Das Rad des Lebens – das Medizinrad

Foto: Heide Steiner

Ein Griff in den ‚Werkzeugkasten‘ alter Kultur von Heide Steiner. Ein Kreis, ein Mittelpunkt, ein Kreuz mit vier Richtungen. Diese archaische Anordnung eines Lebensrades hat noch heute seine gültige Symbolik, denn es bezieht sich auf den Verlauf von Sonne und Mond, den Jahreszeiten und den vier Himmelsrichtungen, die heute noch genauso ‚aktuell‘ sind wie vor tausenden von Jahren. Es ist ein Griff in den ‚Werkzeugkasten‘ alter Kultur, von indigenen Völkern und ihrer naturbasierten Weisheit entwickelt, mit dem sie das Land und den Himmel beobachteten, ihm lauschten und von ihm lernten. Für uns moderne Menschen ist es eine Erinnerung daran, dass wir immer noch tief mit der Natur verwurzelt sind.

Die äußeren und inneren Jahreszeiten unseres Lebens

Im Osten geht die Sonne auf, es ist die Jahreszeit des Frühlings und im menschlichen Lebensrad der Zeitpunkt unserer Geburt. Während die Sonne ihre Bahn weiterzieht, vollzieht sich die Kindheit im Sommer, wandert im Westen mit der untergehenden Sonne in die krisenhafte Zeit der Pubertät, um im Winter des Nordens ins Erwachsenenalter überzugehen. Hier reift der Mensch in seine Ältestenschaft, um mit dem großen winterlichen Sterben in der Natur auch den menschlichen Sterbeprozess zu vollziehen – bis sich im Februar (Lichtmess) der ewige Kreislauf von Vergehen und Neuwerdung erfüllt.

Dies alles sind kreisförmige Verläufe ohne Anfang und Ende, ohne Priorität und Wertigkeit.
Black Elk, Medizinmann der Lakota Sioux (1863-1950) beschrieb es so:

„Alles, was die Kraft der Welt bewirkt, vollzieht sich in einem Kreis.
Der Himmel ist rund, und ich habe gehört, dass die Erde rund wie ein Ball ist,
so wie alle Sterne auch.
Der Wind in seiner größten Stärke bildet Wirbel.
Vögel bauen ihre Nester rund, denn sie haben die gleiche Religion wie wir.
Die Sonne steigt empor und neigt sich in einem Kreis.
Das gleiche tut der Mond, und beide sind rund.
Auch die Jahreszeiten in ihrem Wechsel bilden einen großen Kreis und kehren immer wieder.
Das Leben des Menschen beschreibt einen Kreis von Kindheit zu Kindheit, und so ist es mit allem, was eine Kraft bewegt.“

Steven Foster und seine Frau Meredith Little, amerikanische Psychologen, entwickelten aus Rudimenten eines traditionellen Lebensrads der Norther Cheyenne, überliefert von Hyemeyohsts Storm und ihren eigenen Erfahrungen das Modell der vier Schilde. Sie schrieben dazu das Buch: „The Four Shields. The Initiatory Season of Human Natur“.

Ich lernte dieses Lebensrad in meiner Ausbildung zur Visionssucheleiterin bei Sylvia Koch-Weser kennen. Seitdem hat es seinen festen Platz in meinen Seminar- und Vision-Quest Angeboten. Es unterstützt uns, die Prozesse des Lebens und Sterbens in und um uns zu verstehen, zu verarbeiten und uns wieder in die Kreisläufe anzubinden. Das Rad des Lebens macht uns darauf aufmerksam, dass sich die menschliche Seele in sich weitenden Kreisen mit der natürlichen Welt verbinden will.

