Oweltinga – Hüterin des Lebens

Oweltinga – Hüterin des Lebens

Die newslichter bekommen ja manchmal auch per Post zu mir. So öffnete sich mit einem vollgepackten Briefumschlag die Welt der Skulpturen von Oliver Ritter. Und selten zuvor berührten mich mich Bilder und die Geschichten wie bei seinen Werken. Die Hüterin des Lebens mag ich heute vorstellen.

Die Geschichte Uhldingens und die Idee zur Skulptur Oweltinga

Gewöhnlich entstehen Skulpturen in den Ateliers der Künstler und folgen dort einer Idee oder einer Inspiration, einem Anlass oder einer Historie. Nur selten weiß ein Bildhauer schon vorher, wo seine Skulptur einmal stehen wird, und wenn doch, dann geht es eher um eine thematische Dimension, die mit der Beauftragung gegeben ist.

Auch wenn Oweltinga, die Hüterin des Lebens, als Kleinskulptur längst ihre Liebhaber gefunden hat – ins Leben gerufen wurde die sieben Meter hohe, sich im Tagesrhythmus drehende Bronzeskulptur eigens für die Ostmole im Hafen Unteruhldingens. Sie verbindet sich mit diesem Ort nicht nur durch ihren Namen: Oweltinga, der ursprüngliche, für das Jahr 1058 urkundlich belegte Name Uhldingens. Vor allem verbindet sie sich mit einem menschheitsgeschichtlichen und geographischen Kraftfeld, das sich an dieser Stelle versinnlicht und seine Impulse zugleich aussendet und empfängt.

Die Geschichte Uhldingens verbindet sich überall mit dem Wasser: besonders sichtbar über die Pfahlbauten bis in die Stein- und Bronzezeit hinein, im Mittelalter dann über bedeutende Schifffahrts- und Handelswege, und natürlich immer über die Fischerei, die für die Ortsansässigen nicht bloß Einnahmequelle war, sondern auch eine tätige, von Frömmigkeit getragene Verbindung mit einer das Leben tragenden, nährenden Natur.

In diese Tiefe der Geschichte reicht die Skulptur Oweltinga zurück, und ihr Beiname Hüterin des Lebens deutet an, dass sie nicht bloß eine ästhetische Qualität aufweist. Sie lässt vielmehr jene alte Verbindung von Mensch und Natur wiederaufleben, in der sich Geist vor Natur verneigt, weil er sich von ihr getragen weiß, und Natur vor Geist, weil sie sich von ihm erkannt weiß – eine wechselseitige, zutiefst dynamische Abhängigkeit, die in der Oweltinga mit ihren mythischen Anklängen zur menschenähnlichen Gestalt wird.

Da ist ihre Walflosse, die wie ein schwerer Anker in die Erdenmitte zu weisen scheint und in der die fabelhaften Wassernymphen und Nixen aufleben. Dann ihr Kopf, der sich muschelförmig zur Erde neigt und in einer Bewegung innehält, die den tragenden rechten und den herabgeneigten linken Arm harmonisch ausgleicht. Ganz oben der Mensch, der mit seinem Werkzeug, dem Boot, nicht in scheinbarer Autonomie gründet, sondern an einer geistdurchdrungenen Natur teil hat. Sie ist damit nicht mehr ‚Gegenstandsbereich’, sondern ein lebendiges Wesen – eines, das sich an diesem Ort, der Ostmole in Unteruhldingen, als Oweltinga erhebt. Vor ihrer Gestalt kann sich der Mensch nur dann als Krone der Schöpfung behaupten, wenn er sich auch zu verneigen versteht – nicht abstrakt und weltanschaulich, sondern im Erleben ihres Wirkens und Erleidens an diesem konkreten Ort in dieser konkreter Gestalt. Dann lebt der Mensch nicht von der Natur, sondern mit ihr, und er muss ihr ihre Gaben nicht entreißen, sondern kann sie von ihr empfangen.

