Mein Körper als Anker in herausfordernden Zeiten

Foto: Dorothea Ristau

Es gibt Momente im Leben, die verändern alles: der Verlust der Arbeitsstelle, der Tod eines lieben Menschen oder ein Virus, der nicht nur Einsamkeit und Ausgrenzung nach sich zieht, sondern auch noch vieles andere durcheinander bringt. Und oftmals braucht es Kompensationsstrategien, um mit dem, was das Ereignis und die darauf folgende Krise nach sich zieht, umzugehen. Es kann also sein, dass Muster von Essen, Nichtessen oder Essen-und-Erbrechen entstehen oder stärker werden – die Versuche der Bewältigung können aber auch anders aussehen. Wir Menschen sind da einfach verschieden…

Gleich scheint aber zu sein, dass in einer Krise das ganze Leben durcheinander gerät, sich Gefühle von Haltlosigkeit einstellen und die Orientierung verloren geht. Und da das Außen immer ein Spiegel vom Innen ist, kommt durch dieses oder jenes besagte Schlüsselereignis auch im Inneren eines Menschen viel in Bewegung. Der Körper ist also einer der zentralen Orte, an dem Veränderung geschieht. Und zugleich möchte er dabei unterstützen, wieder Halt und Orientierung zu finden. Denn wenn innerlich wieder Ruhe einkehrt und Orientierung möglich wird, dann passiert Gleiches im Außen.

Doch der Reihe nach…

Ein Blick in die Vergangenheit

Alles, was wir in unserem Leben erlebt haben, ist in unserem Körper gespeichert. Das können wohltuende Erinnerungen sein, die angenehme Gefühle auslösen. Vielleicht denkst du noch gerne an die Wärme zurück, die du in Gegenwart deiner Großmutter gespürt hast und bei dieser Erinnerung wird dir wieder ganz warm ums Herz. Oder dir fallen die Sommertage zusammen mit deinem Vater ein, an denen er viel Zeit für dich hatte und von denen du noch heute zehrst.

Anders sieht es dagegen mit Erlebnissen aus, die unangenehme Gefühle in dir ausgelöst haben und die vielleicht sogar ganz schrecklich waren. Das kann der frühe Verlust einer dir wichtigen Person gewesen sein, ein latentes Gefühl von Einsamkeit oder Ausgrenzung während deiner Kindheit oder dass du dich durch einen Schulwechsel von deinem Freundeskreis verabschieden musstest. Diese Ereignisse haben natürlich ganz andere Gefühle in dir ausgelöst als die Erfahrungen, an die du gerne zurück denkst. Konntest du diese unangenehmen Situationen nicht richtig verarbeiten, so sind die Erlebnisse mit den dazugehörigen Gefühlen der Angst, Wut, Trauer oder Hilflosigkeit in deinem Körper stecken geblieben und lagern dort noch heute.

Und irgendwann kommt die Zeit, in der du in eine Situation gerätst, in der ganz ähnliches wie damals passiert. Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass es bei meinen Beispielen jedes Mal um Verluste, Einsamkeit und Ausgrenzung ging.

Die Situation von heute reaktiviert also die noch im Körper steckende Erfahrung von damals – mit einem klaren Ziel: dich davon zu befreien und dich somit zu mehr Glück und Lebensfreude zu führen.

Der Organismus hat nämlich von sich aus ein Interesse daran, belastende, noch im Körper steckende Erfahrungen loszuwerden, sodass es mit jedem Ballast, den du loslässt, für dich ein Stückchen freier und leichter wird. Du kannst also deinem Körper und den Selbstheilungskräften, die in jedem Menschen schlummern, vertrauen. Denn auch wenn dieser Befreiungsprozess, der oftmals als Krise erlebt wird, sehr anstrengend ist, so dient er nur zu deinem Besten.

Der Körper kennt den Weg

Schauen wir uns nun diesen Befreiungsprozess konkret an, so gibt der Körper in seinem Tempo alte Gefühle, Blockaden oder anderweitig feststeckende Ereignisse frei. Wenn du deinen Körper gut wahrnehmen kannst, so kannst du dies durch innere Unruhe, Anspannung, schmerzende Stellen im Körper oder inneren Stress spüren, die auf einmal wahrnehmbar sind.

