Den Hunger der Seele stillen

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Von Dorothea Ristau. Vielleicht kennst du das ja: Du konntest über Monate nicht arbeiten, die Langeweile kam oft über dich und in diesen Momenten bist du dann immer zum Kühlschrank gegangen, um die entstandene innere Leere zu füllen. Vielleicht bist du aufgrund der seit fast anderthalb Jahren laufenden Entwicklungen dauerfrustriert und stopfst immer wieder Chips in dich hinein, um irgendwie zu entspannen. Oder in dir ist viel Schmerz und du tröstest dich mit Schokolade.

Emotionales Essen tritt häufig in Verbindung mit Essstörungen auf, ist aber auch unabhängig von einer Essstörung eine effektive Strategie, um mit unangenehmen Gefühlen umzugehen.

Grundsätzlich spricht erstmal nichts dagegen, sich mit leckerem Essen zu verwöhnen. Im Gegenteil: Wenn du das Essen genießen kannst und dies positive Gefühle in dir auslöst, ist das wirklich wunderbar.

Wenn das Essen jedoch nicht nur dazu da ist, um den körperlichen Hunger zu stillen, sondern auch dazu dient, um auf emotionaler Ebene satt zu werden, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Essen kann ablenken, trösten, aufmuntern und für Entspannung sorgen. Doch es gibt auch andere Strategien, um sich selbst zu regulieren und zu wohligen Gefühlen zu finden.

Körperlicher und emotionaler Hunger

Um emotionales Essen zu überwinden und auf seelischer Ebene zu mehr Freude und Leichtigkeit zu finden, lohnt es sich, zunächst den körperlichen vom emotionalen Hunger zu unterscheiden.

Körperlicher Hunger zeigt an, dass du Nahrung brauchst, um körperlich auch weiterhin ausgeglichen und kraftvoll zu sein. Um diese Art des Hungers wahrzunehmen, gilt es, auf die Ebene des Spürens – also des Wahrnehmens von Körpersignalen – zu gehen. Das können Zeichen wie körperliches Unwohlsein, ein grummelnder Magen, Appetit, Schwäche oder ein leichtes Frösteln sein. Außerdem wird körperlicher Hunger langsam stärker und die Sinne werden immer mehr geschärft. Du kennst das sicher, dass im hungrigen Zustand das Essen besonders gut riecht und schmeckt. Hast du Nahrung zu dir genommen, verschwindet dieser Hunger wieder. Er lässt sich also stillen und der Körper ist dabei sehr offen, welche Nahrungsmittel du wählst.

Bei emotionalem Hunger sind die Themen „Essen“ und „Emotionen“ eng miteinander verstrickt und sind auf den ersten Blick gar nicht auseinander zu halten. Das heißt, dieser Form des Hungers geht ein unangenehmes Gefühl voraus und das daraufhin entstehende Bedürfnis nach bestimmten, oftmals sehr konkreten Lebensmitteln ist ein Versuch, dieses unangenehme Gefühl durch angenehmere Gefühle zu ersetzen. Doch leider hilft das Essen nur für einen kurzen Moment…

So gilt es, Essen und Emotionen voneinander zu entkoppeln und dafür braucht es die Ebene des Fühlens – also des Wahrnehmens von Gefühlen. Wenn emotionaler Hunger für dich ein Thema ist, beobachte mal, ob deinem Hungergefühl eine Emotion voraus gegangen ist und nun ein erlernter Automatismus abläuft, der dabei helfen soll, mit diesem Gefühl umzugehen. Das Erkennen dieser Kopplung von Essen und Emotionen und der in diesen Momenten ablaufenden Muster ist ein wichtiger Anfang, um emotionalen Hunger aufzulösen.

Neue Strategien im Umgang mit Emotionen

Und nun heißt es, neue Strategien zu erlernen, um mit diesen Gefühlen umzugehen und sie aufzulösen, damit Raum für Freude und Leichtigkeit entstehen kann.

Dafür kann es hilfreich sein, die Wertung aus dem, was da geschieht, rauszunehmen. Es gibt keine guten und schlechten Gefühle, denn jedes in dir auftauchende Gefühl – sei es Angst, Wut, Traurigkeit, Verzweiflung, Frustration, Enttäuschung oder noch etwas anderes – will dich dabei unterstützen, zu einem freieren und glücklicheren Leben zu finden.

Dabei sind Gefühle wie Wellen, die heran rollen, stärker werden, tosen und nach einer Weile wieder abklingen. Selbst wenn bestimmte Gefühle über mehrere Tage, Wochen oder wie in der momentanen Zeit vielleicht sogar Jahre in dir toben – kein Gefühl bleibt ewig. Wirklich nicht!

Vielmehr ist es so, dass Gefühle gesehen und angenommen werden wollen. Wenn du einen konstruktiveren Umgang mit deinen Gefühlen erlernen willst, so schaff dir Räume, in denen alle Gefühle, die sich gerade zeigen, da sein können. Und dann geh durch sie hindurch, indem du sie fühlst.

