Seelenpoesie: Rollen

Mit meiner Geburt
bekam ich die Rollen
des Kindes, der Tochter,
der Schwester, der Enkelin,
der Urenkelin und der Cousine.
Mit meinem Kindsein
bekam ich die Rollen
der Fremdbehüteten,
der Spielgefährtin,
des Kindergartenkindes
und die des Kindes getrennter Eltern.
Mit meiner Schulzeit
bekam ich die Rollen
der Angepassten,
der Lernenden,
der ersten Freundin,
der Vertrauten,
der Unverstandenen
und der Stillen.
Mit meinem Erwachsensein
bekam ich die Rollen
der Frau,
der Gefährtin,
der Suchenden,
der Auszubildenden,
der Angestellten,
der Kollegin,
der Verliebten,
der Ehefrau,
der Tante,
der Mutter
und der Kämpferin.
Ich bekam in meinem Leben
viele Rollen. Einige davon
wählte ich selbst.
Mit der Zeit erkannte ich,
dass ich glaubte,
ich sei meine Rollen.
Ich nahm an,
sie seien Aspekte
meiner Identität.
Sie gaben meinem Leben
einen Sinn.
Doch dann kam der Zeitpunkt,
da ich unter dem Gewicht
meiner Rollen zusammenbrach.
Erschöpft und resigniert
fegte ich die Scherben auf.
Beim Sortieren der Teile
formte sich ein neues Bild.
Eines, das Lücken aufwies.
Eines, das unvollkommen schien.
Eines, das mich mit meinen Gefühlen konfrontierte.
Ich weinte, ich zweifelte,
ich haderte, ich tobte,
ich zeterte und verurteilte,
und gleichzeitig
entstand in den leeren Räumen
meines Lebenspuzzles
Platz für mein Selbst.
Mehr und mehr
dehnte ich mich
in mich hinein
und erkannte:
Ich bin nicht
die Summe meiner Teile.
Ich bin nicht die Stimmen
in meinem Kopf.
Ich bin nicht die Rollen,
die ich bekam oder wählte.
Ich bin ein Mensch,
der sich selbst Sinn gibt,
indem er liebt,
indem er lebt,
indem er Erfahrungen sammelt,
indem er loslässt,
indem er schöpft, kreiert
und sich selbst feiert.
Ich bin die, die wählt.
Das lässt mich frei sein
im freien Sein.
© Alexandra Thoese
Seelenpoesie – eine musikalische Lesung von Alexandra Thoese, begleitet von den einfühlsamen Klängen von Frank Wendeberg. Erlebe die Texte als besondere Verbindung von Poesie, Stimme und Musik – bequem als MP3-Download. https://alexandrathoese.de/produkt/seelenpoesie-musikalische-lesung/





Danke liebe Alexandra für diese Poesie. Ich finde mich in deinen Worten .
Liebe Alexandra!
Wie so oft, berühren mich deine Worte, lassen mich ein Stück friedlicher auf mich und alles um mich herum schauen.
Herzensdank und Herzensgrüße
Imke
Liebe Alexandera Danke für deine Gedanken die du aufgeschrieben hast. In deiner Poesie finde ich mich auch wieder. Vor Jahren hatte ich mal ein Büchlein von dir und deinen Gedanken. Hast du wieder mehr Bücher und in welchem würde ich die heutigen Gedanken finden. Liebe Grüße Anne Peters-Dings ❤️
Wieder so ein berührender Text, liebe Alexandra! Danke dafür. Mögen wir immer leichter unpassend gewordene Rollen loslassen und ins freie SEIN hineinwachsen. Immer mehr und immer wieder.
Liebe Alexandra, es hat mich soooo sehr berührt. Danke dafür. Birgit
Liebe Alexandra,
es stimmt einfach: deine Poesie berührt, schenkt und erweckt den eigenen Mut, erinnert mich an Liebe und an mein eigenes Lieben und an Seele sein. Mein Sein.
Herzlichen Dank.
Ich habe mal gleich die Lesungen gekauft und freue mich sehr auf dich 🙂
Liebe Grüße Monika
Eine feine Wortstimmung…, und Vervollständigung und dem „sowohl als auch“. Große Freude meinerseits, deine Erlebnissätze zu lesen. Mit fällt dazu ein Zitat von Paulo Coelho ein: „Wenn du „ja“ sagst, dann sei dir sicher, dass du nicht „nein“ zu dir selbst sagst“. Danke und freisinnige 🙂 Grüße, Paula
Liebe Alexandra,da fiel mir direkt Virginia Satir ein. Es gibt ein Zitat von ihr, welches wohl gut passt. Oder?
„Manchmal muß man aus der Rolle fallen, um aus der Falle zu rollen.“
Danke für diese konstruktiven Gedanken zu einem sehr wichtigen Thema
Viele liebe Grüße
Gisela
Mhmmmm, ich danke euch allen für die wunderschöne Resonanz auf meine Poesie. Möge es uns immer mehr gelingen Identifikationen mit Rollen abzulegen und unser wahres Selbst zu leben 💞🫂✨🌈🍀🙏🏻 In Verbundenheit, Alexandra