Deine Aufgabe ist es nun, die frei gewordenen Energien zu transformieren und somit in einen Zustand der Entspannung zu finden. Wie diese Transformation geschehen kann, hängt sehr von deinen persönlichen Vorlieben und dem, was dein Körper gerade braucht, ab. Es kann zum Beispiel über Stille, Meditation, Musik oder Berührung geschehen. Ein Spaziergang kann dich dabei unterstützen, innerlich wieder in die Ruhe zu kommen. Oder du gibst die freigewordenen Energien über deine Lieblings-Ausdauersport ab. Doch auch im Schlaf passiert viel an Verarbeitung und gerade wenn du sehr erschöpft bist, so ist dies wohl die beste Möglichkeit, um in einen Zustand der Entspannung zu finden. Beobachte bitte wirklich, was dir dein Körper an Signalen sendet und vertraue auf ihn. Er kennt den Weg und wenn du ihm gibst, was er braucht, so wird auch er dich in deinen Prozessen unterstützen.

Wenn du frei gewordene Blockaden und Energien transformiert hast, so wird sich daraufhin ein Moment der inneren Ruhe und des Friedens einstellen. Bitte nimm diese Gefühle bewusst wahr und sauge sie tief in dich auf. Denn gerade in einer Krise brauchen wir diese kraftgebenden und hellen Momente besonders und zu schnell gerät in Vergessenheit, dass es sie gibt.

Denn es wird der nächste Moment kommen, in dem der Körper wieder ein Stück der alten Gefühle, Blockaden oder anderweitig feststeckenden Ereignisse freigibt und dann erlebst du wieder innere Unruhe, Anspannung, schmerzende Stellen im Körper oder inneren Stress, die du erneut transformieren darfst. Und gleichzeitig wirst du auf emotionaler Ebene unangenehme Gefühle wahrnehmen und sicher kommt auch die eine oder andere Erinnerung an ein schmerzhaftes Ereignis zurück. Das ist der Weg durch die Krise und auf diese Weise gehst du Stück für Stück deinen Weg der Befreiung.

Über den Körper Orientierung finden

Dafür möchte ich dir ans Herz legen, dass du dir innerlich klare Bilder erschaffst, wo du hin möchtest. Denn wenn du kein klares Ziel vor Augen hast, so wirst du orientierungslos umher irren. Wenn du dir aber eine Vision erschaffst, wie sich dein Leben nach der Krise anfühlen soll, so kannst du dich immer mehr in diese Richtung bewegen.

Dein Körper unterstützt dich dabei, diese Gefühle schon jetzt zu verkörpern. Denn je bewusster du die Momente der Ruhe und des inneren Friedens erlebst, desto tiefer schreiben sie sich in dein Körpergedächtnis ein und desto klarer bewegst du dich in die Richtung, in die du vermutlich willst – hin zu mehr Lebensfreude, Lebendigkeit, Leichtigkeit und Entspanntheit.

Und bei noch einem weiteren Punkt möchte dich dein Körper unterstützen. Denn auch, wenn du eine klare Vision von deinem Leben danach vor Augen hast, so wird es vermutlich immer wieder die Momente geben, in denen alles wegzubrechen scheint und in denen du den Halt verlierst. Auch wenn es schwer ist: Lass los, was losgelassen werden will und vertraue darauf, dass dein Körper dir den Weg weist. Denn es fällt nur das von dir ab, was ohnehin nicht (mehr) zu dir gehört und dein Körper lotst dich durch diesen Prozess des Loslassens hindurch. Du kannst darauf vertrauen, dass er dich zu deinem Ziel führen wird und du kannst dich in diesen Momenten, in denen gefühlt alles wegbricht, über ihn verankern. Durch den Fokus auf deinen körperlichen Zustand kannst du immer wieder Momente der Ruhe wahrnehmen und je bewusster du sie erlebst, desto kraftvoller werden sie.

Auf diese Weise wird sich mit der Zeit in deinem Inneren immer mehr sortieren. Und wenn du irgendwann deine inneren Prozesse durchlaufen hast und den Blick vom Innen wieder nach Außen richtest, wirst du feststellen, dass auch dort Ruhe eingekehrt ist.

Und vielleicht schaust du dann voller Dankbarkeit zurück und stellst fest, wie sehr dich dein Körper auf diesem Weg unterstützt hat…

Dorothea Ristau

Zur Person: Als Selbsthilfe-Expertin begleitet Dorothea Ristau online wie auch offline Frauen, die auf ihrem Weg aus der Essstörung selbst aktiv werden und dabei nicht alleine sein wollen. Besonders setzt sie sich dafür ein, dass Betroffene auf ihrem Weg viele im wahrsten Sinne des Wortes berührende Momente erleben.