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
 die sich über die Dinge ziehn.
 Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen
aber versuchen will ich ihn.“ Rilke

Foto: Heide Steiner

Die vier Himmelsrichtungen

Der Süden

Die Sonne steht hier am höchsten Punkt ihrer Laufbahn, es ist Sommer. Der Sommer mit seiner Leichtigkeit, dem Körperbezogenen und dem unbeschwerten Leben. Er wird mit dem spielerisch absichtslosen assoziiert und steht in der Analogie zum Menschenleben für die Kindheit. Er steht für die Entwicklung des Babys bis hin zur Pubertät. Ein Kind lebt ganz in seinen körperlichen Empfindungen. Es ist spontan, es will oder will nicht, es ist herzoffen, voller Lebensfreude und Liebe. Es lebt die Liebe zum Leben in dieser sommerlichen Qualität der Unbeschwertheit und des ‚einfach sein‘. Dabei hat es eine unglaubliche Neugier auf das Leben und saugt alles wie ein Schwamm in sich auf, gutes wie schweres fließt ungefiltert in sein System ein. Es möchte lernen, lernen, lernen und ein Teil der Schönheit des Lebens sein.

In der Tierwelt steht analog für diese menschliche Lebensphase die Schmetterlingsraupe. Die Raupe ist ein rein aufnehmendes Wesen und ist hauptsächlich an Nahrungsaufnahme interessiert. Sie frisst und frisst und frisst und bereitet sich so auf ihre weiteren Entwicklungsschritte vor.

Weiterhin ist diesem Schild:
das Element: Wasser
die Jahreszeit: Sommer
das Jahreskreisfest: Sommersonnenwenden
die Farbe: Rot
der Archetyp: der Geliebten, des Geliebten
die Organe, welche mit der Nahrungsaufnahme zu tun haben: Mund, Zähne, Zunge, Hals, Speiseröhre
und
die Raupe zugeordnet.

Der Westen

Das Kind ist durch den Sommer seiner Kindheit gereist und steht nun vor seinem inneren Lebensübergang in den Westen. So wie der Süden analog für die Organe der Nahrungsaufnahme steht, so stehen im Westen, in der pubertären Zeit des Lebens, die Organe der Nahrungsverdauung im Vordergrund. Alles, was das Kind bis dahin in sich aufgenommen hat an Sozialisation und mitmenschlichen Erfahrungen, wird hier überprüft, verdaut, assimiliert oder ausgeschieden. So wie die Sonne sich (auf unserer Halbkugel) am Ende des Sommers zurückzieht und damit den Herbst und die dunkle Jahreszeit einläutet, so zieht sich der junge Mensch jetzt in die Introspektion, in die innere Reflexion und Abgrenzung zurück. Tief verunsichert durch den hormonellen ‚Umbau‘ von Gehirn und Körper, rausgeworfen aus der Unschuld der Kindheit, befindet er sich jetzt in der Ablösung von seinen Beziehungspersonen und der dafür notwendigen Rebellion. In diesem Prozess der Selbsterkenntnis entwickelt sich auch das erste Bewusstheit über die eigene Sterblichkeit, was wiederum den Herbst in der Natur mit dem Sterben vieler Pflanzen und Insekten wiederspiegelt.

Erinnern wir uns an die Raupe. Ihre weitere Entwicklung führt sie zum Bau eines Kokons und in den Entwicklungsschritt der Verpuppung. Innerhalb dieses Kokons vollzieht sich nun ein radikaler Umbauprozesses.

Weiterhin ist diesem Schild:
Das Element: Erde
Jahreszeit: Herbst
Das Jahreskreisfest: Allerheiligen/Shamhain
Die Farbe: Schwarz
Der Archetyp: der Kriegerin/des Krieger
Alle Organe, die Nahrung verdauen: Magen, Verdauungssäfte, Darm, Ausscheideorgane.
und die sich verpuppende Raupe zugeordnet.

Die Übergänge von einer Lebensphase in die andere können wir uns als Tore vorstellen. Das Tor zur Geburt und das Tor zum Tod durchschreiten wir unabhängig davon, ob wir darauf vorbereitet sind oder nicht. Wir gehen auch durch das Tor zur Pubertät, egal ob wir dies wollen oder nicht. Diese Tore ‚passieren‘ uns. Das vierte Lebensübergangstor hingegen muss bewusst durchschritten werden. Zwar wird unser Körper irgendwann erwachsen und reif, doch dieselbe Entwicklung vollzieht sich nicht von selbst auf der sozialen und psychologischen Ebene. Früher haben die Ältesten des Stammes die jungen Menschen durch dieses Tor begleitet.

