Stille Nacht, stressfreie Nacht

IMG_7839Von Christoph Quarch. Der Zauber der Weihnacht enthüllt sich nur da, wo wir uns dem Lärm des Marktes verschließen und auf die Stimme unserer Liebsten hören. Seit langem ist sie nicht mehr still, und heilig ist sie schon mal gar nicht. Eilig ist die Weihnacht oft, geprägt von Hetze, Lärm und Frust: zu viele, die zur Weihnacht schlaflos sind, zu viele, die an Heiligabend einsam wachen, während die anderen lärmend feiern und von Gesellschaft zu Gesellschaft hecheln. Geschenkeorgien auf der einen Seite, gepaart mit ungewollter Völlerei; und auf der anderen Seite kalte Sehnsucht nach dem Traumbild, was Weihnachten in Kindheitstagen einmal war: ein stilles Fest im Kreis der Lieben, mit Kerzenschein und Tannenbaum.

So oder so: Der schöne Traum vom Weihnachtsfest zerbricht meist an der Wirklichkeit und wandelt sich zum Alptraum. Allein die Wochen vor dem Fest, die Vorbereitungen und Einkäufe, die Flut von Dingen, die getan sein wollen – sie lassen einen oft verzweifeln. Ganz, wie die vielen Stunden in der Küche, oder die Reisen zu den Eltern und
Verwandten. Erholung ist in diesen Tagen selten angesagt, dafür fast immer Stress, Streit und Familienknatsch. An Weihnachten schnellt nicht neben der Konsum- auch die Suizidrate nach oben.

Orgie des Konsums, statt Fest der Liebe

Was ist hier los? Wie kommt es, dass der Segen der Weihnacht sich zum Fluch verwandelt hat – dass ausgerechnet das „Fest der Liebe“ zu einer Zeit des Schreckens wurde? Wir kommen einer Antwort näher, wenn wir uns fragen, was denn Weihnachten ursprünglich ist: das Fest der Inkarnation. Die Christenheit feiert am Tage nach der Wintersonnenwende das wundersame Ereignis, dass ihr Gott als Mensch geboren wurde: dass sich die Liebe ihres Gottes in Fleisch und Blut zur Welt gebracht hat. Heilig ist die Geburtsnacht Christi, weil einst in ihr das Höchste und das Größte, was einem Menschenleben Sinn und Richtung gibt, als Kind unter die Menschen kam: das Fest der Menschwerdung Gottes – das Fest, an dem in finstrer Nacht für alle Augen sichtbar wird, was einem Menschentum, das sich christlich nennt, als Licht und Hoffnung gilt.

Genauso ist es heute: Nur dass es nicht der Gott der Liebe ist, der da in Kindsgestalt das Licht der Welt erblickt. Was sich an Weihnachten enthüllt, ist sehr vielmehr der Abgott einer Welt, der jener Christengott der Liebe lange schon gestorben ist. Das Weihnachtsfest ist längst nicht mehr das Fest der Liebe, es ist die Orgie des Konsums –
zumindest für all jene, die es sich leisten können. Für alle anderen ist es oft ein Tag des Scheiterns, des Rückzugs oder der Resignation. An ihm zeigt sich, was sonst zumeist verborgen ist: die Krankheit einer Zivilisation, die ihr Maß verloren hat, weil sie alle angestammten Werte durch Waren- oder Marktwerte ersetzt hat und das Wertevakuum nach Gottes Tod durch einen Kult des Konsumierens füllen zu können glaubt.

Zwischen Geschenkorgie und Geiz
Eben diese Wahrheit über unsere Welt kommt an Weihnachten ans Licht: als flächendeckende Pathologie der Maßlosigkeit und Vermessenheit: in Form von Überfluss und Mangel, Hypertrophie der Geselligkeit und Einsamkeit, Geschenkorgien und Geiz, Selbstdarstellung und Selbstverleugnung. Selten nur trifft man an Weihnachten den Geist der Liebe und Verbundenheit. Selten nur trifft man die „schenkende Tugend“, von der einst Nietzsche sprach. Der Zauber dessen, was die Weihnacht einmal war, verdankte sich
dem Maß, das ihrem Ursprung innewohnt: dem Maß der Liebe, die sich nach der Überlieferung der Christen, zu Bethlehem in Jesus einverleibte. Das Fehlen dieses Maßes führt zu den Exzessen, die wir alle kennen: Schenken wird zur Selbstdarstellung derer, die die Geschenke machen; Großeltern, die sich gegenseitig überbieten wollen; Wachstumsdynamiken, die jedes Jahr ein teureres Geschenk erzwingen; oder die generelle Absage ans Schenken: „Wir schenken uns nichts mehr“, sagt manches Ehepaar – und sagt damit viel mehr, als es zu sagen meinte…