Wenn auch du deinen Körper als Anker in herausfordernden Zeiten kennen lernen möchtest, so hast du von Frühlingsanfang bis Ostern (21. März bis 17. April 2022) Gelegenheit dazu: Im Rahmen der Online-Veranstaltungsreihe „Berührung mit dem Körper“ machen sich Menschen mit und ohne Essstörung gemeinsam auf den Weg, um ihren Körper als Ressource in Krisenzeiten kennen und schätzen zu lernen. Doch auch der liebevolle Workshop „In Frieden mit dem Körper finden“ sowie die kraftgebende Meditation „Selbstberührung als Zeichen der Selbstfürsorge“ warten auf dich. Weitere Informationen und Anmeldung zu den Veranstaltungen: https://wege-aus-der-essstoerung.de/beruehrung-mit-dem-koerper

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8 Kommentare zu “Mein Körper als Anker in herausfordernden Zeiten
  1. Monika sagt:

    Wie wunderbar, Dorothea, dass du diese Worte findest und mit uns teilst. Allein das Erkennen, das Benennen erleichtert das Be- kennen. Damit sich Schamwellen auflösen, Schuldgefühle in neuen Sichtweisen zu neuen Kräften erwachsen und sich transformieren können . Wenn wir uns zutrauen, das Symptom als das Zeichen anzunehmen, es liebevoll zu betrachten und damit konstruktiv umzugehen, dann ist Heilung möglich.
    Schön, dass du deinen Weg mit uns teilst.
    Namaste
    Monika

    • Dorothea Ristau sagt:

      Liebe Monika,

      schön, wenn meine Gedanken dazu beitragen, dass Altes losgelassen wird und etwas Neues entstehen kann.

      Alles Liebe,
      Dorothea

  2. Michelle sagt:

    Ein sehr liebevoll und berührender Text, der mich an Traumatherapie erinnert.
    Ich habe das Gefühl, dass die letzten 2 Jahre bei vielen alte Traumata hervor gerufen haben.
    Wie heilsam kann es sein, wenn im Kampf gegen die aktuelle Situation erkannt werden kann, dass viele eigene alte Wunden hochsteigen, um die wir uns nun achtsam kümmern können.

    Um dann, wie es Dorothea schreibt, an diesen Punkt zu gelangen:
    „Und wenn du irgendwann deine inneren Prozesse durchlaufen hast und den Blick vom Innen wieder nach Außen richtest, wirst du feststellen, dass auch dort Ruhe eingekehrt ist.“
    Danke für diesen wundervollen Beitrag <3
    Von Herzen, Michelle

    • Dorothea Ristau sagt:

      Liebe Michelle,

      ja, auch ich glaube, dass seit 2 Jahren und immer noch viel aufgewirbelt wird und mir ist es ein Herzenswunsch, Möglichkeiten des Umgangs damit aufzuzeigen. Danke für deine Rückmeldung – möge nach und nach Ruhe einkehren.

      Liebe Grüße,
      Dorothea

  3. CaBo sagt:

    ein ellenlanger text über das loslassen und bewältigen von blockaden. wie gross ist die blockade in kopf und herz bei der autorin und den seitenbetreiberinnen, wenn ihrer meinung nach der „virus einsamkeit und ausgrenzung mit sich bringt“? den virus gibt es wirklich, er macht krank. das leid von vielen wird verstärkt durch eine verschobene wahrnehmung, haltung und meinung, wie sie schon länger auch hier verbreitet wird. z.b. massnahmen durch energie „wegmachen“ wollen. kinder, so funktioniert das einfach nicht 😉
    auch für mich zeit loszulassen. euch!

    • Dorothea Ristau sagt:

      Liebe CaBo,

      es tut mir Leid, wenn die Botschaft angekommen ist, dass es den Virus nicht gibt. Es war nicht meine Absicht, ein Entweder-Oder-Denken zu vermitteln – vielmehr möchte ich mögliche Wege für den Umgang mit möglichen Folgen aufzeigen. Und ich bin dankbar für jeden, der andere mögliche Wege für den Umgang mit anderen möglichen Folgen aufzeigt.

      Alles Gute,
      Dorothea

  4. Björn S. sagt:

    Vielen Dank für das Teilen dieses wertvollen Textes, der mich daran erinnert, in was für einen wichtigen, wie auch oftmals leider schmerzhaften Prozess ich mich – sehr wahrscheinlich zusammen mit vielen anderen – befinde.

    Durch die Stürme der letzten Tage ist vieles auch innerlich nochmal stärker in Bewegung gekommen. Da fällt es an schwierigen Tagen wie diesen nicht leicht, das Ablaufende überhaupt irgendwie zu sortieren.

    Nach dem Lesen bin ich wieder „da“ und bedanke mich dafür.

    • Dorothea Ristau sagt:

      Liebe Björn,

      danke für das Teilen deiner persönlichen Erfahrungen. Bitte bleib im Vertrauen – der Körper und die Seele kennen den Weg und nach der Dunkelheit kommt definitiv das Licht!!!

      Schön, wenn der Text zu einem kleinen, lichtvollen Moment beigetragen hat.

      Alles Liebe für dich,
      Dorothea

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