Schwangerschaft und Geburt – Frauen erinnern sich

Lesezeit 5 Minuten –

Von Grit Scholz. Acht Frauen erinnern sich an die Geburten Ihrer Kinder – 1:1 transkribiert von Martina Stubenschrott. Kaum jemand ist es gewohnt, Transkriptionen von Erzähltem zu lesen, die nicht überarbeitet und in Form gebracht wurden – erst recht nicht in Buchform. Wir erwarten in einem Buch ganze Sätze, einen guten Ausdruck, Struktur und wenn möglich einen Spannungsbogen, der unsere Aufmerksamkeit fesselt und uns das Buch bis zum Ende mit Interesse lesen lässt.

Etwas in der Art werden Sie hier nicht finden. Martina Stubenschrott hat es gewagt, genau das niederzuschreiben, was erzählt wurde. Erzählt von Frauen, die sich erinnern, an die Schwangerschaft und Geburt ihrer Kinder. So, wie sie es einer guten Freundin erzählen würden, so, wie es gerade kommt, wie es ihnen wieder einfällt. Die meisten Geburten fanden in den letzten sechs Jahren statt, also keine uralten Geschichten, sondern Erlebnisse aus der heutigen Zeit.

Es sind Österreicherinnen, die da authentisch berichten, was es sprachlich sehr spannend macht und auch erkennen lässt, dass im deutschsprachigen Raum auch kulturelle Unterschiede herrschen, jenseits von Mundart.

Mich hat besonders berührt, dass einige Worte viel ursprünglicher benutzt werden, als bei uns in Deutschland. Da mag sich manche deutsche Leserin wundern, doch das ist erlaubt. Wundern Sie sich, staunen Sie und öffnen sie ihr Herz, lesen und fühlen Sie zwischen den Zeilen. Schütteln Sie nicht den Kopf über viele unvollendete Sätze, sondern erlauben Sie ihrem Gefühl, diese in Gedanken selbst zu vervollständigen.

Nehmen Sie sich Zeit beim Lesen und sein Sie sich bewusst, dass dies nichts ist, was extra gut lesbar, leicht verdaulich und verständlich aufgeschrieben wurde. Das Was und Wie es in diesem Buch zu lesen ist, ist eine Einladung, Worte wahrzunehmen, jenseits unserer geprägten Strukturen.

Es steht nicht so geschrieben, weil niemand Zeit und Lust hatte, das zu überarbeiten, sondern weil die Überarbeitung absichtlich weggelassen wurde.

Als Verlegerin war ich im ersten Moment zögerlich. Ich dachte, sowas kann man nicht machen. Doch nachdem ich das gesamte Manuskript gelesen hatte – war es genau das, was mich so sehr beeindruckt und berührt hatte. Ich konnte ein großes Potential darin sehen, was es ermöglicht, Gefühlsinhalte zu transportieren, die von jeder Bearbeitung weggewischt würden.

Wenn ich gefragt werde, worum es in diesem Buch geht, dann kann ich das schwer mit Worten ausdrücken, obwohl ich prinzipiell keine Schwierigkeiten habe, mich schriftlich mitzuteilen. Dieses Buch macht deutlich, dass es Dinge gibt, die jenseits von Sprache sind, doch als Empfindung, als Wahrnehmung, als Information Eindrücke hinterlassen.

Wenn ich Worte benutze wie Selbstermächtigung oder weibliche Kraft, weibliches Prinzip, Urwissen, Körperwissen, Angst, Ohnmacht, Verunsicherung – dann hat jeder Mensch so seine Assoziationen. Wir lesen, was wir fühlen oder wir lesen, was unser Verstand reflektiert. Im besten Falle bilden diese beiden Dinge eine Art Herzverstand und wir sind damit befähigt, Inhalte ganzheitlich zu erfassen, zu erspüren.

Gebären ist eine subjektive, individuelle Erfahrung. Wie eine Frau ihre Schwangerschaft und die Geburt erlebt, hängt von unzähligen Faktoren ab und doch gibt es so etwas wie eine kollektive Wahrnehmung, die immer mitschwingt. Diese ist von kulturellen und zeitgenössischen Werten geprägt und demzufolge auch sehr unterschiedlich. Da mag es schon einen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich geben und wären das indische Frauen oder kubanische, wäre es sicher nochmal grundlegend anders. Doch egal wie, wer, wann und wo – es geht immer um das gleiche Mysterium – neues Leben entsteht und kommt in diese Welt.

