Sommerzeit aus Sicht der chronobiologischen Medizin

Von Prof. Dr. Till Roenneberg. Die Zeit, so wie es die Diktion vorgaukelt, können wir gar nicht umstellen, da sie allein von der Erdumdrehung, vom Sonnenstand definiert wird. Die Einführung der sogenannten Sommerzeit ist daher nichts anderes als ein öffentlicher Beschluss, dass alle Bürger für sieben Monate eine Stunde früher zur Arbeit oder zur Schule gehen müssen.

Einen solchen Beschluss würden die wenigsten Bürger akzeptieren, da aber gleichzeitig die Uhren umgestellt werden, ist den wenigsten dieser Sachverhalt bewusst. Auch wenn dies nicht die ursprüngliche Intention der Sommerzeit war, kann die derzeitige Situation dennoch genau so beschrieben werden – und das liegt vor allem an unserer biologischen Uhr, an unserer ‘Innenzeit’.

Alle biologischen Vorgänge in uns werden von einer inneren Tagesuhr mit dem 24- Stunden Rhythmus der Erde abgestimmt. Diese innere oder biologische Uhr sorgt auch für die Abstimmung der einzelnen Vorgänge im Körper untereinander. Wenn diese Abstimmung nicht optimal verlaufen kann, werden wir mit höherer Wahrscheinlichkeit krank. Diese wichtige biologische Innenzeit kann zwar von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein (sprichwörtlich von den Lerchen bis Eulen), aber auch die individuelle Zeit der biologischen Uhr wird nur von der Sonnenzeit und nicht von der Wanduhr gestellt.

Unsere inneren Uhren sind – im Vergleich zu unseren Vorfahren – sehr spät dran. Dies liegt an unserem Lichtverhalten. Während Menschen früher tagsüber viel draußen waren und nachts vor allem im Dunkeln lebten, sind wir heute fast ausschließlich in Gebäuden (in denen die Lichtintensitäten um den Faktor 1.000 niedriger sind als draußen) und schalten nach Sonnenuntergang künstliches Licht an. Dadurch haben wir die Signale (Zeitgeber), die unsere biologische Uhr stellen, stark abgeschwächt. Damit sich die inneren Uhren unter diesen Bedingungen überhaupt noch mit dem 24-Stunden Tag synchronisieren können, mussten sie gegenüber dem Licht-Dunkel-Wechsel später werden. Diejenigen Menschen, deren biologischen Uhren sich unter diesen Umstanden nicht mehr mit 24 Stunden synchronisieren, werden immer häufiger. Die Biologie dieser Menschen läuft mit einem Tagesrhythmus von ca. 25 Stunden durch unsere Zeitstrukturen hindurch. Obwohl diese Menschen sehen können, verhält sich ihre innere Uhr wir die gänzlich blinder Menschen.

Trotz dieser drastischen Veränderungen auf unserer biologischen Zeitebene, haben sich die sozialen Zeiten nur wenig geändert, so dass wir alle zu spät einschlafen (unter der Kontrolle der inneren Uhr) und zu früh aufwachen (unter der Kontrolle des Weckers). Wir häufen so unter der Arbeitswoche ein großes Schlafdefizit an, das wir an Wochenenden auszugleichen versuchen. Diese Situation haben wir den “sozialen Jetlag” genannt – unser Körper lebt in einer Zeitzone, unsere Verpflichtungen in einer anderen.

Die derzeitige Sommerzeit-Regelung verlegt nun unsere sozialen Verpflichtungen einfach noch eine Zeitzone weiter nach Osten, ohne dass wir dabei unsere biologische Zeitzone verlassen. Wir arbeiten sozusagen den Sommer über in Moskau, leben aber eigentlich in Köln oder München.Die Sommerzeit sattelt also für sieben Monate bei den meisten Menschen eine weitere Stunde auf den bereits bestehenden sozialen Jetlag drauf. Je größer der Unterschied zwischen unserer biologischen und unserer sozialen Zeitzone, je größer der soziale Jetlag, desto größer die Chancen krank zu werden, von metabolischen bis hin zu psychiatrischen Problemen. Die Kosten, die sich aus diesem Leben gegen die innere Uhr und aus Schlafproblemen ergeben, werden laut einer kürzlich veröffentlichten Studie in Deutschland auf fast 60 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt – fast doppelt so groß wie unser derzeitiger Verteidigungsetat.