Diesem harmonischen Einklang gibt die Skulptur in einer weiteren Eigenschaft Ausdruck: in ihrer 24-stündigen Drehung, beginnend morgens gegen den Sonnenaufgang, dann tagsüber dem See zugewandt und nachts dem Land und den schlafenden Menschen. Dabei werden Sonnenauf- und Sonnenuntergang zur stets genauen Zeit vom Ruf eines Muschelhorns begleitet, das oben im ‚Boot’ installiert ist.

„ … bringt sie eine Geste zum Ausdruck, die meines Erachtens notwendig sein wird, wenn wir als Menschheit überhaupt überleben möchten : das es nicht darum geht – wie wir es heute immer noch tun – als Mensch der Natur den Fisch zu entreißen, sondern in einer demütigen und anmutigen Geste als Mensch der Natur gegenüber von ihr den Fisch zu empfangen – von Außen betrachtet der gleiche Akt, aber innerlich gesehen eine völlig andere Haltung … Anders gesagt : in das Bewußtsein zu kommen, das der Erdenkörper – genauso wie wir Menschen auch – ein lebendiger Organismus ist und wir bis in unser tägliches Handeln und Tun hineien in einen respektvollen, wertschätzenden und erhaltenden Umgang mit dem kommen, was unsere Lebensgrundlage ist. „ Oliver Ritter

Oliver Ritter bei der Arbeit

Oweltinga – Hüterin des Lebens – Zu den Wurzeln

Von Janssen Peters. Im Jahr 1058 wird Unteruhldingen als „Oweltingen“ erstmals urkundlich erwähnt. Einige tausend Jahre älter sind die Pfahlbauten, die den Ort am Bodensee weithin bekannt machen. An diese tief liegenden historischen Schichten rührt Oliver Ritters Skulptur Oweltinga – Hüterin des Lebens. Sie gibt einer einstmals gut behüteten Verbindung von Mensch und Natur Gestalt und Gedächtnis.

See. Das Leben entstieg dem Wasser. Wie das Meer für urgewaltige Lebenskraft stehen mag, ruht im See das stille Geheimnis des Lebensgrundes. Und wie der Fischer im Kampf liegt mit dem Meer, ist er dem See gegenüber ein Empfangender. Er ergreift seine Nahrung nicht eigenmächtig, sondern nimmt sie entgegen aus den Händen eines ihm freundlich zugewandten Naturwesens.

Ort. Umgeben von Pappeln und inmitten einer früheren Moor- und Auenlandschaft liegt der Westhafen Unteruhldingens. Für genau diesen Ort, erklärt Ritter, habe er seine Oweltinga entworfen. Aus ihm bezieht die hutsame Geste, mit der sie See und Land, Mensch und Natur, Tag und Nacht verbindet, ihre Kraft.

Rhythmus. In der Vorstellungswelt des Künstlers pulsiert in der Bronzeskulptur der Kreislauf des Lebens: Sie folgt, sich um die eigene Achse drehend, dem täglichen Zeitenlauf. Mit dem Ton eines Muschelhorns begrüßt Oweltinga die aufgehende Sonne, zieht mit ihr über den See, um sich nachts dem Land und dem Schlaf der Menschen zuzuwenden – in stiller immerwährender Hut.

Segen. Die Hüterin des Lebens erinnert mit ihrer Walfluke an mythische Fabelwesen des Wassers – Undinen, Nymphen, Nixen. So bezeugt auch Oweltingas unterer Fischleib ihr ganz dem Element hingegebenes Sein, während der obere Leib ins Menschengeschlecht ragt, dem ihr Dienst gelten möchte. Ritter macht ihn sichtbar und erinnert so an ein selbst geistiges Wirken der Natur.

Wie Oweltinga – Hüterin des Lebens ihren Weg geht

Von Oliver Ritter/Salem im Februar 2021. Der Titel Hüterin des Lebens ist eigentlich nur der Untertitel. Der Haupttitel lautet OWELTINGA – dies leitet sich ab von der ersten urkundlichen Bezeichnung des Fischerdorfes Uhldingen am Bodensee – abgeleitet von OWELTINGEN – da es eine weibliche Form wurde, die Endung mit A.

