Die Kunst des Wandels: Bitte nicht mehr vom Alten

Die dritte Lebensphase – Dem Zyklus des Lebens nicht im Wege stehen. Wenn wir um die 60 Jahre alt werden, beginnt für viele von uns eine ganz besondere Zeit: die der dritten Lebensphase. Ein Übergang, der uns aus dem vertrauten Rhythmus der Erwerbsarbeit herausführt und uns vor die Frage stellt: Wer bin ich ohne meine Arbeit? Diese Phase ist weit mehr als ein Lebensabschnitt – sie ist der Ruf unserer Seele, dem natürlichen Zyklus des Lebens nicht im Wege zustehen.
Dem Lebenszyklus vertrauen
Wie die Jahreszeiten ihren Lauf nehmen, so durchlaufen auch wir Menschen Phasen des Wachsens, Blühens, Reifens und Loslassens. Die dritte Lebensphase ist wie der Spätsommer und Herbst unseres Lebens – eine Zeit, in der wir die Früchte unserer Erfahrungen ernten dürfen. Unsere menschlich reifen Früchte sind erwachsene Kinder, Enkel, berufliches Potenzial, kognitives Wissen, erworbene Güter, Lebenserfahrung/-weisheit, usw. Diese reifen Früchte dürfen wir mit Würde und Stolz zutiefst wertschätzen und uns gleichzeitig darauf vorbereiten, sie ganz loszulassen.
Das Alter erlaubt und fordert uns sogar auf, uns zu distanzieren und uns schrittweise von überholten Verantwortungen zu entbinden – die ‚Hand zu öffnen‘ und sie gehen zulassen. Schritt für Schritt.
Mehr Sein statt Schein
Die Arbeit hat uns lange geprägt. Sie war nicht nur unser Einkommen, sondern auch ein Anker für unsere Identität, ein Ort der Anerkennung, ein Raum für Begegnungen und soziale Verbundenheit. Wenn wir uns von dieser Rolle lösen, dann ist da erst einmal nichts Neues.
Lebensübergänge sind ein Prozess, der nicht nur Mut, Zeit und Kraft braucht, sondern auch eine Initiation. Diese gestaltet sich in einer Dreiteilung: Loslassen – Leere – Neuausrichtung. Die Leere ist meistens der Zustand, den wir am wenigsten fühlen wollen. Das Nicht-Wissen. Manchmal kann es sich wie grenzenlose Langeweile anfühlen, dann wieder wie Kranksein oder völlige Orientierungslosigkeit und Minderwertigkeit. Sie kann sich auch in Unruhe, Ablenkung und Hyperaktivität darstellen. Diese Vermeidungsstrategien haben wir über viele Jahre hindurch eingeübt und perfektioniert. Sie wollen uns beschützen.
Doch Vorsicht. Der Eintritt in die dritte Lebensphase ist auch der Eintritt in die Masterclass unseres Lebens. Sie bietet die Chance zu mehr innerer Freiheit. Zu mehr Sein statt Schein. Und sie stellt uns vor eine kulturelle Neuausrichtung, in der wir die Chance habe, eine neue Ältestenschaft mitzukreieren. Eine neue Ältestenschaft, die den werbewirksamen Jugendwahn hinter sich lässt und neue Werte entwickelt.
Wir sind viele.
Die Kraft der Gemeinschaft und der Wandel
In sozialen Zusammenhängen braucht es eine kritische Masse an Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen, damit sich Veränderungen dauerhaft etablieren. Wenn wir uns gegenseitig auf diesem Weg unterstützen und gemeinsam neue Lebensformen gestalten, entsteht ein Netzwerk aus Verbundenheit und Sinn. Studien zeigen, dass etwa 10–30 % der Bevölkerung nötig sind, um eine dauerhafte Verhaltensänderung in einer Gemeinschaft auszulösen. Soziale Netzwerke können dabei sehr dienlich sein. Sie verstärken die Verbreitung von Ideen oder Verhaltensweisen. Wir sind viele.
Ich suche nicht, ich finde.
Dieses offen sein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen:
Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen,
der in aller Angst des Loslassens
doch die Gnade des Gehaltenseins
im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.
Pablo Picasso







Danke für diesen Artikel.
Ich finde es wichtig, das mal zu beschreiben, einschließlich der „schwierigen“ Gefühle dabei. Zu oft habe ich den Eindruck, dass wir so tun, als sei das alles Dank unserer Lebenserfahrung und unserer (spirituellen) Ausrichtung einfach.
Genau wie uns dauernd „kostenlose Masterclasses“ offeriert werden. Doch das Leben ist anders, und auch wenn vieles leichter geht, ist eine Masterclass eben nicht ohne Einsatz zu haben. Ent-Konditionierung muss nicht anstrengend sein, doch tatsächlich braucht sie Zeit und Fokus und Pausen.
Gleichzeitig stimmt es: wir sind viele und können uns gegenseitig anstiftend zur Veränderung und auch andere anstecken. Danke!