„Junge Menschen brauchen, um durch dieses Tor zu gelangen, die Begleitung initiationskundiger Erwachsener. Sie brauchen auf sie zugeschnittene, haltgebende Initiationsverfahren, die ihre Krise des Lebensüberganges als eine kraftentfaltende Wachstumskrise aufnehmen, um somit die heute immer häufiger auftretenden Dauerkrisen bei Adoleszenten zu vermeiden.“ (Räder des Lebens, Heiten und Bögle, S.35)

Der Norden

Im Norden, dem Lebensabschnitt des Erwachsenseins, schlüpft der Schmetterling aus seinem Kokon. Seine Aufgabe besteht nun darin, sich zu vermehren und den Fortbestand seiner Art zu sichern. Der Mensch befindet sich analog zu ihm in der Lebensphase des Erwachsenen. Er hat die Jahre seiner Pubertät, seines inneren Kokons, durchlebt und dabei herausgefunden, was er gut kann und zu wem er geworden ist.

Im Rad des Lebens ist es die Jahreszeit des Winters. Vor hunderten von Jahren war es überlebenswichtig, dass die Erwachsenen ihre individuellen Potenziale voll und ganz in ihren Clan einbrachten, um vor allem im Winter das Überleben der Gemeinschaft zu sichern. In unserer modernen Zeit ist diese Lebensphase viel länger geworden, so dass man sie in drei Phasen unterteilen kann. Der jungen Erwachsene, die reife Erwachsene und der alte Erwachsene, welcher die Phase seiner Erwerbstätigkeit beendet hat.

Es ist die Lebensphase wichtiger Entscheidungen. Welche berufliche Laufbahn will ich einschlagen (junge Erwachsene), wann möchte ich Familie gründen, wie will ich wirklich leben? Es ist die Lebensphase, in der der Mensch sich um die ‚Schwachen‘ kümmert (Alte, Kranke, Kinder) und zum Wohle aller handelt (reife Erwachsene). Die Natur und unser Planet sind dabei mit eingeschlossen. Es geht im Norden um vorausschauendes Handeln und Planen, um Struktur und gewaltfreie Kommunikation.

Dafür sind ihm sein Bewusstsein und sein Geist mit allen kognitiven Fähigkeiten ein kostbares Geschenk. Der Erwachsene ist gefordert, seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen und selbstverantwortlich und selbstwirksam zu handeln. Das ist manchmal eine sehr hohe Anforderung, daher geht es in dieser Lebensphase auch um Selbstfürsorge. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu kennen, zu akzeptieren und, wenn es Zeiten gibt, in denen man über sie hinausgehen muss, zu wissen, wie die eigene ‚Batterie wieder aufgeladen werden kann.

Weiterhin ist diesem Schild:
Das Element Luft
Jahreszeit Winter
Jahreskreisfeste: Wintersonnenwende
Die Farbe weiß
Der Archetyp der Königin, des Königs
Dem Knochengerüst des Körpers
und dem Schmetterling zugeordnet.

Der Osten

Es ist der Abschnitt im Leben eines Menschen, den wir als das Mysterium bezeichnen können. Es ist der Zeitraum zwischen dem Tod und der Geburt. Hier werden die ‚großen‘ Fragen gestellt: „ Wo gehe ich hin? „Woher komme ich? An was glaube ich?“ Es ist der Raum der Spiritualität, des Großen Ganzen, des All–Eins-Sein. Er ist nicht berechenbar und nicht willentlich herbeiführbar. Er ist Demut und Gnade. Mit ihm ist nicht die kirchliche Religion gemeint, denn er ist absolut frei.

Im Leben zeichnet sich diese Himmelsrichtung durch die Qualität zur Hingabe, Phantasie, Kreativität, Eingebung und Inspiration aus. Die Leichtigkeit, die Fähigkeit des Loslassens, der Humor und das über sich selbst lachen zu können, ist hier zu Hause.

Es ist der Ort der aufgehenden Sonne und die Jahreszeit der Wiedergeburt in der Natur. Die Säfte der Bäume steigen im Frühling wieder auf und neue Kraft tritt in die Welt. Auch das Innehalten und dann gestärkt wieder hervorzukommen, ist ein Aspekt des Ostens. Im Osten liegen der Neubeginn und der Zauber des Anfangs.

