Stromrebellen: Wie ein Dorf sein Stromnetz zurückeroberte


Wie aus der Empörung der erste Ökostromanbieters in Deutschland wurde. Denn die Geschichte beginnt mit einer schrecklichen Katastrophe. Ein Atomreaktor explodiert 1986 in Tschernobyl. Daraus entsteht später der erste Ökostromanbieter Deutschlands – ganz ohne Atomstrom. Plötzlich bemerken viele Menschen, wie gefährlich der “billige” Atomstrom eigentlich ist. Ursula Sladek und ihr Mann werden aktiv. Sie gründen im Schwarzald in Schönau eine Bürgerinitiative und erobern ihr Stromnetz zurück.

Die Geschichte der Stromrebellen (Quelle Webseite EWS)

Doch zu Anfang dominiert im Frühjsommer nach dem Reaktorunfall die Hilflosigkeit das Leben besorgter Eltern: Was essen, was tun, wenn verstrahltes Freilandgemüse beschlagnahmt und Spielplätze geschlossen werden? Man beratschlagt sich mit anderen Eltern und wird aktiv – auch in Schönau im Schwarzwald. Eine Anzeige im lokalen Anzeiger gibt den Anstoß zur Gründung der Bürgerinitiative «Eltern für eine atomfreie Zukunft».

Im nächsten Schritt gründen Schönauer Bürger eine kleine Firma, um die Produktion von ökologischem Strom zu fördern. Sie reaktivieren kleine Wasserkraftwerke und unterstützen Bürger, die in Blockheizkraftwerke und Photovoltaikanlagen investieren. Vom örtlichen Energieversorger und Atomkraftwerksbetreiber KWR fordern die Aktivisten energiesparfreundliche Tarife und die Förderung regenerativer Energien. Doch die KWR weisen die Initiative zurück und bieten stattdessen 1990 der Stadt 100.000 DM zusätzliche Konzessionsabgabe, wenn diese den Vertrag mit der KWR frühzeitig für weitere 20 Jahre verlängert. Auch dieser neue Vertrag lässt die ökologischen Forderungen der Bürger vollkommen unberücksichtigt.

Mittlerweile ist den Stromrebellen klar geworden, dass eine ökologische Stromversorgung nur dann entstehen kann, wenn sie ihre Stromversorgung selbst in die Hand nehmen, sprich das örtliche Stromnetz übernehmen. Um zu verhindern, dass mit der Vertragsverlängerung bestehende Verhältnisse zementiert werden, bietet die Initiative daraufhin ebenfalls 100.000 DM, wenn die Stadt den Vertrag nicht vorzeitig verlängert.

Mit knapper Mehrheit entscheidet der Gemeinderat, das ungewöhnliche Angebot der Bürgerinitiative abzulehnen und den Konzessionsvertrag mit dem bisherigen Energieversorger KWR sofort zu verlängern. Noch in derselben Gemeinderatssitzung kündigt die Initiative einen Bürgerentscheid an. Es entbrennt ein harter Wahlkampf, bei dem jede Stimme zählt.
Zeit gewinnen – aber mit Herz!

Der Stromrebell Michael Sladek erinnert sich: «Wir wollten in dem Wahlkampf dem kalten Geld Emotionen entgegensetzen. Emotion hat was mit Herz zu tun. Unser Slogan hieß ‹Ja zu Schönau› und was lag näher, als dass wir ein Herz gebacken haben, wo ‹Ja› draufstand. An jedem Frühstückstisch am Wahltag lag dieses Herz, jeder wusste die richtige Antwort im Bürgerentscheid.»

Die Bürgerinitiative gewinnt die Abstimmung im Oktober 1991 schießlich knapp. Der Konzessionsvertrag des bisherigen Energieversorgers wird nicht vorzeitig verlängert. Die Initiative gewinnt wertvolle Zeit, um ihr ehrgeiziges Vorhaben voranzubringen.

Im Januar 1994 werden, obwohl längst nicht alle Hürden überwunden sind, die Elektrizitätswerke Schönau GmbH (EWS) gegründet. Einziger Gesellschafter ist die Netzkauf Schönau GbR, an der über 650 Bürger beteiligt sind.

Was dem Unternehmen noch fehlt, ist die Konzession zum Betrieb des Stromnetzes. Weil sich im Stadtrat seit den Kommunalwahlen im Jahr zuvor die Mehrheiten verändert haben, stehen die Chancen für die EWS mittlerweile gut. Und so vergibt der Stadtrat am 20. November 1995 die Konzession an die EWS.

