Botox für die Seele

Du hast meditiert, manifestiert, optimiert – und trotzdem fühlt sich dein Leben nicht wirklich freier an? Vielleicht liegt das Problem nicht an dir, sondern an der Idee, dass du erst „besser werden“ musst.
Dieser Text stellt eine radikale Frage: Was, wenn du nie repariert werden musstest?
Es gibt Annahmen, die sind so selbstverständlich, dass niemand sie hinterfragt. Eine davon begleitet uns von Anfang an: Aus uns muss erst noch „etwas werden”. Diese Annahme ist auf bestimmten Ebenen richtig, denn viele Dinge werden wir erst im Laufe der ersten Lebensjahre lernen, Laufen und Sprechen zum Beispiel. Das „Werden“ bezieht sich hier auf körperliche und geistige Entwicklung. Unsere emotionale Entwicklung und die Fähigkeit zur Interaktion mit unserer Umwelt gehören auch zu diesem Prozess.
Aus dieser richtigen Annahme heraus scheinen wir den aus meiner Sicht falschen Schluss zu ziehen, dass nichts an uns bereits vollkommen ist, wenn wir das Licht der Welt erblicken.
Woher kommt die Vorstellung, dass wir nicht vollkommen sind?
„Was willst du denn mal werden?“ haben wir alle bestimmt häufiger gehört. Wir lernen früh, dass wir etwas tun müssen, um als vollwertiges Mitglied einer Familie und einer Gemeinschaft anerkannt zu werden. Es handelt sich um eine Art von „Liebe“, die nur unter Bedingungen gewährt wird.
An dieser Stelle haben wir uns – oft sehr früh – von uns selbst entfernt. Es festigt sich ein Denk- und Erfahrungsmuster, dass mit „Wenn“ beginnt. „Wenn ich artig bin…“, „Wenn ich eine gute Note bekomme“, „Wenn ich meinen Abschluss mache…“, „Wenn ich schön bin…“ dann – werde ich akzeptiert und geliebt.
Das Tragische daran: diese Art von früher Konditionierung lässt uns die ganz natürliche Verbindung zu unserem Wesen verlieren, das schon bei unserer Geburt vollkommen ist.
Was folgt, ist ein Leben der steten Suche nach sich selbst. Nur ist es oft eine Suche im Außen, die deshalb nicht erfolgreich ist, weil sich das Gesuchte in unserem Inneren befindet. Nach ein paar Jahren verlieren wir das Gespür dafür, was uns in unserem tiefsten Inneren nicht nur ausmacht, sondern einzigartig macht.
Stattdessen entwickeln wir eine Ersatzidentität. Noch tragischer: wir vergessen fast vollständig, wer wir wirklich sind, und halten stattdessen die sorgfältig aufgebaute Ersatzidentität für unsere Persönlichkeit. Im Laufe der Zeit entwickeln wir Fähigkeiten, die allgemein als positiv wahrgenommen werden.
Liebe durch Leistung
Ich selbst habe unbewusst die Strategie “Liebe durch Leistung” gewählt. Mein Ehrgeiz und mein Perfektionsdrang hat mich nach außen zu einer starken und erfolgreichen Frau gemacht. Der Preis: extrem hoher Anspruch an mich selbst, permanente Anspannung, und keine echte Freude an erreichten Zielen. Mein Selbstwert: eher gering. Hat aber kaum jemand gemerkt. Meine Tarnung war gut.
Ersatzidentität: Der naheliegende Ausweg aus gefühlter Unvollkommenheit
Unsere Ersatzidentität gibt uns Sicherheit und verankert uns in der Welt. Deshalb investieren wir sehr viel Energie in die Aufrechterhaltung der Persona, zu der wir uns – manchmal notgedrungen – geformt haben.
Der Erfolg gibt uns Recht. Ein halbwegs ausreichendes Maß an Anerkennung und „Liebe“ reicht uns. Der tägliche Selbstbetrug wird ausgeblendet und zeigt sich in Form von allerlei inneren und äußeren Konflikten.
Wir verteidigen unsere Ersatzidentität mit Klauen und Zähnen, falls jemand daherkommt und sie in Frage stellt. Wir klammern uns an unsere Ersatzidentität sogar dann, wenn wir ganz freiwillig einen Veränderungsprozess anstreben. Wir klammern uns daran, weil wir nicht ohne Fallschirm aus dem Flugzeug ins Nichts springen wollen. „Wer bin ich, wenn ich nicht mehr so bin, wie ich immer war? Bin ich dann überhaupt noch?“
Tiefgreifende Veränderung – weg von unserer Ersatzidentität – macht uns unbewusst Todesangst. Deshalb fällt sie oft so schwer.
Selbstoptimierung – die Veredelung der Illusion
Genau hier setzt ein großer Teil der Persönlichkeitsentwicklung an: bei unserer Angst. Gut gemeint ist deren Idee, dem suchenden Menschen seine Angst zu nehmen, indem sie ihm vorschlagen, mit ihrer Hilfestellung einfach noch besser zu werden: Erfolgreicher. Authentischer. Beziehungsfähiger. Oder mit ihrer Hilfestellung die Wirklichkeit umzudeuten: Manifestiere dir eine bessere Welt, ein besseres Leben. Dann musst du dich gar nicht verändern.
Die unausgesprochene Grundannahme vieler Selbstoptimierung: Mit uns stimmt etwas nicht.
Bedient wird in allen Fällen das Gefühl, nicht genug zu sein, oder es falsch zu machen.
