Was mich diese Schnecke gelehrt hat

Mit meinem Frühstück hatte ich auf dem gepflegten Grundstück ein kleines Eckchen aufgesucht, das einigermaßen naturbelassen war. Zu gerne lese ich beim Essen, doch verschiedene Lehren sind sich einig, dass es zuträglich ist, beim Essen nichts anderes zu machen, sondern eben nur zu essen – und das möglichst bewusst. Da ich aktuell mit einigen
Verdauungsthemen zu tun habe, dachte ich, warum nicht mal ausprobieren. Ich liebe es ohnehin, in der Natur unter freiem Himmel zu essen.
So platzierte ich mein Höckerchen intuitiv und sah erst dann die Schnecke. „Guten Morgen, liebe Schnecke, wie schön dich zu sehen!“ Eine Taube gurrte in der Kastanie über mir und sorgte zusätzlich für friedliche und entspannte Stimmung.
Ich versuchte die Schnecke mit den Augen eines Kindes zu beobachten, und es kamen Fragen wie „Wenn die Schnecke draußen ist, ist dann ihr Gehäuse ganz leer?“ oder „Wo und wie ist die Schnecke eigentlich ‚festgemacht‘ in ihrem Haus?“. Sie suchte sich in Zeitlupe ihren Weg, und es war herrlich entschleunigend ihr dabei zuzusehen.
Als sie geradewegs auf einen vergleichsweise großen und festen Halm zusteuerte und diesen noch nicht bemerkt zu haben schien, dachte ich „Achtung, liebe Schnecke!“. Der Halm befand sich mitten vor ihrem Kopf, zwischen ihren langen Fühlern. Mein Gedanke war, dass sie jetzt wahrscheinlich ein Stück zurückgleiten würde, um ihn dann weiträumig zu umschiffen. Ich fieberte richtig mit und muss gestehen, dass ich in dem Fall wohl sehr frustriert gewesen wäre, nehme ich doch nach Möglichkeit immer gern den direkten, geraden Weg.
Aber anstatt ein ganzes Stück zurückzugleiten, hob sie nur ein wenig ihren Kopf, zog den rechten Fühler ein, setzte den Kopf elegant ein kleines Stück links vom Halm wieder auf und zog weiter, als wenn nichts gewesen wäre. Kein Groll, kein Widerstand, einfach mühelos am Hindernis vorbeigleiten.
Ein kurzes Stück weiter konnte ich beobachten, wie sie mit kleineren, leichteren Hindernissen (Grashalmen) umging: Sie hob erneut den Kopf, aber nicht um auszuweichen, sondern um den Halm mit ihrem Kopf herunterzudrücken und ohne Anstrengung über ihn hinwegzugleiten. Der Halm wurde dabei nicht beschädigt und richtete sich danach einfach
wieder auf.
Kleinere Hindernisse können also ebenso elegant überwunden werden wie größere – und zwar ohne Kampf oder dass man sie zerstört. Einfach miteinander einen Weg finden: daran vorbei- oder darüber hinweggleiten, seinen Weg fortsetzen und ganz im Moment bleiben. Ohne Bewertung, ohne Reflektion, ohne Anhaften. Es war, wie es war.
Ich finde es immer wieder bemerkenswert und einfach wundervoll, was wir von der Natur lernen können, und wie demütig einen solche Momente manchmal machen. Das Leben kann so einfach sein – eigentlich ist es das
doch auch. ♡
Britta liebt die Natur, und sie liebt es, ihre Gedanken und Beobachtungen in Worte zu fassen. Am liebsten mag sie, wenn beides zusammenkommt und Texte wie dieser entstehen.




