Eine Weihnachtsgeschichte

Lesezeit 6 Minuten –

Später würde man sich an diesen Winter als einen der kältesten erinnern, den London jemals erlebt hatte. Der Schmutz aus unzähligen Schornsteinen legte sich als zäher Nebel über die Dächer und verdunkelte den Tag. Der Glanz der kurz bevorstehenden Weihnacht hatte es schwer, durch die rußige Schicht in die Herzen der Menschen zu gelangen. Die meisten waren in dieser Zeit froh, wenn es für eine warme Mahlzeit am Tag und genügend Holz für den Ofen reichte.

In einem kleinen Zimmer über einer Bäckerei lebten James und Mary. Die beiden kamen gerade aus mit dem, was sie verdienten, wünschten beide, sie könnten es sich leisten, dem anderen ein Geschenk zu machen. Doch dafür reichte ihr Lohn beim besten Willen nicht aus. Mary musste schon sparen, um einen ansehnlichen Braten zum Fest bereiten zu können. Dabei wusste Mary ganz genau, was sie James hätte schenken wollen: der Pfandleiher hatte eine wunderbar glänzende Uhrenkette aus Gold in der Auslage, die genau zu James Taschenuhr passte – das einzige Erbstück seines Vaters. Wie gern hätte sie James die Kette geschenkt. Wie stolz er dann seine Uhr aus der Westentasche hätte holen können! Nie mehr hätte er Sorge haben müssen, die Uhr zu verlieren. Doch es half alles nichts – ihr Geld genügte nicht für die goldene Kette.

In derselben Auslage, nur ein kleines Stückchen weiter rechts, lag ein Kamm aus Elfenbein, filigran und kunstvoll gearbeitet. Und als wäre das nicht genug, funkelten sechs kleine Edelsteine darauf wie Sterne. James hätte Mary zu Weihnachten so gerne mit dem Kamm überrascht. Er wäre die vollkommene Zier für Marys langes blondes Haar, das selbst in der dunkelsten Zeit des Jahres glänzte, als fiele strahlend das Sonnenlicht darauf. Doch James hatte nicht das Geld, um den Kamm zu kaufen. Seine Arbeit als Gehilfe eines Lohnbuchhalters wurde schlecht bezahlt und das Leben in London war teuer.

Am Morgen des Heiligen Abend begann ein wildes Schneegestöber, das nicht wieder nachlassen wollte. James verbrachte den Tag bei der Arbeit, die Löhne sollten vor den Feiertagen ausgezahlt werden. Die Gesichter, in die James sah, als er ihnen der Reihe nach das hart verdiente Geld reichte, waren müde und blass, aber auch voller Vorfreude auf die Feiertage. James selbst fühlte sich beschwingt und fast ein wenig übermütig. Nicht nur, dass er sich auf die Weihnachtstage mit seiner geliebten Mary freute, nein, er hatte auch noch etwas ganz Besonderes im Sinn. So konnte er es kaum abwarten, dem letzten Arbeiter seinen Umschlag in die Hand zu geben. Mit einem Strahlen im Gesicht wünschte er Mr.Farnham, seinem Boss, ein friedliches Fest und beeilte sich, das Büro zu verlassen.

Völlig eingeschneit kam James eine Stunde später zu Hause an. So gut es ging klopfte er sich den Schnee von Kleidung und Schuhen, nachdem er das Haus betreten hatte. Bevor er die Tür zur kleinen Wohnung aufschloss, griff er noch einmal kurz in seine Manteltasche und lächelte. Der Tisch war gedeckt und aus der Küche duftete es nach Essen, aber Mary schien nicht da zu sein. James zog die kleine Schatulle aus seiner Manteltasche und stellte sie auf Marys Platz auf den Tisch. Er legte den Mantel ab, zündete die Kerzen an und setze sich, um auf seine Geliebte zu warten. Nach wenigen Minuten öffnete sich die Tür und eine schneebedeckte Mary kam herein. Ihren alten Mantel hatte sie fest um sich gewickelt und Mütze und Schal hatten sie so gut es ging vor dem Flockengetümmel geschützt. Als sie James am Tisch sitzen sah, strahlte ihr Gesicht.