Das mag mitunter sehr unangenehm sein, eben weil Gefühle wie eine Welle immer stärker werden, dann ihren Höhepunkt erreichen und erst danach wieder abflauen. Aber wenn die Intensität für dich aushaltbar ist, so gib ihnen Raum, denn mit jedem Gefühl, durch das du dich hindurch fühlst, wird es ein Stück leichter und du kommst einer tiefen, inneren Freude wieder ein Stück näher.

Dein Körper will dich unterstützen

Eine Vielzahl an körperorientierten Möglichkeiten kann dich dabei unterstützen, um mit deinen Gefühlen in Kontakt zu kommen. Beim Yoga oder in Meditationen kannst du dich dafür öffnen, das geschehen zu lassen, was gerade geschehen will. Auf Spaziergängen hast du Zeit, um auf sanfte Weise Gefühle zuzulassen, Barfußlaufen ermöglicht, dabei geerdet zu bleiben und die Natur kann auf deine Prozesse einen sehr wohltuenden Einfluss nehmen, zum Beispiel beim Waldbaden. Doch auch Wasser ist ein gutes Mittel, um Gefühle ins Fließen zu bringen. Die warmen Sommertage bieten sich für ein Bad im kühlen Waldsee ja regelrecht an.

Doch manchmal sind Gefühle so stark, dass ein Fühlen auf emotionaler Ebene zu viel wäre. Bitte sei wirklich liebevoll mit dir und konfrontiere dich in diesem Fall nicht mit Gefühlen, die den Grad des Akzeptablen übersteigen. Es gibt auch andere Möglichkeiten, denn du kannst auch über den Körper zu gehen. Dafür ist wichtig zu wissen, dass Gefühle Energien sind, die im Körper lagern und die darauf warten, den Körper zu verlassen. Wenn ein Durchfühlen nicht möglich ist, so kann also die Körperarbeit helfen.

Eine Möglichkeit ist das Zittern. Dafür spürst du in dich hinein, an welcher Stelle das Gefühl in deinem Körper sitzt: Lähmt dich die Angst so, dass du weder mit deinen Händen handeln noch mit deinen Füßen vorwärts laufen kannst? Spürst du einen stark stechenden Schmerz in deiner Brust? Sitzt die Haltlosigkeit in deinem Becken? Oder würdest du vor Wut am liebsten mit deinen Fäusten zuschlagen? Spür mal in dich hinein.

Hast du die entsprechende Körperregion ausfindig gemacht, so kannst du beginnen, deinen Körper insbesondere an dieser Stelle zu schütteln – ähnlich wie bei der Übung, bei der du alle Sorgen des Alltags von dir schüttelst, um ganz im Moment anzukommen. Das mag vielleicht komisch aussehen, doch letztendlich ist es eine Strategie, die selbst die Tiere in freier Wildbahn nutzen, um sich von Stresszuständen zu befreien. Auf diese Weise gibst du starke Gefühlsenergien auf sanfte Weise über den Körper ab, ohne die überwältigend starken Gefühle fühlen zu müssen. Folge an dieser Stelle wirklich deinen Impulsen und lass die Energien so lange nach außen fließen, bis innerlich ein Gefühl der Entspannung und der Ruhe einzieht. Denn das ist in der Regel das Geschenk, das du nach jeder Schüttelübung erhältst.

Auf diese Weise kannst du dir schon jetzt viele kleine Momente schaffen, um mit Freude und Leichtigkeit in Kontakt zu kommen. Und je mehr du dich durch unangenehme Gefühle hindurch fühlst oder Gefühlsenergien über den Körper nach außen abgibst, desto mehr werden friedvolle Gefühle in dir einziehen. Und mit der Zeit stellst du sicher immer häufiger fest, dass emotionales Essen gar nicht mehr nötig ist, da deine Seele auf andere Weise satt wird.

Zur Person:

Dorothea Ristau

Als Selbsthilfe-Expertin begleitet Dorothea Ristau online wie auch offline Frauen, die auf ihrem Weg aus der Essstörung selbst aktiv werden und dabei nicht alleine sein wollen. Besonders setzt sie sich dafür ein, dass Betroffene auf ihrem Weg viele im wahrsten Sinne des Wortes berührende Momente erleben. https://wege-aus-der-essstoerung.de

In der YouTube-Reihe „Fragen & Antworten“ haben Betroffene und Interessierte die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Diese beantwortet sie dann jeweils in einem Video aus ihrer Sicht als ehemals Betroffene, die ihre Essstörung ausschließlich über die Selbsthilfe überwunden und in ihren eigenen Prozessen viel mit dem Körper gearbeitet hat. Wenn auch dir eine Frage auf dem Herzen liegt, so schreib ihr gerne bis zum 11.07. über dieses Kontaktformular.

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