Überlegungen für oder gegen die Uhrenumstellung beschäftigen sich verständlicherweise meist mit der Umstellung an sich und suchen Wege, diese zu vermeiden. Es geht jedoch aus chronobiologischer und medizinischer Sicht gar nicht um die zweimalige Umstellung, sondern allein um den Zeitraum in dem wir gezwungen werden, in einer fremden Zeitzone zu leben (ohne uns – wie bei wirklichen Reisen in andere Zeitzonen – an diese anpassen zu können). Daher ist die “Lösung”, die Umstellungen durch eine ganzjährige Sommerzeit zu vermeiden, besonders kontraproduktiv. Wir sollten den chronobiologischen Stress nicht verdoppeln sondern schlicht abschaffen.

All diese Zusammenhänge lassen sich durch begutachtete wissenschaftliche Literatur untermauern. Solange Politiker diese Zusammenhänge jedoch nicht kennen oder begreifen, werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit falsche Vorschläge machen und unterstützen.

Zum Autor: Till Roenneberg studierte Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und promovierte 1982 bei Ernst Pöppel. Er ist Professor am Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sein Forschungsgebiet ist die Chronobiologie. Mit seiner Arbeitsgruppe (u. a. Martha Merrow) erforscht er den Einfluss des Lichts auf den Tagesrhythmus des Menschen sowie die verschiedenen Chronotypen. Quelle Wikipedia.

Hintergrund: Der Arzt Hubertus Hilgers kämpft seit Jahren gegen die Umstellung der Uhren mit seiner Initiative und Webseite “Zeitumstellung abschaffen”. Mehr als 67 000 Menschen unterzeichneten seine Petition und die EU prüft derzeit Forderungen nach einer Abschaffung der Sommerzeitverordnung. Mehr Infos warum Normalzeit so gesund wäre hier

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7 Kommentare zu “Sommerzeit aus Sicht der chronobiologischen Medizin
  1. Avatar Anna sagt:

    Liebe Leut,

    ich liebe die Sommerzeit, von mir aus könnte man die auch im Winter lassen. Morgens müssen die meisten Menschen eh zur Arbeit, in die Schule usw. und da sitzt man ja meistens sowieso drinnen, aber ab späten Nachmittag/Abend, wenn man/frau Zeit für sich hat, da genieße ich gerne das Licht, sitze noch auf dem Balkon mit lieben Menschen oder zum Lesen und muss von Veranstaltungen nicht im Dunklen nach Hause fahren.
    Und ich kenne eine Menge Menschen, denen es genauso geht! Ich nehme die fiesen ersten ein zwei Tage gerne in Kauf!

    Ganz herzlich

    Anna

  2. Liebe Anna,

    wir erkaufen uns mit der “Sommerzeit” etwas mehr Spaß in der Freizeit – aber für welchen Preis?!
    Den Angaben von Prof. Roenneberg nach sind es etwa 60 Milliarden Euro pro Jahr und nicht zu vergessen: Die Gesundheit vieler Menschen!

    Da bleibt die Frage: Ist es das wirklich wert?!

    Ich denke es gibt hier nur eine Antwort: Nein!

    Wer die gesundheitlichen Interessen der Bevölkerung nicht ignorieren will muss hier handeln. Da sind nun unsere Politiker am Zug!

