Vielseitige Prototypen für ein gutes Morgen

Foto: Transition Town

Eine Begegnung von Stephanie Ristig-Bresser mit Rob Hopkins und der Transition Town-Bewegung. Stell Dir vor, wir reisen zehn Jahre in die Zukunft. Es ist das Jahr 2030. Kaum zu glauben, aber wahr: Deutschland hat tatsächlich die Klimaneutralität erreicht. Wie sähe unsere Welt dann wohl aus?

Lass uns in einen Tag in dieser Zukunft eintauchen:

„Du erwachst in deinem Haus, das sich in einer Passivhaus-Siedlung befindet, die vor wenigen Jahren entstanden ist. Alles ist mit Strohballen und weiteren natürlichen Materialien so effizient gebaut, dass du und deine Familie nur noch einen Bruchteil der Energie und des Wassers verbrauchen wie in eurem alten Zuhause. Nach einem leckeren Frühstück mit Obst von eurer solidarischen Landwirtschaft, das ihr gestern abgeholt habt, begleitest du nun deine Kinder mit dem Rad zur Schule. Die Straßen sind still, weil nur noch wenige Autos unterwegs sind. Wo sich früher Parkplatz an Parkplatz reihte, ist die Straße nun umsäumt von Obst- und Gemüsebeeten. Es duftet nach Sommer, die Ernte kündigt sich an.

Als ihr das Schulgebäude erreicht habt, stürmen deine Kinder voller Vorfreude hinein. Denn die Schule ist heute etwas komplett anderes als noch vor zehn Jahren. Die Kinder werden ermuntert zu experimentieren, zu spielen, Dinge auszuprobieren. Dein Sohn beispielsweise war gerade für eine Woche in einem Restaurant und hat sich dort als Koch versucht.

Jetzt gehst du Brot kaufen in einer Markthalle für regionale Lebensmittel, die sich im Jahr 2025 im ehemaligen Supermarktgebäude niedergelassen hat. Die Markthalle ist übrigens sowohl ein Tummelplatz der lokalen Ladengeschäfte als auch der kulturellen Vielfalt, denn das Miteinander unterschiedlicher Kulturen gelingt immer besser. Wir haben die Diversität an kulturellen Hintergründen in den letzten Jahren immer mehr als Bereicherung begriffen und lernen voneinander.

Deine Lieblingsbäckerei ist übrigens bekannt für ihren Slogan „Backen ist dein neues Antidepressivum“. Sie beschäftigt Menschen mit Handicaps und solche, die eine schöpferische Pause benötigen, denn heute ist dies kein Tabu mehr. Das unterstützt du gerne.

Heute hast du ein wenig Zeit für Müßiggang, denn du musst erst später arbeiten. Schließlich genießt du eine Drei-Tage-Arbeits-Woche, nachdem vor einigen Jahren das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt wurde. Später gehst du noch zur Nachbarschaftsversammlung deiner Gemeinde, denn neben dem Gemeinderat haben sich Bürgerräte zur Meinungsbildung und als beratende Gremien fest etabliert.

Als du später zurück nach Hause kommst, begegnest du vielen deiner Nachbarn, die in kleinen Gruppen gemeinsam draußen sitzen und sich austauschen. Ihr beobachtet die Vögel und die Fledermäuse, die euch zeigen, dass es uns gelungen ist, die Artenvielfalt doch noch zu erhalten. Mit einem guten und zufriedenen Gefühl gehst du schließlich zu Bett.“

So liest sich in gekürzter Variante die Einleitung des neues Buchs „From what is to what if“ (auf deutsch = Vom „Was ist“ zum „Was wäre, wenn“) des Soziologen und Permakulturforschers Rob Hopkins, der als Mitbegründer der Transition-Town-Bewegung, der weltweiten Bewegung der Städte im Wandel, gilt. Das ist doch zu schön, um wahr zu sein, oder? Doch: Diese Geschichte ist mitnichten eine Utopie.

„Sie spielt zwar in der Zukunft, doch all die Elemente, die ich in ihr integriert habe, habe ich selbst schon in der Realität gesehen,“ versichert Rob Hopkins.

Doch eine Transition Town? Was ist das eigentlich?