„Du bist schon hier, wie schön!“ Ohne abzulegen holte sie ein in braunes Papier gewickeltes Päckchen aus ihrer Manteltasche und reichte es James über den Tisch hinweg. „Ich kann nicht länger abwarten, du sollst dein Geschenk jetzt gleich haben. Frohe Weihnachten, mein Liebster!“
James nahm das Päckchen freudig entgegen. „Oh meine Mary, wie wunderbar du bist!“
„Nun öffne es schon, ich will sehen, ob dir mein Geschenk gefällt!“
James wickelte das Papier ab und zum Vorschein kam die goldene Uhrenkette aus der Auslage des Pfandleihers. Erwartungsvoll sah Mary James an.
„Nun, was sagst du? Du kannst deine Uhr jetzt wie ein echter Gentleman tragen!“
Mary suchte nach Freude in James’ Blick, doch sie fand nur Staunen und dann Traurigkeit.
„Was ist? Gefällt sie dir nicht?“
„Oh, Mary, die Kette ist ausgezeichnet, genau so eine habe ich mir immer gewünscht. Es ist nur…“
„Was, mein Liebster, was ist denn?“
„Die Uhr gehört mir nicht mehr. Ich habe sie heute zum Pfandleiher gebracht, um mein Geschenk an dich bezahlen zu können.“ Er deutete auf die kleine Schatulle auf Marys Platz. „Fröhliche Weihnachten, meine Liebste!“
Noch bevor sie den hölzernen Deckel ganz geöffnet hatte, sah Mary das Funkeln der sechs kleinen Edelsteine auf dem Kamm aus Elfenbein. Sie betrachtete den Kamm mit gesenktem Kopf. Als sie aufsah, standen Tränen in ihren Augen. „Oh James, wie wunderschön.“
„Und er wird noch schöner, wenn du ihn erst in deinem goldenen Haar trägst.“
„James, es tut mir so leid. Ich brauchte Geld, um die Uhrenkette bezahlen zu können. Und
da ich nicht wusste, woher sonst ich es hätte nehmen können, da habe ich….“
Sie begann zu schluchzen.
„Was hast du getan, mein Liebling?“
Mary zog die Mütze vom Kopf. „Ich habe mein Haar dem Perückenmacher verkauft.“ Tränen liefen über ihre Wangen. James war sprachlos. Ungläubig starrte er auf den stoppeligen Schopf. Nach ein paar Augenblicken fand James die Sprache wieder: „Du hast mir also eine goldene Kette für meine Taschenuhr gekauft.“
Mary nickte. Dicke Tränen tropften auf das Elfenbein.
„Aber ich habe die Uhr zum Pfandleiher gebracht, um dir den Kamm zu schenken“, fuhr
James fort und ein Lächeln begann sich in seine Stimme zu schleichen.
„Aber du kannst ihn gar nicht mehr tragen, denn du hast dein Haar dem Perückenmacher verkauft.“ Wieder nickte Mary. „Damit du Geld für die Uhrenkette hattest“, schmunzelte James.

Als sich ihre Blicke trafen, brachen sie in schallendes Gelächter aus. Sie lachten so laut und so lange, dass sie ganz erschöpft davon waren und ihnen die Bäuche wehtaten. James stand endlich auf und ging um den Tisch herum, um Mary zu umarmen. So standen sie da, als würden sie sich nicht mehr loslassen wollen. Beide hatten ihren wertvollsten Besitz gegeben, um dem anderen ein Geschenk zu machen. Und das machte sie in diesem Moment nicht nur zu den glücklichsten, sondern auch zu den reichsten Menschen in ganz London.

Das Original der Geschichte heißt Das Geschenk der Weisen und ist von O. Henry (Pseudonym für William Sidney Porter). Dieser wurde am 11. September 1862 als Sohn eines Arztes in North Carolina, USA, geboren. Mit fünfzehn Jahren ging er nach Texas, wo er seinen Lebensunterhalt als Ranch-Arbeiter, Buchhalter und Bankkassierer verdiente. Als er wegen einer geringfügigen Veruntreuung vor Gericht gestellt werden sollte, floh er nach Südamerika. Auf die Nachricht von der hoffnungslosen Erkrankung seiner Frau kehrte er zurück, wurde sogleich verhaftet und für drei Jahre ins Gefängnis gesteckt. Hier entstanden seine ersten Erzählungen. Nach seiner Freilassung fand er in New York ein neues Zuhause. Hier spielen die allermeisten seiner etwa sechshundert Kurzgeschichten. O. Henry war ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit und Zeitgenossen. Dabei stand er stets auf der Seite der »kleinen Leute«.

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Gastbeitrag
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3 Kommentare

  1. ich habe den film so1962 als kimd im fernseh gesehen wieso wird so ein schöner film nich auf dvd gemacht sonnst gibt es doch alte klassiger auf dvd

  2. Die Geschichte ist zauberhaft, ich kenne sie schon lange. Bei der Weihnachtsfeier von meinem Senioren Tanzkreis, werde ich sie in der gemütlichen Runde beim Kaffeetrinken zum besten geben. Alle Tänzer und Tänzerinnen sind in dem Alter, wo sie diese schlechten Zeiten noch erlebt haben .

  3. Diese Geschichte bekamen wir in der Weihnachtszeit von unserer Klassenlehrerin vorgelesen. Ich war schon als Kind sehr beeindruckt von dem Weihnachtmärchen, bin es heute noch!

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