Heute bin ich grantig

Lesezeit 4 Minuten –

Von Heidi Smolka. Heute bin ich grantig. Aber echt. Das kommt nicht oft vor, aber manchmal eben doch. Grantig. Aus. Ich will nichts sehen und nichts hören. Am besten niemand redet mich an. Heute ist so ein Tag. Eigentlich hab ich mich schon so lange auf den heutigen Tag gefreut, weil ich die Tage davor sehr im Einsatz war und mich schon auf einen freieren Tag gefreut habe, also auf einen Tag, wo es zwar genug Arbeit gibt, aber keine Termine. Wo ich mir den Tag ganz frei einteilen kann. Das mag ich sehr. Naja, die Termine der Vortage waren wie gesagt anstrengend, alles ist gut gelaufen und heute in der Früh wache ich auf und bin grantig. Man kann nicht sagen, ich sei mit dem linken Bein aufgestanden, weil ich war noch im Bett liegend schon grantig. Anscheinend etwas über die Leber gelaufen – in der Nacht.

Das Wetter schön, da kann ich mich auch nicht beschweren. Sonst auch keine besonderen Vorkommnisse oder Ärgernisse. Ein Grant aus dem Nichts. Aber es ist ja trotzdem ein Grant.

Also gut.

Die innere Bühne betrachtet: da steht er also nun, der Grant ganz einsam und verlassen aber er scheint es zu genießen. Den Alleinauftritt. Keinerlei Konkurrenz. Noch nicht! Also gut, soll er seinen Auftritt haben. So geh ich also grantig einen Kaffee kochen, dann ruft meine Schwester an, ich sag ihr, dass ich grantig bin. Na geh, warum denn?

So halt.

Ach so.

Na geh, ist doch so schön draußen. Magst laufen gehen mit mir?

Sicher nicht! Grantig laufen gehen so eine blöde Idee. Mit dem Grant bleib man lieber zu Hause. (Sonst vergeht er womöglich.)

Also gut, nach dem grantigen Duschen und Anziehen grantig den Kaffee trinken und dann den blöden Computer aufdrehen und die lästigen Mails beantworten. Nervig. Was die heut wieder alles wollen von mir!

Mannometer! Das nervt.

Am späten Vormittag gesellt sich der Ärger dazu. Der Ärger darüber, dass ich grantig bin. Ist doch wirklich zu blöd, das Arbeiten lass ich sein für heute, da geht ja soundso nichts weiter mit dem Grant.

Jetzt hab ich frei, die Sonne scheint und ich bin grantig. Ist doch ärgerlich, oder? Das werden Sie doch verstehen!

Also gut, mit Grant und Ärger sitze ich nun da und warte. Schön langsam gesellt sich die Langeweile dazu… nettes Trio!

Aber erstaunlicherweise zeigt sich die Langeweile als sehr hilfreich. Sie bringt nämlich mein Fass zum Überlaufen. Da wird es mir zu bunt. So ruf ich meine Schwester an: „Magst auch mit einer grantigen Schwester laufen gehen?“ Würde sie gern, aber jetzt hat sie keine Zeit mehr. Na Bravo!

Das auch noch. Da geb ich mir einen Tritt und dann kommt die Absage.

Wieder zurück zu Grant, Ärger und Langeweile, oder gibt’s eine andere Idee dazu?

Also gut, geh ich alleine laufen. Aber nicht am Donaukanal entlang, der mich heute sicher auch nervt, sondern ich werde mit dem Fahrrad zu den Weinbergen hinaus fahren. Die geben mir immer Kraft. Und die Bewegung in der Natur macht mir gute Laune. Beim Umziehen fluch ich noch ein bisschen vor mich hin, weil ich die Laufsachen nicht gleich finde. Und überhaupt alles blöd ist.

Was ist denn da los mit mir, frage ich mich. Und betrachte meine innere Bühne: Wie da der Grant ganz grantig herumhängt und wie sich der Ärger dazugesellt, wie sich die beiden hinsteigern in ihren Grant und Ärger. Bis es fad wird und die Langeweile gelangweilt hereinschleicht. Das Bild dieser Bühnenbesetzung hilft mir die Situation zu belächeln und da ist es passiert: das Lächeln kommt auf die Bühne und es wird gleich heller. Ja, und Helligkeit, das mag mein Grant gar nicht. Da fühlt er sich nicht wohl. Das Lächeln bringt auch meist gleich seine Freunde mit: den Spaß, die Lebensfreude, die Unternehmungslust, die Gefolgschaft lässt nicht lange auf sich warten und deren Wirkung noch weniger lange. Schön ists 😉

Ich freu mich schon aufs Laufen in den Weinbergen ;-)))

Zur Person: Heide-Marie Smolka beitet als Psychologin und Trainerin Glückstrainings an. Eine tolle Idee ist auch ihre Meldestelle für Glücksmomente. Hier mehr.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zum ersten Mal 2013 bei den newslichtern.

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Gastbeitrag
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7 Kommentare

  1. Danke für das Lächeln, dass mich achon bei der Vorstellung einholte, dass der arme Grant ganz allein auf der Bühne steht. Hatte sofort Mitgefühl mit ihm und ein Lächeln im Gesicht!
    So, als Bühne betrachtet, auf der die einzelnen Akteurinnen und Akteure unseres Innenlebens auftreten und auftreten dürfen, fällt es doch gleich viel leichter, sich mit ihnen zu befassen und das Stück, wenn sie gesagt habe, was sie sagen wollten, zu beenden.

    Herzensgrüße und ein gute Bühnenshow euch allen 🙂
    Imke

    • Ach, auch mich hat es so erfreut 🙂 so eine wunderbare alte, neue, stimmige Geschichte. Sehr wertvoller Impuls.
      Danke für ’s Schreiben und für‘ s wiederholte teilen.
      herzliche Grüße
      Monika

  2. SOOO Großartig! 😀
    Vielen Dank fürs Teilen dieser wunderbaren „Aufführung“. 😉
    Da freue ich mich doch schon fast auf MEINEN nächsten „Grant“… 🙂

  3. Hey, das ist ja wundervoll – Bühne frei für GRANT und Co. Humor ist wenn wir unser Lachen wiederfinden. Was für eine feine Anstiftung. UND: Entlastung aus dem alten Missverständnis, dass ich die allereinzige, von Gott und der Welt verlassene Seele bin, der das geschieht. Nächster Auftritt Grant wird neu und anders sein, darauf wett ich. Soll er doch. Kann er ruhig. Dann sag ich mir einfach „Heute bin ich grantig“. So ist das. Und pflegs, bis es durchgezogen ist das Grant-Ärger-Langeweile-Tief. Danke für 2013 und JETZT.

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