Rob erklärt: „Ich beschreibe die Transition-Bewegung gern als eine Vielzahl an Gemeinschaften, die sich gemeinsam daran erinnern, wie die Welt eigentlich gemeint war und die diese Welt wieder erschafft – und zwar ganz praktisch, mit den Bedürfnissen und den Themen, die anstehen, mit den Menschen und Möglichkeiten direkt bei ihnen vor Ort und ganz konkret.

Transition basiert auf der Idee, dass wir alle gemeinsam gefragt sind, die multiplen Krisen, denen wir uns gegenübersehen, zu meistern – und diesen Job nicht der Politik allein überlassen dürfen. Das schließt dich und mich mit ein, die Menschen in unserem Bezirk mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen, dem Blick für ihr Umfeld, das keine Regierung dieser Welt wirklich kennen kann.

Mit Transition möchten wir das Gefühl der Machbarkeit wieder transportieren, das vielen von uns verloren gegangen. Wir möchten ermutigen, Lösungen auszuprobieren. Diese müssen nicht perfekt sein. Denn neue Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Wenn wir dabei mal scheitern, ist das nicht gleich ein Weltuntergang. Hauptsache, wir versuchen es.“

Diesen Geist des „Einfach. Jetzt. Machen.“ probierte Rob erstmals vor 13 Jahren in seiner Wahlheimatstadt Totnes, einer Kleinstadt mit 10.000 Einwohner*innen in Devon, mit einigen Freund*innen aus. Zuvor hatte er als Permakultur-Dozent am irischen College Kinsale gemeinsam mit seinen Studierenden einen Feldversuch gestartet, wie sich diese Stadt unabhängig von der Erdölindustrie machen könnte.

Einfach. Jetzt. Machen. – Transition Town Totnes als Paradebeispiel

„Was wir dort geschafft haben, möchte ich auch in Totnes ausprobieren“, dachte sich Rob. Mittlerweile ist die Transition Town-Bewegung in 50 Ländern verbreitet. „Dabei ist und bleibt Transition so aufregend, überraschend, faszinierend und voller vielfältiger Lösungen wie am ersten Tag. Von kleinen Aktionen wie etwa einfach am Straßenrand ein paar Samenbomben zu verteilen bis hin dazu, das komplette Ernährungs- oder auch das Energiesystem einer Stadt verändern zu wollen. Wenn ich eines gelernt habe in meiner Transition-Zeit, dann ist es dies: die kleinen Projekte sind mindestens genauso wertvoll wie die großen Projekte. Denn wenn du ein kleineres Vorhaben zum Erfolg gebracht hast, dann schafft das Vertrauen und die Basis dafür, die größeren Dinge anzugehen“, weiß der Transition-Gründer zu berichten.

Lokale Wirtschaftskreisläufe stärken

Den Beweis dafür liefert Totnes, die allererste Transition Town. Rob ist Aktivist geblieben. Zum Beispiel als Sozialunternehmer, der gemeinsam mit weiteren engagierten Bürger*innen im Jahr 2013 eine Brauerei gründete, die New Lion Brewery, privat finanziert aus Bürger*innenhand. Denn eines der Transition-Projekte in Totnes ist das lokale Unternehmer*innenforum mit regelmäßigen Veranstaltungen, in denen Gründer*innen ihre nachhaltigen Geschäftsideen vorstellen können, Feedback bekommen oder auch finanzielle wie auch ganz praktische Unterstützung erhalten.

„Durch das lokale Unternehmer*innenforum ist hier in Totnes über die Jahre eine Kultur entstanden, lokale Unternehmen wirklich zu unterstützen und in sie zu investieren. Neulich habe ich eine Statistik für Großbritannien gesehen, aus der hervorgeht, in welchen Städten am meisten privates Geld in Unternehmensgründungen investiert wird, und da rangierte unser kleines Totnes gleich hinter London und Bristol“, berichtet der der Unternehmer nicht ohne Stolz. Gerade hat die New Lion Brewery in einem weiteren lokalen Crowdfunding 180.000 britische Pfund eingenommen, mit dem sie voraussichtlich zum Ende des Jahres 2020 neue Räumlichkeiten direkt neben einer Mühle, mit der die Brauerei kooperiert, errichten und beziehen kann, die Erfüllung eines unternehmerischen Traums.

Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen

Als ihr Initiator ist Rob Hopkins zum sympathischen Gesicht der Transition Town Bewegung avanciert. So fungierte Rob beispielsweise in der sehenswerten Dokumentation „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“, die 2016 mit dem bedeutenden Filmpreis César ausgezeichnet wurde, als einer der Protagonisten. Auch ist Rob als gefragter Vortragsredner zu Transition-Themen vorwiegend in ganz Europa unterwegs – selbstverständlich mit dem Zug. Anfragen aus anderen Kontinenten, die mit Flügen verbunden sind, versucht Rob weiterzureichen, nimmt sie nur in Ausnahmefällen an.

Auf seinen Reisen hat Rob hunderte Transition-Projekte besucht und ein Füllhorn an ermutigenden, inspirierenden Geschichten gesammelt, die sich in seinen Büchern wiederfinden. Etwa im Buch „Einfach. Jetzt. Machen. Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen“, das auch deutsche Transition-Geschichten beinhaltet. „21 Stories of Transition“, dieses Buch, schenkte die Transition-Bewegung den Delegierten des denkwürdigen Pariser Weltklimagipfels COP21, in dem im Dezember 2015 das 1,5 Grad Ziel errungen wurde. 21 Geschichten, die zeigen, dass ein klimafreundliches, nachhaltiges Leben wirklich möglich ist. Zuletzt erschien nun im vergangenen Jahr „From what ist o what if“, in dem Rob neben vielen Beispielen von der Kraft der Imagination berichtet.

Und welche Transition-Projekte möchte Rob hervorheben?

„Das ist natürlich schwierig, weil es einfach so viele wirklich beeindruckende Projekte auf der ganzen Welt gibt. Sehr zum Staunen gebracht hat mich vor einigen Monaten das Projekt „Food Belt“ zum Thema Ernährung aus dem belgischen Lüttich. Den dortigen Aktivist*innen ist es gelungen, fünf Millionen Euro zu sammeln, um damit 21 Ernährungsgenossenschaften zu gründen, die eine Ernährungswende in Lüttich ermöglichen. So ist es nun vielen Menschen möglich, frische, biologisch erzeugte Lebensmittel aus der Region zu beziehen. Mittlerweile hat sich der Bürgermeister hinter das Projekt gestellt. Als ich Lüttich neulich besucht habe, hatte ich das Gefühl, in der Zukunft zu Besuch zu sein, als wäre ich in meiner eigenen Vision spazieren gegangen.“

Tipp: Das vollständige Interview mit Rob Hopkins ist im DreamCatcher-Podcast von Stephanie Ristig-Bresser anzuhören und hier zu sehen:

Die Transition Town-Bewegung in Deutschland
In Deutschland existieren etwa 120 „Städte im Wandel“, jede mit ihren eigenen thematischen Schwerpunkten. Einige der Initiativen sind auf der deutschsprachigen Webpräsenz www.transition-initiativen.de vertreten. Manche Initiativen wollen sich erst finden lassen – oder noch gegründet werden. Tipp: Fahnde im Internet oder frage bei weiteren Nachhaltigkeits-Initiativen an deinem Ort nach.

Stephanie Ristig-Bresser 
war von 2014-2017 im Koordinierungskreis des deutschsprachigen Transition-Netzwerkes aktiv und von 2016-2017 als Projektkoordinatorin für das Projekt „Aufbau eines lernenden Transition-Netzwerkes“ des Umweltbundesamt tätig und fühlt sich seitdem der Transition Town-Bewegung verbunden. Aktuell ist ihr Buch »MAKE. WORLD. WONDER.« erschienen. Es erzählt Geschichten von gestern, heute und morgen. Davon, was wir besser machen können. Geschichten vom Aufbruch. Geschichten, die sich mehren könnten. Wenn wir den Mut haben, diese Geschichte(n) zu schreiben. Weil wir diejenigen sind, auf die wir schon immer gewartet haben.

Transition Towns – Ideen für den postfossilen Wandel

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