Nach dem Gemeinderatsvotum zugunsten der EWS sehen die Gegner ihre letzte Chance in einem zweiten Bürgerentscheid. Dieser soll bewirken, dass die Konzessionsvergabe der Stadt an die EWS widerrufen wird. Der Wahlkampf wird noch heftiger geführt als 1991, die Gegner sehen wieder einmal die Lichter ausgehen. In Zeitungsanzeigen diffamieren sie die EWS als «Fritzchen, das sich um den Posten eines Installateurmeisters bewirbt».

Doch mittlerweile ist Schönau zu einem Symbol der Anti-Atom-Bewegung geworden, das weit über die Region ausstrahlt. Techniker, Künstler, Philosophen und Wissenschaftler treffen sich bei den ersten Schönauer Stromseminaren und unterstützen die Arbeit der Stromrebellen mit Rat und Tat.

Bei einer Rekordwahlbeteiligung von fast 85 Prozent werden die EWS 1996 mit knapper Mehrheit zum neuen Schönauer Stromversorger gewählt. Als in den Schönauer Wahllokalen die Ergebnisse bekannt werden, kennt die Freude der Aktivisten keine Grenzen. «Wir sind uns nur noch heulend in den Armen gelegen», wird eine Mitstreiterin sich später erinnern.

Zwar ist man nun der demokratisch legitimierteste Energieversorger der Welt – aber noch muss man dem alten Netzbetreiber KWR das Schönauer Stromnetz abkaufen. Der verlangt über 8,7 Millionen DM. Ein Phantasiepreis, rund doppelt so hoch wie der, den ein Gutachten der EWS errechnet hat.

Doch will man nach dem Motto «Erst zahlen, dann klagen» den überhöhten Kaufpreis aufbringen. Vier Millionen DM stellen die EWS aus Beteiligungen und dem «Schönauer Energiefonds» bereit. Den überhöhten Teil des Preises muss man aber mit Spenden finanzieren, sonst würde das Unternehmen unwirtschaftlich und bekäme vom Ministerium keine Zulassung für den Netzbetrieb.

Die Störfall-Kampagne erobert Deutschland

Man kommt auf die Idee, die größten deutschen Werbeagenturen zu bitten, kostenlos eine Spendenkampagne für die Schönauer Energie-Initiativen zu entwickeln. Und tatsächlich sagen mehrere Agenturen zu. Die Energie-Initiativen entscheiden sich für die «Störfall-Kampagne». Die Kampagne wird bundesweit gestartet – und entfaltet überwältigende Wirkung. Die Stromrebellen erleben Unglaubliches: Umweltschutzverbände rufen zu Spenden auf, Zeitungen sponsern Anzeigen, bei Privatfeiern wird zugunsten von Spenden auf Geschenke verzichtet. So dauert es nur wenige Monate, das zusätzlich benötigte Geld zu sammeln.

Energieversorger mit Rebellenkraft

Ab Juli 1997 sind die EWS in Schönau Energieversorger und bieten den Einwohnern energiesparfördernde Tarife und gute Vergütungen für ökologische Stromerzeugung. Die größte Solaranlage im Ort wird auf der evangelischen Kirche errichtet – ein wichtiger Schritt für Schönau auf dem Weg zur «Solarhauptstadt». Aber nicht nur vor Ort entstehen in der Folge neue Ökokraftwerke: Mit dem Förderprogramm «Sonnencent» unterstützen die EWS mittlerweile bereits rund 3.100 kleine dezentrale Kraftwerke in Bürgerhand. Inzwischen sind 200.000 Menschen Kunde bei EWS.

Das Förderprogramm der EWS ist mit dem Unternehmen stetig gewachsen und schafft heute weit über die Förderung von Bürgerkraftwerken hinaus Beiträge zur lokalen und globalen Energiewende. Schwerpunkte des Förderprogramms sind Bürgerenergiewende, Energiegerechtigkeit und Klimaschutz.

Hier mehr https://www.ews-schoenau.de/

Insgesamt ein tolles Beispiel, wie aus Empörung Taten werden, welche die Welt nachhaltig verändern. Das braucht Zeit und Kraft, aber es geht!

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Ein Kommentar zu “Stromrebellen: Wie ein Dorf sein Stromnetz zurückeroberte
  1. Andrea sagt:

    Gänsehaut beim Lesen.

    Man kann nur erahnen, was für ein Kraftakt das gewesen sein muss…

    Und ich freue mich, dass ich schon seit vielen Jahren meinen Strom von dort bekomme.

    Danke ☀️

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