traum in deinem Herzen. Wir senden dir Zeichen, damit du dich an diese Begegnung erinnerst und weißt, dass sie real ist.“

Diesen Traum hatte ich an einem Sonntag im April 1990 und habe niemandem davon erzählt.

Am darauffolgenden Dienstag brachte mir der Postbote ein Päckchen von meiner Patentante. Sie schrieb mir, dass sie etwas gefunden habe, von dem sie wisse, dass ich es haben solle. Es war ein kleines weißes Quadrat aus Spitze und stammte aus der Aussteuer meiner Großmutter Johanna, die damals schon achtzehn Jahre tot war. Dieses überraschende Geschenk hat mich zu Tränen gerührt und ich hüte es bis heute. Für mich war die kleine Decke die Bestätigung meines Traums.

Kurze Zeit später erhielt ich den nächsten Hinweis: Zu Weihnachten schenkte mir meine Mutter eine wunderschöne Tischdecke. Sie war aus weißem Stoff, von zarter Spitze unterbrochen. Meine Mutter erzählte, dass sie bei einem ihrer Naturspaziergänge an einem einsamen Bauernhaus vorbeikam und beobachtete, wie Männer Möbel, Gerätschaften und ganze Stoffballen aus einem alten Hausstand verbrannten. Sie erkannte, dass der Inhalt einer Aussteuertruhe im Feuer landete, so auch Stoff aus handgewebtem Leinen. Einen dieser Stoffballen konnte sie retten. Daraus nähte sie für sich und ihre drei Töchter große, wunderschöne Tischdecken.

Den dritten Hinweis bekam ich im folgenden Frühjahr von meinem Mann, der meinen Traum nicht kannte. Er brachte mir aus Japan ein kleines Bild mit, in dem sich eine sehr feine, zarte Weberei befindet, die in grünen und braunen Tönen gehalten ist. Heute schaue ich genau hin und interpretiere dieses gewebte Geschenk. Es enthält die heilsame grüne Energie der Erde und besitzt einen festen (Bilder-)Rahmen. Ganz genau so soll meine „Decke der Mütter“ sein.

So wurde mein Traum in kurzer Zeit dreimal bestätigt.

Dennoch ließ ich ihn mir vom Alltag stehlen. Aber der Begriff „Decke der Mütter“ kam mir immer wieder in den Sinn. Allerdings wusste ich nicht, wie ich eine „Decke der Mütter“ hätte herstellen können. Doch ich erhielt weitere Zeichen.

Meine Schwester machte mir einen selbst genähten Kissenbezug zum Geschenk. Darauf hatte sie zwei Schwestern gestickt, die sich umarmen. Vor einigen Jahren brachte mir mein Sohn Matthias aus den USA eine indianische Patchworkdecke mit, die er auf einem „Powwow“ geschenkt bekommen hatte. Schließlich schenkten mir meine Freundinnen zum Geburtstag eine Patchworkdecke mit einzelnen Quadraten, die sie gemalt, gehäkelt, genäht und gestaltet hatten.

Dann bekam ich von meinem ältesten Sohn ein Bild von Gustav Klimt, auf dem Hygieia abgebildet ist. Sie ist die wundertätige Tochter des Äskulap. Hygieia erinnerte mich an meine Berufung als Heilerin und daran, mein Wissen in die Welt zu bringen. Hygieia wurde als Göttin der seelischen und körperlichen Gesundheit verehrt. Sie ist eine machtvolle Heilerin und ihr Symbol ist die sich selbst erneuernde Schlange.

Jedes dieser Geschenke erinnerte mich an meine Aufgabe. Auch auf meinen inneren Reisen erhielt ich wertvolle Umhänge, bunt verzierte Gürtel und gewebte Beutel, die geheime Medizindinge enthielten. Ich wurde wieder und immer wieder an meinen Traum erinnert. Inzwischen sind mehr als drei Jahrzehnte vergangen.

Aber erst heute weiß ich, wie meine „Decke der Mütter“ aussehen kann: Es ist ein Buch – bunt und wärmend für die Seele, schön und kraftvoll, gefüttert mit wohltuenden Dingen.