Dieser malerische Ort am Bodensee hat nun folgende Hafensituation: die sehr belebte Westmole, ( die rechte Hafeneinfassung ) hier landen die Schiffe aus Konstanz, Meersburg, Überlingen und der Mainau an und im Vergleich dazu, die linke Hafeneinfassung, die unbelebte Ostmole.

Diese sollte nun auf Wunsch des örtlichen Kunstvereines mittels einer Skulptur attraktiver gestaltet und belebt werden, welche u.U. zum neuen Wahrzeichen erhoben würde. Dazu wurde nach einem vergeblichen Versuch in der Bevölkerung einen Vorschlag zu finden, 75.000 Euro ausgelobt und der Kunstmarkt beschritten. Es nahmen rund 60 Künstler teil und es war klar, daß nur drei der eingereichten Vorschläge in die engere Wahl kommen würden.

Die Hüterin des Lebens ist in einer Größe von 7 – 9 Meter in Bronze entworfen und sollte ihren Platz am Ende einer Kastanienallee zwischen 2 großen Pappeln auf dem Molenkopf der Ostmole einnehmen. In Anlehnung an IMPERIA von Peter Lenk im Hafen von Konstanz, ( eine 18 Meter hohe Betonskulptur, die sich alle 20 min. um sich selbst dreht ) soll OWELTINGA ebenfalls drehen, aber nur eine Umdrehung am Tag. Das Geniale dabei ist der Standort : zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende wird die Bronze so ausgerichtet sein, daß sie in Richtung Osten blickt, sich im Tagesverlauf – der Sonne folgend und über den See blickend – zum Sonnenuntergang in Richtung Westufer schauen, um sich nachts dem Schlaf der Menschen und Fischer ( Unteruhldingen als traditionelles Fischerdorf – heutzutage den Touristen ) zuzuwenden, um dann morgens wieder die Sonne zu empfangen. Im Fischerboot ( rechter Arm ) wird ein Muschelhorn installiert sein, welches den Sonnenauf – und Untergang hörbar macht. Von der Geste ist es nicht der Fischer ( im Boot ihrer linken Hand ), der den Fisch ( rechter Arm der Skulptur ) fängt, sondern es gibt ein vermittelndes Wesen dazwischen: die Hüterin des Lebens.

Leider wurde mein Vorschlag abgelehnt, aber die Tatsache, daß auch drei Jahre nach der Ausschreibung immer noch keiner der drei letzendlich ausgewählten Entwürfe realisiert war, zeugt meines Erachtens davon, das die Entwürfe keine breite Zustimmung fanden. Die Erhebung zu Weltkulturerbe veranlasste dann den Gemeinderat offiziell Abstanz zu nehmen vom Vorschlag des Kunstvereines, da er dem mit dem Weltkultuerbe gestiegenen Anspruch nicht gerecht werden würde.

Für mich bedeutete dies allerdings einen Startschuß, da mir durch meine Ablehnung des Kunstvereines die Hände gebunden waren. Oweltinga hatte sich mittlerweile zu meiner meist beachteten Skulptur entwickelt und überall, wo ich sie mittels meiner Märkte in die Welt brachte, berührte und faszinierte sie die Menschenherzen. Oft bekam ich bestätigt, was mein Herz mir sagte: SIE gehört dothin !

