Sprich deinen Vers – Über eine Poetische Lebenskunst

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Von Mike Kauschke. Das eigene Leben als gestaltbaren »Stoff« zu verstehen, ist Lebenskunst. Darin wird das eigene Dasein zum Kunstwerk, zum Gedicht, an dem wir dichten, jeder Augenblick ein neuer Buchstabe, jeder Tag ein neues Wort, ein neuer Strich mit dem Pinsel im Bild ohne Grenzen. Eine Skulptur, an der wir mitbilden, in der sich die Form, die gemeint ist, hervorwagt. Jede Erfahrung, jeder Aufbruch und Umbruch wie der Durchbruch einer neuen Knospe am Lebensbaum. Jedes Vergehen einer Beziehung, einer Idee, eines Lebensraums wie der Ruf in das Neue, noch Unbekannte und deshalb so Anziehende. Wie die Spur des Dichtens zieht mich mein eigenes Sprechen voran und folgt der Vorstellungskraft in dem, was noch sein könnte. Gleichzeitig schaue ich auf den Weg, der beim Gehen entsteht – und weiß, dieses Gehen ist Ankunft, ist Heimat. Das Kunstwerk Leben ist immer vollkommen und unvollkommen zugleich, weil immer noch mehr werden will. Was ist der nächste Vers, der nächste Pinselstrich, die nächste Form, die sich hervorbringen möchte? In dem Film DER CLUB DER TOTEN DICHTER, den ich als Aufruf zu einer POETISCHEN LEBENSKUNST verstehe, zitiert der Englischlehrer John Keating, der die jungen Schüler in einem konservativen Internat mit dem Leuchten der Poesie inspiriert, ein Gedicht von Walt Whitman:

Oh ich, oh Leben! auf alle diese
wiederkehrenden Fragen,
Auf diesen unendlichen Zug der Ungläubigen,
auf die Städte, die voller Narren sind,
Was habe ich darauf für eine Antwort –
oh ich, oh Leben?
Dies aber ist die Antwort:
Du bist hier, damit das Leben blüht
und die Persönlichkeit,
Damit das mächtige Spiel weitergeht
und du deinen Vers dazu beitragen kannst.

LEBENSKUNST bedeutet für mich, den ganz eigenen Vers zu finden, indem ich mein Leben selbst wie ein Kunstwerk gestaltete. Es bedeutet einfach, dass es bereits eine Kunst ist, zu leben. Aber was heißt es, dass eigene Leben in dieser Form zu ergreifen und gestaltend auszubilden? Zunächst ist wohl die Ermutigung erforderlich, sich selbst immer wieder in die Haltung des Schöpfers der Form des eigenen Lebens zu begeben. Ich habe oft erfahren, welchen Mut es braucht, den eigenen Weg zu gehen. Das Leben als Kunst anzunehmen und auszuformen, ist auch ein Wagnis. In der DDR bin ich in sehr engen Vorstellungen davon aufgewachsen, was ein gutes Leben sein soll. Schon früh sah ich das Erdrückende in diesen Vorgaben. Gleichzeitig war es mein Schicksal, in diese Gesellschaft hineingeboren zu sein. In der Pubertät erschloss ich mir langsam die Interessen und Beziehungen, in denen ich spürte, dass etwas Eigenes aufkeimen konnte, das den Ideen eines gelingenden Lebens meiner Gesellschaft entgegenlief. Dieser inneren Stimme zu folgen ist immer wieder ein Wagnis.

Jeder von uns ist in eine bestimmte Familie, soziale Situation und Gemeinschaft hineingeboren. Das ist der Boden, von dem aus wir die Arbeit an der einzigartigen Gestalt unseres Lebens aufnehmen können und dürfen. Dieser Prozess der Individuation bedeutet, dass ich in mir bestimmte Interessen, Talente, sinngebende Bezüge, Visionen und Träume wahrnehme, die meine innere Gestalt ausmachen. Durch meine Entscheidungen und Beziehungen wird diese innere Form auch äußerliche Gestaltungen hervorbringen, je nachdem mit welchen Menschen ich mich verbinde, welchen Interessen ich nachgehe, welchen Beruf ich ergreife.

Zur Selbstwerdung gehört, die inneren Potenziale zu finden und zu entfalten. Das sollte eigentlich die vordringliche Aufgabe eines Bildungssystems sein: Die je individuellen kreativen Keime des Menschen zu erspüren und freizulegen, ihnen Atemraum zu geben. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Deutschlehrerin, die inmitten des genormten und ideologisierten Schulsystems der DDR mein Talent für das Schreiben erkannte und in dem ihr gegebenen Rahmen auch förderte. Oder mein Sportlehrer, der mir einmal nach dem Unterricht ganz ernst in die Augen schaute und sagte: »Mike, mit diesen Augen solltest du Lehrer werden.« Es waren Momente, wo in der gleichgemachten Kollektivbildung jemand den Samen in mir wahrnahm und vor allem auch ansprach. Und dieser innere Samen fühlte sich gesehen und hob dadurch den Kopf etwas mehr ins Licht.

LEBENSKUNST bedeutet also, individuelle Interessen, Talente, Fähigkeiten und Neigungen als die Substanz zu sehen und zu ergreifen, aus der sich das Werk des eigenen Lebens formen kann. Es bedeutet auch, darauf zu lauschen, wozu das Leben mich ruft. Nicht umsonst liegt schon im Wort »Be-ruf« der Ruf nach dem, was ich noch werden will. Noch stärker ist dieser Klang im Begriff »Be-rufung«, wo ich mich durch Rufung vom Leben in die Verantwortung genommen fühle, um eine Fähigkeit, die mir gegeben wurde, zurückzuschenken.

Aus „Auf der Suche nach der verlorenen Welt – Eine Reise zur poetischen Dimension unseres Lebens“
www.poetische-lebenskunst.de

Die Wunder und die Wunden unserer Welt

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Ein Kommentar

  1. Danke, dass gefällt mir sehr. Geradebin ich auf der Spur. Es scheint alles neu werden zu wollen. Meine Gedichte und Schreibarbeiten lagen bisher nur in der Lade. Ich tippe ab und staune und freue mich daran. Ja, wir sind Schöpferinnen und Schöpfer. Was für ein Geschenk. Vor Jahren hab ich eine Ausstellung gemacht ALLES KUNST JUST DO IT war der Titel. So ist-komm raus damit und zeig dich zu deiner und aller Freude die es ansehen anhören inspirieren lassen. VIELEN DANK

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