Das Lösungsangebot heißt: Schaffe dir eine Ersatzidentität. Oder eine Ersatz-Realität.
Beides: Botox für die Seele. Alle paar Monate eine neue Spritze.
Aber das ist keine Identität, die uns wirklich trägt. Wir wissen das. Was macht mich da so sicher? Illusionen können uns geraubt werden, deshalb verteidigen wir unser Selbstbild.
Unser wahres Wesen ist unantastbar. Es bedarf keinerlei Schutz durch uns. Es ist heilig.
Der Weg nach Hause
Die gute Nachricht: unser Wesen ist immer noch da. Es war nie getrennt von uns. Wie auch. Es ist der Stoff, aus dem wir sind.
Für die Rückbesinnung auf unser wahres Wesen, die Wiederentdeckung unserer Identität, braucht es gar nicht viel. Nur den Mut, in das noch Unbekannte aufzubrechen, das in Wahrheit ein Nachhausekommen ist.
Ist der Weg weit? Nein. Der Weg zurück ist überraschend kurz. Er passt in einen einzigen Gedanken: Ich bin vollkommen.
Halte es für möglich, dass in dir ein vollkommenes Wesen existiert. Bewohne diesen inneren Ort. Er ist dein zuhause. Mach es dir gemütlich. Dann erst denke über Veränderungen nach.
Du bist bereits vollkommen – dein Verhalten darf sich verändern
Hier zwei Ideen, wie du zukünftig in einen Veränderungsprozess starten könntest:
- Wenn du eine Veränderung anstrebst, besinne dich vorher darauf, dass dein Wesen vollkommen ist und keinerlei Veränderung oder Verbesserung bedarf. Lasse diese Erkenntnis in deinem Bewusstsein landen. Bis du sie in deinem Körper spürst. Dann erst denke über die Veränderung nach und frage dich, warum du sie anstrebst. Was ist deine Motivation?
- Wenn ein Verhalten von dir selbst oder anderen negativ (oder positiv!) bewertet wird, besinne dich vorher darauf, dass dein Wesen vollkommen ist und keinerlei Veränderung oder Verbesserung bedarf. Lasse diese Erkenntnis in deinem Bewusstsein landen. Bis Du sie in deinem Körper spürst. Dann erst überprüfe, ob deine Selbstkritik oder die Kritik anderer Substanz hat oder nur die implizite Aufforderung ist, so zu sein wie du selbst dich haben willst oder andere dich haben wollen.
Dein Leben in dem Bewusstsein zu gestalten, das dein Wesen vollkommen ist, eröffnet dir die Möglichkeit, aus dem Spiel des reaktiven Fühlens und Lebens auszusteigen. In der Folge gewinnst du die Gestaltungshoheit über dein Leben zurück und wirst mit viel mehr Freude und Gelassenheit deinen Weg gehen.





Guten Morgen, eine sehr gute Sicht auf uns und was das zufriedene Leben ausmacht. Ich bin dafür, diesen Text als Begleitbrief an alle werdenden Eltern zu verteilen.
Dankeschön, es ist essentiell für Menschenkinder, wegen ihrer selbst oder wegen ihrer „Leistungen“ geliebt und gesehen zu werden.
Liebe Romy,
eine schöne Idee. Es bleibt die Hoffnung, dass wir Wege aus der sogenannten Leistungsgesellschaft finden und uns wieder mehr auf all das besinnen, was uns als Menschen ausmacht. Mitmenschlichkeit, Neugier, Erfindergeist, Kreativität…
Liebe Grüße,
Nadine
Waoh… Liebe Nadine, danke für diesen wundervollen Text. Mir wurde „Du wirst erst geliebt, wenn du etwas leistest“ schon sehr früh eingeimpft und so hat sich mein Selbstbild darauf aufgebaut, bis hin zur passenden Berufswahl.
Umso erstaunter bin ich immer wieder, wenn mich jemand einfach so mag, ohne dass ich etwas in meinen Augen Erwähnenswertes getan habe.
Danke für die vielen Impulse, ich werde deinen Text öfter lesen.
Dir wünsche, dass du mit Liebe beschenkt wirst, bedingungslos. 🤗
Liebe Astrid, dieses Erstaunen kenne ich.
Es fühlt sich manchmal an, als sei der Leistungsgedanke Teil der DNA geworden.
Von Herzen Dank für Deinen Wunsch!
Alles Liebe,
Nadine
WOW! Der Text kommt gerade wie gerufen. Ich bin dir, liebe Nadine, von Herzen dankbar.
Lieber Björn, das freut mich. Alles Gute für Dich!
Liebe Grüße, Nadine
Hallo,
danke, kenne ich alles auch. Schön, wie du es beschrieben hast.
Bei meinem indischen Yogalehrer hängt u.a. ein Satz: „Es geht nicht darum jemand zu werden, sondern niemand zu sein. Meet yourself.“ Der begleitet mich dieses Jahr immer mal wieder.
Ich denke, es geht darum vom Tun, Machen, Verändern, Optimieren, … – auch von sich selbst – weg zu kommen, hin zum Sein. Aber wenn ich dort ganz und gar bin, bin ich vermutlich ein Niemand, weil es mich in dieser Form gar nicht mehr gibt, auch wenn mein Körper immer noch da ist und ich dieses Leben lebe. – Und vermutlich können wir es so ganz und gar erst im Tod erfahren.
Namaste und allen einen schönen Tag!
Daniela
Ein wunderbarer Text.
Vielen ❤️ lichen Dank fürs Erinnern .
…genauso ist es.
Moni