Der abwesende Held

Lesezeit 4 Minuten –

Wie jeden Morgen zum Sonnenaufgang steht sie oben auf dem Turm, dem höchsten Turm der Burg, die ihre Burg ist. Der Wind weht durch ihre Haare und der weiße Mantel, den sie sich übergeworfen hat, flattert um ihre Beine. Ihr ist kalt und zugleich fühlt sie sich frei, wach, klar und verbunden.

Sie blickt in Richtung Osten. Dort wird die Sonne erscheinen. Und dort würde auch er erscheinen, wenn er erscheinen wird. Wie fast jeden anderen Tag dieses Jahres, und vieler anderer zuvor, wird es am Abend nur die Sonne gewesen sein, die gekommen ist. Die zumindest ist zuverlässig, wenn auch Wolken sie manchmal verdecken oder Nebel – Rachel weiß, dass die Sonne da ist. Er hingegen wird abwesend sein – ebenso zuverlässig. Nicht nur von Wolken oder Nebel verdeckt und trotzdem spürbar als wärmende Präsenz, sondern wahrnehmbar allenfalls als Leerstelle, als ein Ring mit offener Fassung, aus dem der Edelstein längst hinausgefallen ist. Ihr Ehemann, der, mit dem sie die Burg und das Leben teilt, ist nicht da.

Sie kennt es nicht anders. Die meisten ihrer Freundinnen wissen es auch nicht besser, und wenn sie die Altvorderen befragt – die lebenden und die toten – dann verkünden auch diese den ewig gleichen Lauf der Dinge – der Held ist abwesend, die Königin trägt die Verantwortung und die Schlüssel zum Haus, zur Geldtruhe und zu den Herzen der Dorfbewohner. Sie ist die, die mit den reisenden Stoffhändlern und Kräuterfrauen verhandelt, sie bestellt die Felder, sie beauftragt die ständig nötigen Reparaturen an und in den alten, zugigen Gemäuern der Burg. Sie ist Ansprechpartnerin für die Menschen und Fixpunkt für die Tiere der Burg, die schnauben, gackern, bellen oder auf ihre ganz eigene Art ihre Verbundenheit ausdrücken, wenn die Herrin vorbeigeht. Selbst die Blumen und Bäume wissen um ihre Präsenz, um ihre Sorge und Fürsorglichkeit und segnen sie im Frühling mit herabfallenden Blüten. Oft merkt sie es nicht und wischt sich gedankenlos den zartfarbenen Kirschschnee aus dem Haar – wenn sie es bemerkt, ist sie froh, schaut zum Baum hoch, bedankt sich für seine Liebe und die reiche Ernte, die er allen bringen wird – auch dem Helden, der sich in den Zeiten seiner Anwesenheit an Kirschkuchen und Marmelade erfreuen wird. Sie freut sich mit ihm, an seinem Strahlen, seiner Dankbarkeit, an seiner Energie, an seinen Erzählungen, die jedes Detail und jede gerunzelte Augenbraue aus den fernen Ländern zu ihr tragen – manchmal ermüdend, sicher, doch anderseits saugt sie die Worte und Erzählungen auf, weil sie wieder ein Band zwischen ihr und ihm weben, es erneuern, die durch lange Abwesenheit brüchigen Stellen ausgleichen und neue Farben in die verblasste Textur einfließen lassen. Farben von Stolz. Mut. Leistung. Gewinn.

Seine langen Abwesenheiten ermöglichen ihr das leichte Leben, sagt er. Wäre er nicht unterwegs, dann säße sie in einer kleinen Hütte und würde für andere Leute den Webstuhl bedienen. Seine erfolgreichen Wege durch die Lande und die Truhen mit Gold, die er mitbringt, seien der Ausgleich für seine Abwesenheit und für die Last, die er ihr damit aufbürdet. Und überhaupt, welche Last? Sie darf allein entscheiden und sie macht das alles sehr gut, das sieht er doch, und er dankt es ihr mit seinem herzhaften Zugreifen bei den Mahlzeiten, die sie bereitet. Er dankt es ihr, indem er ihre Entscheidungen nicht – oder nur selten – in Frage stellt, er dankt es ihr, indem er wiederkommt und sie an seiner Treue keinen Zweifel haben muss. So sieht er es und so sagt er es und damit ist es gut.

