Das Geschenk der Großeltern

Meine Oma und mein Opa haben das Zeitliche schon lange lange losgelassen. Sind im Außen nicht mehr da, seit Jahrzehnten schon. In den Siebzigerjahren, da bin ich zwölf, stirbt mein Opa. Mit meiner Oma dann, wachse ich noch hinein ins Erwachsenwerden. Wir haben eine ganz eigene, tiefliebe, innige Verbundenheit. Sie schenkt das Wunder in mein Leben, für sie das reine Glück zu sein. Ganz so, wie ich bin. Segensreich umhüllend ist mir das. Mitte meiner zwanziger Jahre dann begleite ich sie in ihrem Krankwerden und Sterben. So lang lang ist das schon her, und wohnt doch tief in mir.
Ihr Abschied begibt sich in Tagen, als der Himmel so blau, die Sonne so warm ihre erste Frühlingswärme ins Allgäu schenkt. Und doch keine vor die Tür geht. In der Ukraine, in Tschernobyl ist es zum größten anzunehmenden Unfall im Kernkraftwerk gekommen. Ich erinnere mich daran, im Krankenhaus am Sterbebett meiner mir so lieben, an Krebs erkrankten Großmutter zu sitzen. Während vor dem Fenster eine dem menschlichen Auge unsichtbare Gefahr unter solch blitzblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein dem Verstand vollkommen unbegreiflich ist. Bedrohlich. Unheimlich. Für uns alle. Und doch seh ich mich geerdet in meinem Dasein für den Übergang meiner gebliebten Oma. Sie zeigt mir, wie das gehen kann, mit dem Loslassen. Sich anvertrauen. Annys Abschied kommt als Erlösung.
Mit ihr im Herzen werde ich älter. Durchwandere Erlebniswelten, die mir vielfach Herausforderung und Förderung in einem sind. Lebe und liebe. Darf das Glück und die Grenzerfahrung erleben und meistern, Mutter zu werden.
Inzwischen längst selbst im Alter einer jungen Großmutter entdecke ich eines Sommertages einen für mich neuen, hell leuchtenden Kunsthandwerksweg. Das Slow Stitching. Dieses meditativ ruhige, auf den Prozess konzentrierte, frei gestaltende Stick-Nähen genieße ich sehr. Im Malen mit farbigen Stoffen, Nadel und Faden erfüllt mich lichte Freude. Komm ich zur Ruhe. Meine überbordende Kreativität im steten Auf und Ab der Nadel, in dieser so freien wie erdenden Handarbeit zu leben, ist wunderbar erfüllend und segensreich für meine wahrlich bunte neurologische Grundausstattung. Einfach eine Genuss.
Und so kommen Stickgarne zum Einsatz, die ich liebevoll gehütet habe in Jahren und Jahrzehnten. Fundstücke aus Haushaltsauflösungen, von Nachbar:innen, Gaben aus allerlei Zusammenhängen. Auch aus dem Nähkästchen meiner Oma.
Als mehr Garne aus vielerlei Quellen dazukommen, wachsen meine nach Farbfamilien sortierten Stickvorräte allmählich in eine solche Fülle, dass ich beschließe, sie neu aufzuwickeln auf feste Kärtchen. Um sie nach und nach, geordnet nach Farbschattierung in eine schöne Übersicht zu bringen.
Wann immer der Impuls da ist, wickle ich nun begonnene Stickgarne neu auf. Darunter auch solche, die schon zuvor von Hand auf eine improvisierte Unterlage gewickelt waren – auch von anderen Menschen zu anderen Zeiten vor mir. Dabei kommen zusammengefaltete Zeitungsschnipsel zum Vorschein, Reste von Briefumschlägen oder Packpapier. Allerhand bunte Improvisation. Manchmal finde ich Hinweise auf die Vor-mir-Stickende. Zeitung aus Hannover zum Beispiel. Dann weiß ich, das hier, das hatte meine Oma in der Hand.