Nun war die Frage, wie sich das erreichen ließe ? Der Gemeinderat war sicherlich des Gremium, welches darüber entschied, aber ich war überzeut davon, das der Wusch nicht dort herkäme. Der Wunsch sollte eigentlich von der Bevölkerung kommen ( bzw. von den Frauen der Gemeinderäte;) Dann kam die Idee, mich auf den örtlichen Wochenmarkt zu stellen, um mich unter das Volk zu mischen mit ihr ins Feld zu ziehen. Dies wollte ich dann absegnen lassen, wurde dann aber leider vereitelt – wir leben in Deutschland ! -, da die Satzung des Wochenmarktes nur Lebensmittel auf dem Wochenmarkt zuließ ( ich hätte vielleicht mit einer Schokoladenversion der OWELTINGA auftauchen können … ) Und es war natürlich ein Politikum: zunächst wurde ich vom Kunstverein abgelehnt, dieser wurde vom Gemeinderat abgelehnt und nun kam ich quasi als doppelt Abgelehnter ins Spiel und wollte dort wieder etwas hinstellen … Ene schwierige Situation – dennoch muß ich dafür gehen, was mein Herz mir sagt ! ( ein Zuhörer meinte dazu: in der Mathematik ergibt minus und minus plus …)

Oweltinga auf Sylt

Nun folgten mehrereVeranstaltungen im Hafen von Unteruhldingen – die Feuerschalen z.B. legitimierten mich an den örtlichen Mittelaltermärkten teilzunehmen ( eigentlich stand ich wegen OWELTINGA im Hafen ! ), aber es war auch das ein oder andere Hafenfest, welches mir ermöglichte, OWELTINGA in die Bevölkerung zu tragen. Und es entstand der Flyer Skulptur für Unteruhldingen, der gerade vor dem Hintergrund des Weltkulturerbes nochmal mehr den Bogen zu den Pfahlbauten spannen sollte. Er macht deutlich, daß diese Skulptur in der Zeitlosigkeit steht: einerseits die zeitlosenen, urbildhaften Symbole ( Fischer, Fisch, Boot, Anker, Fluke ), andererseits aber auch durch die Materialität ( die Zeit der Bronze war die Zeit der Pfahlbautenanwohner ) steht sie in die Vergangenheit, sie würde in ihrer Größe von 7 – 9 Meter in ihrer Präsenz in der Gegenwart stehen und steht von daher in der Zukunft, weil sie eine Geste zum Ausdruck bringt, die meines Erachtens notwendig ist, um als Menschheit zu überleben: daß es nicht darum geht – wie wir es heutzutage immer noch praktizieren – der Natur als Mensch den Fisch zu entreißen, sondern in einer demütigen und anutigen Geste von ihr ( OWELTINGA ) den Fisch zu empfangen. Rein äußerlich betrachtet der gleiche Akt, aber innerlich eine vollkommen andere Geste. Anders gesagt: in das Bewußtsein zu kommen, das der Erdenkörper genauso wie wir ein lebendiges Wesen ist und wir in unserem täglichen Handeln und Tun in einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit dem kommen, was unsere Lebensgrundlage darstellt. Dies bringt OWELTINGA ins Bild und das in dieser Größe an dieser Stelle – dafür gehe ich, bis sie dort stehen wird !

Mittlerweile gibt es die Hüterin in 6 verschiedenen Größen und hat sich zu meiner beliebtesten und meist verkauften Skulptur gemausert. Und sie wächst in ihren Dimensionen: die Aufstellung zweier Exemplare in einer Größe von 3,6 Metern in Heidelberg  und auf Sylt im Frühjahr 2020 war ein weiterer schöner Zwischenschritt in die richtige Richtung …

Mehr zu Oliver Ritter und seinen Skulpturen und Projekten auf seiner Webseite.

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4 Kommentare zu “Oweltinga – Hüterin des Lebens
  1. Liebe Bettina,

    herzlichen Dank für Deine wertschätzenden Worte und diese schöne Präsentation der Hüterin.
    Dieser Artikel ist sicherlich ein weiterer Schritt zu Ihrer Manifestation am Bodensee …

    Liebe Grüße aus Salem von Oliver

  2. Gitta sagt:

    Ich wohne in Konstanz am Bodensee und darf von newslichter erfahren, welche Schätze nur wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt liegen🤩
    DANKE🙏💝

  3. Ursula sagt:

    wunderbar – Danke für den tollen Artikel und die WUNDERVOLLE Skulptur!!!
    ES wird werden 🙂 <3

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