Dass er ihr mit seiner Abwesenheit die Möglichkeit nimmt, selbst und selbstbestimmt die Frau zu sein, die sie gerne wäre und spürt, sein zu können, sieht er nicht. Meist sieht sie es auch nicht – nur eine leise Sehnsucht ist immer spürbar, tief im Körper, dort, wo es manchmal eng ist und an anderen Tagen eine unbestimmte Leere herrscht. Was wäre, wenn – flüstert diese Leere und sie flüstert es besonders laut an den Morgen auf den Zinnen der Burg. Und an den einsamen Abenden, wenn die Kinder im Bett sind, mit einer Heldengeschichte über den Vater, der sicher bald wieder nach Hause kommen wird, zum wohligen Schlaf gebracht. Wenn sie dort sitzt, und aus dem Fenster schaut in die dunkle Welt, dann überkommt sie eine fast gierige Ahnung von all den Geschichten, die sie leben und erzählen könnte. Von den Menschen, denen sie nie begegnen wird. Von dem eigenen Geld, das sie nie haben wird. Von der Selbstbestimmtheit, die mit eigenem Besitz einhergeht. Doch diese Stimmungen verfliegen, mal schneller, mal langsamer, das kommt auch auf die Jahreszeit an. Und egal, was ist, und egal, welche Sehnsüchte das Herz eng oder weit machen – am nächsten Morgen, zum Sonnenaufgang, steht Rachel wieder auf dem Turm der Burg, die ihre Burg ist, und beginnt den Tag mit ihrem Schwur: Ich werde diesen Tag leben, mit aller Kraft und Freude, die mir zur Verfügung stehen.

Sie wartet auf die Antwort der Sonne, dann dreht sie sich um und steigt die Treppen hinunter, um ihr Tagwerk zu beginnen.

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Andrea Goffart
Andrea Goffart

Als Autorin, Biografin und Schreibcoach unterstützt Andrea Goffart Menschen dabei, ihre Geschichte(n) zu erzählen. In ihren Schreibräumen (online / Präsenz) entsteht ein offenes, wertfreies Wir, das auch schüchterne Geschichten einlädt, sich zu zeigen. www.andrea-goffart.de Monatliche Schreibimpulse schenkt ihr Newsletter FEDERFLUSS.

6 Kommentare

  1. Danke liebe Andrea für diesen magischen Text, den etwas in mir grade auf einer völlig anderen Ebene gelesen und wahrgenommen hat, als er wohl gemeint ist ✨

    • Liebe Yvonne, doch, ich glaube er ist genauso gemeint, wie du ihn verstanden hast. Auch in mir haben ganz viele verschiedene Ebenen geschwungen und es es ist sehr viel Mangel und auch sehr viel Fülle in diesem Text, es ist beides. Es ist immer beides. ❤️

  2. Ich kommentiere selten. Obwohl es viele wunderbare Artikel zu lesen gibt. Doch heute, jetzt, ist es in mir. Dieser Spiegel der Stimme und Stimmung in mir, berührt mich zutiefst. Als wäre ich die, von der die Geschichte erzählt. So ist es wohl gedacht, archetypisch, und ich fühle mich gesehen auf eine Weise wie lange nicht. Danke. Danke für diese kraftvollen Worte.

    • Ich danke dir, Esther, für diese Rückmeldung. Ja, es war das archetypische, das ich versucht habe zu berühren und dieses weite Feld der Frau als Hüterin umfassend zu begreifen.
      Ich bin selber durch ein Gespräch zu diesem Text inspiriert worden und war sehr dankbar, für die Reise, auf die mich dieses Gespräch geführt hat.
      🌿

  3. Liebe Andrea, das ist ein wunderschöner Text. Voller Seele. Eine Wohltat in einer Zeit, in der immer mehr KI-generierte Texte entstehen.
    Vielen Dank dafür!
    🪽

    • Liebe Nadine, ich danke dir und teile, aus Selbstversuch und Beobachtungen, deine Sichtweise, dass man KI Texte daran erkennt, dass sie keine Seele haben.
      Und vielleicht, wer weiß, könnte genau das auch die Hoffnung in die Endlichkeit der KI sein, denn eine Seele wird sie nie haben, KI kann immer nur das sein, was ich in null und eins ausdrücken lässt. Bleibt also auf der Ebene der Polarität.
      Aber die Seele ist ganz.
      Das ist meine Sicht. Momentan
      Vielleicht kann jemand was damit anfangen
      Herzlich, Andrea🌺

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