Weiterhin ist diesem Schild zugeordnet:
Das Element: Feuer
Die Jahreszeit: Frühling
Das Jahreskreisfest: Imbolc/Lichtmess
Die Farbe: Gelb
Der Archetyp: der Kräuterfrau/der alten Weisen und des Magiers/des alten Weisen
Die Atmungsorgane
Tier: der Phönix aus der Asche, auch wenn es kein ‚normales‘ Tier ist, so finde ich die Symbolik sehr treffend.

Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. … H. Hesse

Das Rad des Lebens/das Medizinrad dient uns auch heute noch als Landkarte. Ich kann mich auf ihm verorten, meinen Standort erkennen und Ausschau in die Himmelsrichtung halten, welche meine Weiterentwicklung fördert.

Dazu ein einfaches alltägliches Beispiel:
Es ist Montagmorgen 7.00 Uhr und der Wecker klingelt
Der kindliche Süden: „Nein, ich will nicht aufstehen!“
Der krisenhafte Westen: „Ich bin so ein armer Kerl. Ich bin sooo müde und schwach. Ich kann nicht aufstehen.“
Der Osten: „Ich liebe diesen Zwischenzustand zwischen Schlaf und noch nicht ganz wach sein. Ich möchte weiter träumen.“

Der erwachsene Norden handelt. Die Person atmet ein paar Mal tief durch und steht dann auf, da die Kinder ihr Frühstück brauchen.

Hier wurden alle vier Richtungen wahr- und ernst genommen, bis der verantwortungsbewusste Norden die Entscheidung trifft und dieser Mensch aufsteht. Bevor er/sie die Kinder weckt und Frühstück macht, nimmt er sich noch Zeit, den Lieblingssong zu hören und dabei einen Kaffee zu trinken.

Ein zweites Beispiel
Ein Mensch, der schon über längere Zeit feststellt, dass er erschöpft ist.
Er befindet sich auf seiner inneren Landkarte im Westen und leidet an depressiver Verstimmung und Antriebslosigkeit.
Um sich wieder in den zyklischen Kreislauf der Veränderung einzuflechten, ist es notwendig, im Kreis weiterzugehen und sich mit dem Norden auseinanderzusetzen.
Im Norden spricht die Person mit Freunden und erhält gute Informationen.
Im Osten hört sich der Mensch die empfohlene Entspannungsmusik an und kann für ein paar Minuten loslassen und zur Ruhe kommen.
Im Süden nimmt er anschließend ein Bad und cremt sich mit duftendem Öl ein.

Heide Steiner

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4 Kommentare zu “Das Rad des Lebens – das Medizinrad
  1. Danke, liebe Heide, für diese wundervolle Reise durch das Lebens- und Medizinrad, durch den Jahreskreis, mit all seinen Analogien. Ich liebe und lebe diese Zyklen mehr und mehr und bewusster auch in meinem Leben und spüre wie verbunden ich bin – wir alle sind – mit der Natur und allem Sein. 🙏🦋💞

  2. Liebe Johanna,
    vielen Dank für dein Feedback. Für mich ist diese, von dir so gut beschriebene Verbundenheit mit allem, ein große Geschenk darin, welches so heilend und nähren sein kann.
    Herzliche Grüße von Heide.

  3. gaby ranis sagt:

    danke für das erinnern an das zyklische im leben. an den kreis als ursymbol. auch mir ist das medizinrad seit mehr als 35 jahren vertraut. in dieser zeit habe ich mindestens drei verschiedene symbolische zuordnungen für die himmelsrichtungen kennenlernen dürfen.
    ich habe mir diejenige für meine rituale ausgesucht, mit der ich am meisten in resonanz gehe.
    osten: kindheit,jugend,luft,weiss – süden: erwachsensein, fülle, feuer,rot – westen: alter,loslassen, wasser, blau – norden: ahnenkraft, spiritualität, erde, schwarz.
    feiern wir die vielfalt die uns zur verfügung steht. und fühlen die verbundenheit im kreis.
    alles liebe gaby

  4. Liebe Gaby,
    Danke für die Vielfalt
    und das Erinnern an die Fűlle und die Freiheit – verbunden im Kreis.
    Herzlich Heide.

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