An einem Abend im Oktober ist mal wieder Garne neu wickeln dran. So wie ’s grade kommt. Die rote Tüte hab ich mir hingelegt. Und dabei fällt dieser und jener Papierschnipsel in meinen Schoß. Den ich auffalte, klar. Forscherinnengeist halt. Nach ein paar Zeitungsschnipseln und blanken alten Packpapierresten wieder etwas ähnliches. Vom Alter braun gewordenes Papier.
Doch als ich mein neu gewickeltes Garn ablege, um das Fundstück in die Hand zu nehmen und auszuforschen, wird im ersten Auffalten klar: hier geschieht mir etwas Besonderes. Ich halte inne. Stoppe das Hörbuch, dem ich eben noch gelauscht habe. Leg meine Hände in den Schoß und atme. Blicke aus dem Fenster. Folge meinem Atem, bis ich bei mir eingekehrt bin. Ganz anwesend. Um dann ruhig und geankert diesem Abenteuer Raum zu geben – denn als solches erweist es sich.
Ich sehe Handschrift.
Sehe mit Bleistift geschrieben den Namen meiner Oma.
Und eine Adresse, die ich nicht kenne.
Doch an sie sind diese Zeilen, ist dieser Brief gerichtet, den ich in der Hand halte. Geschrieben hat ihn mein Opa.
Der Absender ist da.
Ein Datum auch.
Er in einer Schreibstube an der Front. Sie mit beiden lebenden Kindern, fünf und zwei Jahre jung, in der Kinderlandverschickung auf dem Land.
Ein vollkommen unversehrter, nur an den Rändern geöffneter, DIN A5 kleiner Feldpostbrief kommt da in mein Leben. Geschrieben im Mai 1940. Ein Liebesbrief. Voller Fürsorge. Erfüllt von warmem Ausdruck liebevoller Verbundenheit. Stärkung.
Zuspruch.
Küsse an die Kinder.
Ach, ich weiß kaum so schnell mein Herz zu weiten, wie da meine jungen Großeltern in meinem Herzen Platz nehmen.
Nie vorher sah ich die junge Handschrift meines Opas. Kannte nur die zittrige Alters-Schrift dieses Mannes, der spät im Leben seine Liebe fand. Der heiratete und Vater wurde. Und ein sehr betagter Großvater war für uns Enkelkinder. Er wirkte streng, distanziert. Schien sich mit unserer Lebendigkeit schwer zu tun.
Doch hier ist er. Schenkt sich in mein Leben in Dimensionen, die ich immer ersehnt, doch nicht gekannt hatte. Seine liebevolle Menschlichkeit. Sein sorgendes Sein in all der Unbill, all der Not jener Tage. Jener Zeit, über die er nie sprach. Auch nicht zu seinem Sohn, meinem Vater. Der ist da ein zweijähriger Knirps neben dem Liegestuhl seiner erschöpften Mutter. In der Kinderlandverschickung. Der über die Wiese springt und die Finger in die Erde bohrt. Käfer beobachtet. Darüber der Himmel so blau.
So müde sie auch ist, stickt Anny indessen die Namen in die Kleidung ihrer Kinder. Und in ihre eigene. Mit rotem, glänzenden Garn. Das Haus der Kinderlandverschickung hat eine Wäscherei. Die Kleidung darf nicht verloren gehen. Alles, was Anny einpacken kann im Moment des Aufbruchs und jetzt hier hat für ihre beiden kleinen Kinder und sich, ist kostbar. Notwendig. Gebraucht. Das Garn hat sie bewusst gewählt. Klares, reines Rot. Gut sichtbar in der gekennzeichneten Kleidung.