Es gibt seit Jahren eine starke Bewegung, die mehr Bewusstsein in diesen Prozess bringt. Wir wissen heute, dass ein Kind bereits in der Schwangerschaft geprägt wird und die Umstände der Geburt wie eine Art Grundbaustein fungieren und das Wesen des Menschen stark beeinflussen. Wir wissen auch, dass eine Frau, die die Geburt als schöpferischen Prozess erlebt und die das Vertrauen in ihr Körperwissen hat, sehr gestärkt daraus hervor geht. Manche Frau empfindet die Geburt als eine Art Initiationsprozess, an deren Ende sie als „neues“ Weib in der Welt steht. Da mag eine Kraft entstehen, die sie vorher nicht kannte. Da mag Vertrauen und Verbundenheit mit allem sein, was ihr bis dahin nicht möglich war, so deutlich zu fühlen.

Dies alles sind Gründe für Frauen, mehr Achtsamkeit und Selbstverantwortung in den gesamten schöpferischen Prozess zu investieren, von welchem sie ein so bedeutender Teil sind. Denn die Welt von morgen, wird von den Kindern von heute gestaltet und es ist nicht egal, wie Kinder gezeugt, ausgetragen und geboren werden.

All das gilt es nicht auf intellektueller oder konzeptioneller Ebene zu erreichen, sondern tief im Inneren zu erkennen. Deshalb möchte ich auch nicht noch mehr Vorworte machen, sondern den Inhalt dieses Buches für sich sprechen lassen.

Aus diesem Grunde war es mir ein Bedürfnis, dieses außergewöhnliche Buch zu verlegen und ich wünsche Ihnen, es mit offenem Herzen zu lesen. (Vorwort aus dem Buch)

Zum Buch: In diesem Buch erzählen acht Österreicherinnen, wie sie ihre Schwangerschaft und Geburt erlebten (Zeitraum 2010-2016). Egal wie gut oder schwierig die Bedingungen waren – eins haben alle gemeinsam: die unbeschreibliche Freude, die Ehrfurcht und das große Staunen, über dieses Wunder – wenn ein neuer Mensch das Licht der Welt erblickt. Dieses Buch ist für alle Menschen, die mit Schwangerschaft und Geburt zu tun haben, ob als Gebärende, MedizinerInnen, Hebammen, Doulas, GeburtsbegleiterInnen, Mütter oder Väter. Denn durch die authentischen Erzählungen von Frauen wird deutlich, was Frauen brauchen, was ihnen gut tut und was sie unterstützt. Gleichzeitig erkennen wir auch, welche Faktoren eine Geburt stören oder ungünstig beeinflussen können. Mit Einfühlungsvermögen und Achtsamkeit können alle Beteiligten ihren Beitrag leisten, die Geburt zu einem kraftvollen und transformierenden Erlebnis werden zu lassen, für Mutter und Kind und für sich selbst. Gleichzeitig können Mütter, die geboren haben, ihre eigenen Erfahrungen reflektieren und vielleicht nachträglich erkenntnisreicher verarbeiten. Hier bestellen.

Zur Autorin: Martina Stubenschrott (geboren 1983) ist Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin und arbeitet als Familienberaterin und Autorin.
Sie lebt mit ihrem Mann am Land und ist Mutter von drei Kindern. Aus tiefer Dankbarkeit, drei gute Hausgeburten erlebt zu haben, entstand die Idee zu diesem Buch. Der Autorin ist es ein Anliegen, Frauenwissen zu vermehren und Frauen zu ermutigen in sich selbst zu vertrauen.

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Gastbeitrag
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2 Kommentare

  1. Von ganzem Herzen danke! Ich kann mir vorstellen, welch tiefe Kraft darin liegt, wenn Frauen ihre Geschichten zu Schwangerschaft und Geburt teilen und diese genau so niedergeschrieben werden, wie sie erzählt wurden. Was für eine kraftvolle, berührende und heilsame Sammlung, danke!

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