Sichtbar werden

Raphi See photography

Von Sabrina Gundert. Seit einigen Jahren trage ich dieses Bild in mir. Wie ich da oben auf dem Berg stehe und mein Lied singe. Laut und deutlich in die Welt hinein. Richtung Schwarzwald im Norden und Alpen im Süden. Wie ich mein Lied singe, ganz in meiner Kraft, und von dort aus meine Netze webe.

Manchmal wandelt sich das Bild. Dann stehe ich – statt alleine – mit einem Kreis Frauen und Männer dort oben am Berg auf einer Wiese, ein Feuer in unserer Mitte, die Trommel in meiner Hand. Wir singen, teilen Geschichten, feiern unser Zusammensein im Kreis.

Uralte Bilder
Ich spüre, dass es alte Bilder sind, uralte Bilder und Kräfte, die sich da mit meinem Jetzt verweben. Mit diesem Berg, der eigentlich ein Vulkankegel ist und hier im Hegau steht. Mit jenem Platz dort oben, der im Sommer eine umzäunte Kuhweide ist und nur im Winter betreten werden kann. Mit meinem Blick, der von dort weit geht – im Norden Richtung Schwarzwald, im Osten zum Bodensee und im Süden zu den Alpen und in die Schweiz.

Dieses Bild begleitet mich seit ich vor einigen Jahren zum ersten Mal dort oben stand. Immer wieder hole ich es mir her, setze mich in es hinein, spüre seine Kraft – und meine Kraft, wenn ich in ihm stehe. Vor allem dann, wenn ich diesen Ort gerade nicht aufsuchen kann. Weil ich kein Auto habe und kein Bus dorthin fährt. Oder weil es gerade Sommer ist und ich nicht auf die Wiese komme.

Doch ich spüre, das macht gar nichts. Die Kraft des Bildes, des Ortes, dieses Verbundenseins ist dennoch da. Lange habe ich es nicht gewagt, über diese alte Kraft, die ich da spüre, zu sprechen. Sie war da, in meinem Herzen, ja. Aber das mit jemandem teilen?

Zum Eigenen stehen

Foto:Sabrina Gundert

In letzter Zeit merke ich jedoch immer mehr, dass die Zeit der Zurückhaltung vorbei ist. Dass es mich ruft, laut ruft, wirklich da draußen mit Meinem zu stehen und sichtbar zu sein. Weil es in mir drängt. Weil ich spüre, was ich alles zu geben habe.

Das begegnet mir immer wieder auch in meiner Arbeit. Bei den Frauen, die ich im Coaching begleite. Bei denen, mit denen ich ein Seminar, einen Vortrag, einen Abend gemeinsam verbringe. Das begegnet mir in den Seelenbotschaften wie beim Schreiben von Websitetexten für andere Menschen. Dieser Ruf sichtbar zu werden.

Nicht, weil es unbedingt sein muss. Nicht, weil jemand das von uns fordert. Sondern einfach, weil wir spüren, dass es jetzt an der Zeit ist. Dass wir gefragt sind, gerufen sind, uns zu zeigen.

Öffentlichkeit wagen
Vor einigen Wochen, am 14. Februar, war der weltweite One Billion Rising-Tag. Ein Tag, an dem Frauen überall auf der Welt gemeinsam tanzen. Für ein Leben in Würde und Gewaltfreiheit. Eine Teilnehmerin meiner Seminare fragte mich, ob ich etwas an diesem Tag anbieten würde. Erst sagte ich Nein und spürte dann doch – ja, ich wollte. Auf meine Art und Weise.

So schrieb ich – statt öffentlich zu tanzen – einen Abend im Kreis der Frauen aus: Frauenkraft – Frauenweisheit. Ein Abend, an dem wir im Kreis zusammen sein würden. Tönend, singend, tanzend, essend, uns austauschend. Dieser Abend fühlte sich so kraftvoll an – und passte so gar nicht in die überwiegend konservative Region, in der ich lebe.

Ich schickte die Einladung zum Abend an die Kreise, mit denen ich hier im Hegau und am Bodensee verbunden bin. Hing Plakate dazu in der Post und im Supermarkt auf und schickte einen Hinweis an die lokalen Zeitungen. Ein Teil von mir dachte noch: Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Öffentlich zu Frauenkraft und Frauenweisheit aufzurufen? Gerade hier?

Du bist richtig hier

Der andere Teil staunte: Dass das städtische Mitteilungsblatt tatsächlich einen Hinweis auf den Abend veröffentlichte. Dass wir am Abend selbst dann mit 13 Frauen im Kreis saßen. Dass Frauen gekommen waren, die ich bislang nur aus den eher konservativen Kreisen des Ortes kannte – und die hier in der Runde offen sagten, dass sie sich sehnten, nach Frauenkraft und Frauenweisheit.

Der Abend selbst dann war unglaublich toll. Nährend, stärkend, mit viel Lachen, Bewegung, Stille und Berührtsein. Ich habe eine Kraft im gemeinsamen Tanzen, Singen und Trommeln gespürt. Ein Miteinandersein, Weben und Stärken im Austausch im Kreis.

Als ich, nachdem alle Frauen am Ende des Abends gegangen waren, noch für einen Moment dort im Kreis stand, überlagerten sich auf einmal die Bilder.

Ich sah mich dort im Raum im Kreis stehen – und ich sah mich auf dem Berg im Kreis stehen. Es war, als wenn ein Teil meiner Vision Wirklichkeit geworden wäre. Wie ein Zeichen von: Du bist richtig hier. Das ist dein Weg.

Dem eigenen Spüren wieder trauen
Dabei mag ich ganz klar sagen: Für mich geht es nicht darum, dass wir Frauen oder wir Männer sichtbar werden. Sondern dass wir Frauen wie wir Männer sichtbar werden. Mit unserer jeweils ganz eigenen, heilsamen Kraft. Mit unserem Erinnern und Rückverbinden an das, was wir als Wahrheit in uns spüren. Was wir zu geben haben, wie wir leben wollen.

Ich merke, ich mag ermutigen: Dem eigenen Spüren und der eigenen gefühlten Kraft wieder zu trauen. Ebenso dem alten Wissen. Vielleicht manchmal nur für einen kurzen Moment. Und diesen sich ausdehnen lassen. Um auf diesem ureigenen Weg weiterzugehen. Dort beginnend, wo du jetzt stehst.

Mit der inneren Forscherin, dem inneren Forscher an deiner Seite und dem Möglichkeitssinn im Herzen. Für das, was noch nicht ist, aber sein könnte (wie die Autorin Susanne Niemeyer mal so schön schrieb). Für das, was noch entstehen, erblühen will. Wenn wir gehen. Jede und jeder für sich. Und alle gemeinsam.

Mit einem Dank an alle, die bereits unterwegs sind. Danke für unser Gehen.

Sabrina Gundert

Sabrina Gundert begleitet Frauen mit ihren Coachings, Seminaren, Büchern und Seelenbotschaften auf dem Weg zurück zu sich selbst, in ihre Kraft und zu ihrer Essenz. Und damit zu dem, was ihnen wirklich, wirklich wichtig ist. www.sabrinagundert.de

Noch bis zum 20.3.2017 läuft Ihr Crowdfunding für Ihr Magazin Verbundensein

 

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