Ein Buch, das du nicht aus der Hand geben magst, denn es erzählt uralte Geschichten und hüllt dich ein wie eine „Decke der Mütter“. Die Erinnerung an die „Decke der Mütter“ kam zu mir zurück, als ich 2022 das Buch Die weibliche Kraft kehrt zurück: Die Magie des Kreises beendet hatte. Mein Herz war noch sehr offen für den Schreibprozess. Jeden Tag schrieb ich mehrere Stunden lang kurze und längere Texte. Nachdem es etwa 150 Seiten waren, fragte ich mich: „Wie kann ich aus diesen vielen unterschiedlichen Texten ein Buch machen? Wie wird daraus ein Ganzes?“ Plötzlich kam mir die Idee: Diese verschiedenen Texte sind einzelne Puzzleteile. Zusammen bilden sie ein Ganzes. Ist das vielleicht die „Decke der Mütter“?

Ein heilendes Gewebe entsteht – verziert mit kreativen Ideen und praktischen Impulsen

Die Decke der Mütter ist verziert mit Symbolen, Ritualen, Traditionen, Methoden, praktischen Impulsen, Übungen, Poesie und altem Wissen.

In die Decke der Mütter ist auch poetische Wortmedizin verwebt. Diese Seelentexte sind Botschaften aus der geistigen Welt. Die Wortmedizin ist gewebt aus zarten Sprachfäden und frischem Morgennebel. Sie bringt das ins Fließen, was in deinem Leben stockt. Mit ihr sickert genau das in dein Unterbewusstsein, was du gerade brauchst: Gesundheit, Kraft und Weisheit. Die Wortmedizin erinnert dich an die Liebe, die in dir wohnt. Sie schenkt Segen und Heilung, denn sie kennt den Weg aus der Angst in die Verbundenheit. Wie süße Muttermilch tropft die Wortmedizin in dein Leben, damit du dich aufrichtest und die bist, die du schon immer warst. Sie bringt dich zurück auf den Weg deiner Seele.

Es gibt bunte Patchworkdecken, die aus unterschiedlichen Stoffen zusammengenäht sind. Frauen haben schon immer den Faden der Transformation aufgenommen und solche Decken kreiert. Das fühlte sich stimmig an und beflügelte mich. Doch ich bin nicht nur eine Träumerin, sondern auch eine sehr praktische Frau und fragte mich gleich danach: „Wie kann aus einzelnen Textfragmenten ein Buch entstehen, das wie eine weiche Decke Geborgenheit schenkt und wärmt?“

Ich konnte es nicht beantworten.

Abends ging ich mit dieser Frage zu Bett und bat um Inspiration. Am nächsten Morgen erinnerte ich mich an Prophezeiungen vieler Völker, die besagen, dass in großen Umbruchzeiten Frauen aus allen vier Himmelsrichtungen zusammenkommen werden, um ihr Wissen zur Verfügung zu stellen und die Zukunft zu retten. Ich hatte vom internationalen Rat der indigenen Großmütter gehört. Sie pflanzen die Samen der bedingungslosen Liebe in die Herzen und stellen die Würde des Lebens wieder her.

Ich machte lange Ausflüge in die Stille und entdeckte schließlich dreizehn geheimnisvolle Indianerinnen. Alle diese Frauen stehen für sich und werden nicht über ihre Beziehung zu Männern definiert. Sie sind Mittlerinnen zwischen den Welten und machen uns die Fähigkeit zum Geschenk, Ideen auszutauschen und frei in einen Dialog zu treten. Diese weisen Frauen erinnern uns daran, wer wir sind, warum wir hier sind und was das Heilige in unserem Leben ist. Sie rufen uns zusammen, damit wir Heilung, Hoffnung und Erneuerung für alle Wesen verankern.

Auszug aus dem Buch „Die Decke Der Mütter. Erinnern, heilen, schützen. Altes Wissen und weibliche Heilkunst“ von Jutta Westphalen. Die fünffache Mutter ist Diplom-Pädagogin, systemische Familienaufstellerin, Coach und Autorin. Über 25 Jahre gab sie in eigener Praxis Einzelberatungen und Frauen-Workshops. Ihre Themen sind Meditation, Selbsterfahrung, Intuitionsschulung, weibliche Kraft, Medizinrad-Wissen und schamanische Reisen.

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