Doch kaum hat sie den ersten Abschnitt vom Strang gelöst – zwei Fäden zieht sie daraus fürs Sticken – beginnt das Chaos des so gut gewählten Garns sich auszubreiten. Oder eher: sich zusammenzuziehen. Denn so perfekt die Farbe, so unglücklich die glatte glänzende Struktur des Garns. Es beginnt sich aufs wildeste zu verwirren. Knoten unausweichlich. Wenn nicht …
Und so steht sie auf aus ihrem Liegestuhl, um über die Wiese zum Haus in ihr Zimmer zu gehen, das sie mit anderen Müttern und ihren Kindern teilt. Ihr Blick streift durch den Raum. Sie überlegt, was sie nehmen könnte. Versucht eine Lösung zu finden, was sich benutzen ließe, um dieses störrisch-eigenwillige Glanzgarn zu bändigen. Sie öffnet die Schublade ihres Nachtkästchens. Darin ihr Bleistift. Ihr Füllfederhalter. Tinte hat sie keine mehr. Papier ja. Doch das braucht sie, um ihrem Ernst zu schreiben. Und da sind seine Briefe, die er ihr geschickt hat, seit sie getrennt sind. Er an der Front, wo sich jeden Augenblick alles ändern kann. Sie hier mit den Kindern im Grünen. Fern von daheim. Obenauf sein neuer Brief, der vor zwei Tagen zu ihr kam über die Poststelle im Kilometer weit entfernten Ort. Ihr Blick wandert zur Post darunter. Da ist der erste Brief, der sie hier erreichte. Den er ihr schrieb, liebevoll, stärkend und fürsorglich. Wieder und wieder hat sie ihn gelesen.
Sie gibt sich einen Ruck. Streicht warm übers Papier. Und gibt dem einfach gefalteten Brief zwei neue Falten. Ja, so kann es gehen. Diese Kostbarkeit ist gerade richtig, um das wild sich verzwirbelnde rote Garn neu zu wickeln. Sodass sie weitersticken kann. Ohne Knoten und Chaos. Sie verzichtet auf einen praktischen Schnitt ins Papier. Sorgsam legt sie das Fadenende zwischen den letzten und vorletzten Falz, den sie hergestellt hat. Und lächelt, als es gelingt.
Ihre Liebesgabe, ihrer beider Liebesgabe für die zukünftige Tochter ihres in diesem Augenblick erst zweijährigen Sohnes – für mich, ihre Enkeltochter – ist auf den Weg gebracht.
Ich werde sie 85 Jahre später an einem Abend im Oktober empfangen.
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Liebe Miriam, wie wundervoll, dass du diese Geschichte jetzt durchlebt, geordnet und durchweht mit deiner Liebe und deiner Lebenskunst „zu Papier“ gebracht und uns geschenkt hast. Möge sich dieses Geschenk ausweiten in diese Welt, dich zurück beschenken und in seiner Kostbarkeit dich erden und halten. Ganz liebe Grüße und herzlichen Dank Dorothee
Liebe Miriam,
du ‚malst‘ nicht nur mit den farbigen Stoffen – ebenso mit DEINEN ausgewählten Worten. Ich kann mich wunderbar in deine Geschichte ‚einsinken‘ lassen.
DANKE, von HERZ zu HERZ, Marianne
Morgentränen. Danke Miriam!
Wie wunderschön und berührend geschrieben. Danke fürs teilen.
🌷Sanvjs
Gänsehaut …
Danke für dein Teilen – das Geschenk.
Von Herzen ❤️ danke liebe Miriam
Wie wundervoll deine Geschichte ist….ich bin tief im Herzen berührt.
Und du schenkst mir gerade liebevolle Erinnerungen an meine Oma und meinen Opa, die auch lange schon gegangen sind, beide kurz nacheinander 1993.
In Verbundenheit
Moni
Liebe Miriam,
was für eine zauberhafte LIEBESgeschichte! Über Generationen hinweg so tief spürbar. Danke, dass du diese Liebe mit uns teilst und meinen Tag damit wärmst. Herzensgruß, Anne