Einladung zum Neuanfang
Oder die Festlichkeiten und Gelage. Kein Weihnachten, an dem man nicht zu viel isst oder trinkt. Berge von Schokolade und Marzipan müssen in Haushalten mit Kindern verdrückt werden – oft bei gleichzeitigem Bewegungsmangel. Allenfalls im Auto sitzt noch die Familie, unterwegs zu Kind und Enkel, Eltern oder Großmama. Maßlosigkeit auch hier. Daneben viel forcierte Fröhlichkeit, vorgetäuschte Dankbarkeit und tief gehasstes Pflichtgefühl, das sich den Anschein der Familienfreundlichkeit zu geben weiß. Man macht halt mit, weil es sich so gehört. Man kauft halt ein, weil es die Werbung suggeriert. Man spielt das falsche Spiel von Jahr zu Jahr aufs Neue – und ist am Ende häufig ausgelaugt und deprimiert. Das war nun Weihnachten!? Und das kommt immer wieder!? Gott bewahre!
Was tun? Bedenken wir: Weihnachten ist das Fest einer Geburt. Und eine Geburt bedeutet immer einen Neuanfang. So kann uns Weihnachten an das erinnern, was Hannah Arendt als das „Faktum der Natalität“ beschrieb: „der Gebürtlichkeit, kraft deren jeder Mensch einmal als ein einzigartig Neues in der Welt erschienen ist“ und der „wir dadurch entsprechen, dass wir selbst aus eigener Initiative etwas Neues anfangen“ – oder bewusst eine Tradition fortsetzen, wenn wir erkennen, dass sie uns und unserer Gesellschaft gut tut: die Tradition der Weihnacht etwa – indem wir sie aufs Neue jenem Maß unterwerfen, das ihrem Wesen gemäß ist.

Feier der Verbundenheit
Maßvolle Weihnachten – das ist es, was wir brauchen: maßvoll im Konsum, maßvoll im Geselligen, maßvoll im Schenken. Konsumrausch und Konsumverzicht verspielen beide jenen stillen Zauber, der Weihnachten noch immer möglich ist. Geschenkorgien und Geschenkaskese stehlen uns gleichermaßen das Glück, das allem Schenken und Sich-Beschenken-Lassen innewohnt. Flucht in die Einsamkeit und Aufgehen im Rausche der Geselligkeit sind beides falsche Wege, die an dem vorbeiführen, worum es Weihnachten in Wahrheit geht: die Feier der Verbundenheit.
Weihnachten ist immer dann schön, wenn wir es in Maßen feiern – und wenn das Maß nicht von uns selber kommt: von unseren Begierden und Bedürfnissen, von unserer Gefallsucht oder unserem Geiz; sondern wenn wir – wenigsten an diesem Tag – die Anderen zum Maßstab aller Dinge machen. Weihnachten ist schön, wenn wir beim Schenken danach fragen, was der Seele der Beschenkten gut tut; nicht, was sie zur Dankbarkeit verpflichtet. Weihnachten tut gut, wenn wir bei Einladungen das Wohl der Gäste in das Zentrum rücken; nicht unseren Drang, uns in ein gutes Licht zu setzen. Weihnachten erhebt den Geist, wenn wir dem ganzen Lärm der Krämer und Verkäufer unser Ohr verschließen und nur der Stimme derer lauschen, mit denen wir verbunden sind – oder es zu sein wünschen. Wenn wir den Ursprungssinn der Weihnacht neu entdecken, mag sich der Alptraum, der das Fest für viele heute ist, vielleicht zerstreuen.

Vielleicht wird es zum Neuanfang für Ehen und Familien, für Freunde oder Wohngenossen. Vielleicht wird es zu einem Fest der Liebe, das seine Wahrheit darin hat, dem Maß des Anderen, des Liebsten oder Freundes zu genügen – und so der drohenden Gefahr des Terrors von Konsum und Völlerei zu entgehen. Vielleicht kehrt dann die Stille
wieder ein und die eilige Nacht wandelt sich wieder zur heiligen Nacht.

Christoph Quarch

Christoph Quarch

Christoph Quarch: “Für mich ist Philosophie eine Übung des Gemeinsinns. Denn wer philosophiert, gewinnt eine Vogelperspektive, die aus der Enge der täglichen Interessen und Nöte befreit und den Blick für das Ganze öffnet. Und das im Gespräch mit Anderen. Solche befreienden Höhenflüge möchte ich Ihnen bei meinen philosophischen Reisen und Seminaren ermöglichen.”
Mehr zu seinen Büchern, Vorträgen und Reisen auf seiner Website www.christophquarch.de/

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Ein Kommentar zu “Stille Nacht, stressfreie Nacht
  1. Elke sagt:

    Danke für die klaren Worte !

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