Heilung für alle – Integration mal anders

Lesezeit 3 Minuten –

Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Nadja Szeplabi. Notunterkunft für Flüchtlinge. Integration. Wir sprechen über Hausregeln, das deutsche Grundgesetz, die Rechte von Kindern in unserem Land, kulturelle Gepflogenheiten und vieles mehr. Heute war es anders. Deutschland ist ein Land mit Geschichte.

Meine Großeltern waren in Ungarn zu Hause. Bis die russischen Alliierten beschlossen, für sie sei es Zeit das Land zu verlassen. So wurden sie in Züge gesetzt mit unbekanntem Ziel und fanden sich in Deutschland wieder. Ohne Arbeit, ohne Freunde. Aus Bauern wurden Flüchtlinge. Die Leute hören gebannt zu. Ja so wie meine Großeltern gab es viele in Europa. Viele Flüchtlinge im 2. Weltkrieg und danach. Von einem Land in ein anderes. Ja es war schwer. Aber sie haben es geschafft. Sie fanden Arbeit, es war nicht so schön wie in Ungarn. Aber für die Familie ging alles gut aus. Es gab sogar Dinge, die besser waren, denn mein Vater konnte auf diese Weise studieren.

Und weil die Menschen sich daran erinnern, wie es war, selbst Flüchtling zu sein oder im Krieg zu leben, hat Deutschland so viele Menschen aufgenommen. Die Luft vibriert. Ich merke dieses Gespräch kommt tief in der Seele an. In der Seele der Menschen, die aus dem Irak, aus Iran, aus Syrien und aus Afghanistan stammen. Wir sind nicht so verschieden voneinander.

Und es kommt in meiner Seele an. Es ist das erste Mal, dass ich vor so vielen Menschen die Geschichte meiner Großeltern erzähle. Es ist das erste Mal, dass die Betonung nicht auf der Heimatlosigkeit liegt sondern darauf dass sie es geschafft haben.

Mein Kollege aus dem Iran erzählt seine eigene Geschichte. 23 Jahre ist er hier. Politisch Verfolgt im Iran. Er hat nie Hilfe vom deutschen Staat in Anspruch genommen. Ersparnisse und blitzschnell eine Arbeit gefunden. Asyl hat er später bekommen. Jetzt ist er Deutscher. Seine Familie ist hier. Erleichterte Blicke. Was dieser Mann geschafft hat, ist für uns auch möglich.

Wir haben viele Gedanken. Psychisches Durcheinander. Ob wir abgeschoben werden. Christen aus dem Iran. Die Frau ist schwanger. Ich schaue der Frau direkt in die Augen. Ängste, die anders sind als meine. Welche Wohnung, welche Arbeit wäre besser. Was für eine unglaubliche Leistung diese Menschen vollbringen. Von einem Land in ein anderes. Sprache. Schrift. Kultur. Unsicherheiten. Zukunft. Zelte. Alles weitere später. Christen aus dem Iran dürfen bleiben. Gesichter sagen mehr als 1000 Worte. Erleichterung, ein Funke Hoffnung. Verstehen.

Die Leute aus Afghanistan müsse lachen, als sie von meinen Großeltern hörten. Von den russischen Soldaten vertrieben. Wer kann das besser verstehen. Schicksale verweben sich. Deutschland vor 70 Jahren. Deutschland heute. Möglichkeiten. Ein Heilungsraum. Zufluchtsort. Ein Lernraum für alle. Wir schließen die Runde. Gut war es heute. Das nächste Mal wird die Frau aus dem Iran erzählen. Ein neuer Raum ist geöffnet. Danke.

Hintergrund: Die Geschichte und die Bilder stammen aus dem Sommer 2016 in Düsseldorf. Damals waren in Zelten bis zu 300 Menschen untergebracht, die aus Syrien, Irak, Afghanistan, Iran, Nigeria, Russland, Eritrea, und Bangladesh kamen. Christen, Muslime, Jesiden und Atheisten.

Unser Integrationsteam bestand aus Menschen aus Deutschland, Israel, Marokko, Russland, USA, Togo, Nigeria und dem Iran. Christen, Muslime, Atheisten, Juden und andere spirituelle Richtungen.

Mein Kollege Hashem und ich haben einmal in der Woche die Menschen eingeladen zu einem Vortrag über die deutsche Kultur, das Grundgesetz etc. Manchmal kamen 20, manchmal 60 Leute oder mehr. In diesem Rahmen war auch der Dialog. Irgendwann fiel mir dann auf, dass es wirklich schön wäre, auch die Geflüchteten zu Wort kommen zu lassen, nicht nur im Anschluss an die Vorträge. Und auch mehr damit ins Herz zu gehen und zu fragen, worum es denn wirklich geht. Neben diesem gab es unzählige berührende Dialoge unabhängig von den Vorträgen…und am Ende gibt es doch so viele Gemeinsamkeiten…Heilung auf beiden Seiten.

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Gastbeitrag
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4 Kommentare

    • Vielen Dank Brigitte! Es war eine sehr berührende Zeit mit tollen Menschen. Schön, dass der Artikel dies vermitteln kann.

  1. Meine Vertreibungsgeschichte 1946 aus Schlesien – ich war ca 2 1/4 Jahre alt – war auch die Geschichte eines Koffers, nach dem ich immer wieder fragte, wenn die Sirenen ertönten. „Mutti,hast du alles?“ war meine Frage wohl bis zum 11-12 Lebensjahr – und ich meinte den kleinen Koffer mit dem Wichtigsten. Mit 14 bekam ich mein erstes Bett – und nun haben wir ein kleines Häuschen, in das wir gerne Menschen in ähnlichen Situationen einladen – möge Heilung auf allen Ebenen immer wieder geschehen.

    • Oh liebe Margitta, wie berührend. Ich hatte gar nicht gesehen dass du das geschrieben hast. Mein Vater hatte seine Herkunft auch nie vergessen und so hatte ich für einige Jahre einen Bruder aus Eritrea. Er kam jedes Wochenende und hat mit uns Weihnachten gefeiert. Ich wünsche dir Alles Gute und hoffe mal dass du das hier noch zu lesen bekommst.

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