Berater für Biodiversität

Winzerberater Daniel Wyss (rechts) im Weinberg mit Rioja-Winzer Francisco Ruiz

Winzerberater Daniel Wyss (rechts) im Weinberg mit Rioja-Winzer Francisco Ruiz

Jahr für Jahr ist der Delinat-Winzerberater Daniel Wyss auf über hundert Weingütern in ganz Europa unterwegs. Er steht den Winzern beratend bei der praxisgerechten Umsetzung der strengen Delinat-Richtlinien zur Seite und motivieren sie, die Biodiversität in den Rebbergen zu verbessern. In diesem Interview gibt Daniel Wyss Einblick in diese anspruchsvolle und schöne Tätigkeit.

Du bist oft in Europa unterwegs. Wie beurteilst du als Ökologe und Winzerberater generell den Zustand der Biodiversität? Wie vielfältig ist unsere Natur noch?
Daniel Wyss: Es gibt sie noch, die schönen unberührten Landschaften in Europa. Orte, an denen sich Fauna und Flora mit oder neben der Nutzung durch den Menschen entfalten können und die Vielfalt noch gross ist. Dort, wo Menschen aber intensive Landwirtschaft betreiben, wo Industrie und Siedlung dicht sind, sind Zerstörung und Verarmung der Landschaft sehr gross.

Wie präsentiert sich die Situation in den Weinbergen Europas?
Die EU fördert leider noch immer den intensiven Rebbau. Alte Reben im Einzelstocksystem und in Mischkulturen mit Oliven und Fruchtbäumen werden ausgerissen. Stattdessen werden intensive Drahterziehungsanlagen mit Bewässerung unterstützt. Das Wasser wird teilweise aus über 150 Meter Tiefe gepumpt. Vorzeitliche Grundwasserseen werden dadurch irreversibel zerstört.

Viele Rebberge von Delinat-Winzern kennst du wie deine Hosentasche. Was ist hier anders?
Unsere Winzer erhalten die natürliche Vielfalt mit Bäumen und Sträuchern in und um ihre Rebparzellen. Sie reissen sogar Reben aus, um Platz zu machen für Bäume und Sträucher. Ganzjährig begrünte Weinberge sind im Süden nur auf Delinat-Betrieben zu sehen.

Weshalb ist eine grosse Biodiversität im Weinberg so wichtig?
Die Vielfalt stärkt das Ökosystem Rebberg, wodurch Schadorganismen natürlicherweise nicht mehr so stark auftreten. Biodiversität erfreut nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen.

Du versuchst, die Winzer von den Vorteilen einer grossen Artenvielfalt zu überzeugen. Gelingt das überall gleich gut?
Je weniger finanzielle Mittel dem Winzer zur Verfügung stehen und je trockener die Region, desto schwieriger ist es, ein System für die Zukunft aufzubauen. Oft sind die ökonomischen Zwänge gross. Investitionen sind nur im kleinen Rahmen möglich. Zum Glück sind unsere Winzer innovativ, zukunftsorientiert und umweltbewusst. So können wir gemeinsam angepasste Begrünungssysteme entwickeln, die wenig kosten, für die Fruchtbarkeit und die Artenvielfalt aber langfristig viel bringen.

Wo und weshalb gibt es am meisten Widerstand?
In den trockensten Regionen braucht es viel Zeit und Geduld. Es gilt Rückschläge zu verkraften. Ein gutes Resultat wird oft erst nach mehreren Einsaaten verschiedener Begleitkräuter erreicht. Deshalb ist es wichtig, dass ich als Berater die Winzer über Jahre begleite.

Schätzen die Winzer die hohen Anforderungen und die intensive Beratung durch Delinat überhaupt?
Wir können unsere Anforderungen bei den Richtlinien nur so hoch schrauben, weil die Zusammenarbeit mit unseren Winzern auf einer langjährigen Partnerschaft beruht. Dass wir die Winzer seit Jahren mit unseren Beratungsbesuchen und Winzerseminaren begleiten, ist ein wichtiger Pfeiler. Daraus ergeben sich eine vertrauensvolle Partnerschaft und gute Freundschaften über ganz Europa hinweg.

Zur Person: Daniel Wyss, 1966 geboren, Landwirt und Landschaftsarchitekt FH, seit über 30 Jahren mit der biologischen Landwirtschaft beschäftigt: in praktischer Tätigkeit am Forschungsinstitut für biologischen Landbau, bei bio.inspecta und seit 2002 bei Delinat. Hier ist er zuständig für Richtlinienentwicklung und Winzerberatung in Spanien, Frankreich, Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Hintergrund: Biodiversität im Weinberg
Jeder Weinberg ist ein eigenes Ökosystem. Auch hier bedeutet eine hohe Biodiversität mehr ökologische Stabilität und weniger Probleme mit Schädlingen. Die industrielle Weinproduktion ist leider weit davon entfernt. Nur sehr wenige Tiere und Pflanzen können in einem Umfeld überleben, in dem giftige Insektizide, Fungizide, Herbizide und Kunstdünger eingesetzt werden. Selbst Bioweinbau ist oft reine Monokultur, Begleitpflanzen werden systematisch weggepflügt, zurück bleibt eine unwirtliche Rebenwüste.

delinatbiodiversitätDelinat und ihre Winzer gehen schon seit 1980 andere Wege. Die Anbaumethoden nach den 116 Punkten der Delinat-Richtlinien sind darauf ausgelegt, eine möglichst reiche und natürliche Biodiversität in den Weinbergen zu ermöglichen. Und das geht so:
Die Grundlage ist ein gesunder Boden. Zwischen den Reben werden vielfältige Kräuter gepflanzt, um das Leben im Boden zu fördern. Der Stoffwechsel zwischen Wurzeln, Pilzen, Hefen, Bakterien, Würmern und Käfern bildet ein eigenes, sehr stabiles Ökosystem. Auch ohne Dünger gedeihen die Reben prächtig. Ein Gramm Erde eines Delinat-Weinbergs beherbergt über eine Milliarden Lebewesen. Um und im Weinberg wachsen Sträucher, Hecken und Bäume, die Lebensraum für Kleintiere, Vögel, Insekten, Spinnen und Mikroben bieten.

Seit über 30 Jahren setzt sich Delinat aus Überzeugung für mehr Biodiversität im Weinbau ein. Jetzt wollen sie gemeinsam mit ihren Winzern ein starkes Zeichen setzen. Der Internationale Tag der biologischen Vielfalt vom 22. Mai 2015 wird zum DELINAT-Tag der Biodiversität! und die newslichter feiern mit!

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