  3. Avatar Jörg Kayser sagt:

    Der Preis für mehr Freizeitspaß am Abend ist zu hoch, bedenkt man, wie viele Menschen wegen Schlafmangel während der 7 Monate, in der die Politik uns aus der MEZ in die östlich von uns gelegene Zeitzone OEZ verlegt (suggestiv “Sommerzeit” genannt), gesundheitliche Probleme bekommen – laut Umfragen die meisten: v. a. Familien mit schulpflichtigen Kindern, die an ohnehin hellen Sommerabenden so früh nicht einschlafen können, aber eine Stunde eher als zur Normalzeit (sog. “Winterzeit”) aufstehen müssen bei eh schon zu frühem Schulbeginn, dem Unterricht in den Frühstunden kaum folgen können, zuweilen schlicht einschlafen! Schlafprobleme entstehen nun mal, wenn es denn die genetisch im Menschen verankerten, dem Sonnenlauf folgenden inneren Uhren sind, die unseren Schlaf-Wach-Rhythmus steuern, die “Sommerzeit” als falscher äußerer Zeitgeber ihnen aber zuwiderläuft. 60 Milliarden Euro – eine richtig große einsparbare Summe!

  4. Avatar Birgit Lentz sagt:

    Hm, glaub nicht alles, was du denkst, und schon gar nicht jede Studie, die veröffentlicht wird. Deinem eigenen Körper kannst du blind vertrauen, der ist rund um die Uhr damit beschäftigt, dich am Leben zu erhalten. Wenn all die Studien, die ich bisher schon gelesen habe, die Gesundheit betreffend wahr wären, wäre ich schon lange tot. Ich erfreue mich allerdings bester Gesundheit.
    Ich bin diese ewige Angstmacherei echt leid. Energie folgt der Aufmerksamkeit. Wo ist hier die Aufmerksamkeit? Kein Wunder, dass der Körper mit Stress reagiert. Dies ist bisher der einzige Artikel, den ich auf den Newslichtern lieber nicht gesehen hätte, weil ich gerade deshalb die Newslichter lese, weil sie keine Angst verbreiten. Angst löst Stress aus und laut dem hawaiianischen Schamanismus ist Stress der einziger Auslöser für krankhafte Reaktionen des Körpers. Ich wünsche euch allen einen wunderschönen Sommer und ganz viel Liebe, die heilt nämlich alles <3 Piefke aka Birgit

  5. Avatar chris sagt:

    Denken die Befürworter der ganzjährigen Sommerzeit auch an die kleineren Schulkinder, die auch im Winter eine Stunde früher (in der Dunkelheit) zur Schule gehen müssten (Verkehrssicherheit ect.) ???

  6. Avatar Sepp sagt:

    Australien, Russland und England haben das Experiment mit dauerhafter Sommerzeit bereits hinter sich. Alle 3 sind nach kurzer Zeit wieder davon abgerückt. Hauptgrund: Die Anzahl tödlicher Verkehrsunfälle mit Schulkindern ist im Winter signifikant angestiegen, da die Kinder etliche Monate in völliger Dunkelheit den Schulweg bewältigen mussten. Diese Auswirkungen kann man doch wohl nicht ernsthaft in Kauf nehmen wollen?

  7. Avatar Heinz sagt:

    Von Portugal bis Norwegen rund 3 Zeitzonen! Irgendwie ist die aktuelle Zeit immer wie falsch! Es müsste die Bewohner von 2/3 MEZ Fläche krank sein und das seit mindestens 125 Jahren (MEZ). Nach der Logik müsste die MEZ ganz abgeschafft werden und es dürfte nur noch die regionale Zeit geben. Nachtarbeit und insbesondere Schichtarbeit muss absolut verboten werden. Wenn dann noch einer in eine andere Zeitzone reist, benötigt er/sie das Äquivalent einer Dekompressionsphase! Alle müssen die Mitte der Mittagspause um 12 Uhr haben und die Arbeitszeit muss sich Vor- und Nachmittag gleich aufteilen. Im Winter wird immer kürzer gearbeitet und im Sommer, wird dann länger gearbeitet. Wer es schafft, so etwas durchzusetzen und glaubt, dass dann Alle glücklich sind, dem wünsche ich viel Erfolg bei dem Versuch. Nebenbei wird dann auch nachts einsam gestorben, da Pflegepersonal nur noch nach der gesunden Zeiteinteilung leben!

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