Ein Gespräch über Kochen und Selbstliebe

Auf meine Artikel „Wann ist deine Kochzeit?“ und „Wir können es eben noch nicht besser“ hat newslichter-Leser Bernhard seine Gedanken und Gefühle darüber aufs Papier gebracht. Nachfolgend findest Du hier ein Gemeinschaftswerk von ihm und mir. Sei gespannt und teile deine weiteren Gedanken mit uns. Denn es gibt viele Antworten auf all die Fragen, die hier aufgeworfen werden. Bernhards Beiträge sind kursiv anzeigt, meine Gedanken dazu sind die andere Partie.
Was hat Kochen mit Selbstliebe zu tun?
Ja das Kochen. Eher zufällig las ich in den Artikel „Wann ist deine Kochzeit?“ von Charlotte Sachter hinein. Kochen interessiert mich eigentlich nicht. Die ersten Sätze fesselten meine Aufmerksamkeit. Ja, es stimmt, auch ich finde ständig Ausreden, um nicht kochen zu müssen. Und dann las ich den Artikel „Wir können es eben noch nicht besser“.
Es ist ein interessantes Phänomen: Vielen Menschen geht es so, dass sie eine Blockade gegen das Kochen entwickelt haben. Manche können nicht kochen. Aber: Was hindert sie daran, die Neugier dazu zu entwickeln? Schließlich ist es doch ein Instinkt, sich um das eigene Wohl zu sorgen. Wir tun es in Form von Sicherheit und materiellem Wohlstand, in Form von Ausbildung und Wissensaneignung, wir tun es vielleicht sogar in Form von Geborgenheit. Warum ist das sich selbst Versorgen so ins Hintertreffen geraten? An dieser Stelle ist es wichtig, regionale Gegebenheiten hinzuzufügen. Kann sich jemand von uns vorstellen, dass Essen in Italien an zweiter Stelle stehen sollte? Oder Bistrots in Frankreich an Relevanz verlieren würden? Besonders in Deutschland ist das Phänomen des Lieferservices, der Fast Food Versorgung und der Snacks virulent. Was ist bei uns anders, dass wir so anfällig sind für die „schlechtere Alternative“?
Wenn ich ehrlich bin, beschäftigt mich das Kochen schon lange. Aber eher auf eine negative Weise. Kochen habe ich nie gelernt. Ich durfte meinem Vater in der Werkstatt helfen, während meine vier Geschwister meine Mutter in der Küche unterstützten. Sie alle können kochen, ich nicht.
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr?
Tatsächlich bestätigt die Studienlage, wer als Jugendlicher und junger Erwachsener kochen lernt, wird später häufiger selbst kochen und mehr Gemüse essen. Insofern hatte Bernhards vom Vater gelenkte Entscheidung, lieber mit Holz kreativ zu sein als in der Küche mitzuhelfen, weitreichende Folgen. Immer wieder hadert er selbst heute noch damit. Es gibt manche Bereiche, die wir bedauern aber nicht bereit sind, selbst zu ändern. Kochen gehört dazu.
Wer nicht gelernt hat zu kochen, für den ist die Hürde, damit zu beginnen, enorm hoch. Wenn ich aus meinem Alltag eine vergleichbare Hürde nennen sollte, so ist es „Video drehen“. Ich möchte es gern lernen. Ich kann gut fotografieren. Aber Video? Obwohl ich durch viel Zeichnen und Malen ein geschultes Auge für Proportionen und Bildausschnitte habe, versage ich in Sachen Video bei beidem. Meine innere Hürde ist enorm hoch. Wie, bitte soll ich das denn lernen, dass ich bei meinem jetzigen Können ein akzeptables Video rauskommen soll? Und das Schnittprogramm beherrsche ich auch nicht! Natürlich vergleiche ich mich dabei mit professionellen Videos und vergesse völlig das, was ich bei meinen Beratungen und Kochcoachings selbstverständlich mittransportiere, „nebenher lernen“ und das Schritt-für-Schritt Prinzip. Ich tappe hier genauso in die Falle des „Das dauert mir zu lang!“, „Das liegt eben nicht in meiner Natur“, „Andere können das sowieso besser!“, und gebe so meiner Frustration und damit dem Aufgeben freien Lauf. Bemerkenswert ist hier, dass diese mentalen Blockaden ja durchaus bekannt sind und oft reflektiert. Dennoch führen sie zu dem Ergebnis: Aufhören, bevor es überhaupt begonnen hat.
Selbstliebe und kochen. Wo fehlt hier die Verknüpfung?
Kochen hat für mich etwas mit Selbstliebe zu tun. Bin ich bereit, meinen Körper liebevoll zu nähren? Mir Gutes zu tun? Meinen Körper mit ausgewählten Nährstoffen zu versorgen oder mute ich ihm Fast Food zu, das man mal schnell aus der Frittenbude holt? Es hat für mich etwas damit zu tun, Zeit für mich zu nehmen, denn ein alter Glaubenssatz lautet: Kochen ist Zeitverschwendung.
Eine Freundin von mir, mit der ich auf Spaziergängen schwere Themen „weg gehe“, sagt, sie sei zu ungeduldig, Kochen würde so viel Zeit in Anspruch nehmen. Sie habe Wichtigeres zu tun. Sie kauft biologische Lebensmittel ein; sie ist sich bewusst, dass Qualität nützlich und bekömmlicher ist. Dennoch hat sie immer wieder mit ihrem Darm zu tun. Unwohlsein, Bauchschmerzen, Blähungen bis hin zu ganzkörperlichen Phänomenen und Kraftverlust. Sie versucht es mit Fastendiäten. Nichts ändert sich. Auf die Frage, warum sie sich die Zeit für ihr regelmäßiges Unwohlsein gönne aber nicht die Zeit zum Kochen, lachen wir.
Wir lachen viel zusammen, wenn wir unsere Muster und selbst gestellten Fallen entlarven. Das war wieder einen großen Lacher wert. Ihr Körper gibt ihr so deutliche Zeichen, dass der bisherige Weg nicht übereinstimmt mit ihren eigentlichen Bedürfnissen. Wir sind schnell beim Thema. Bei ihr ist es der Verlust ihrer Familie, für die sie so gern gekocht hatte. Nun ist sie seit Jahren geschieden und hat keinen Grund gefunden, in die Selbstfürsorge zu gehen. Für viele Menschen ist es viel schwieriger, sich selbst wertzuschätzen, als für andere fürsorglich zu handeln. Ich werfe einen weiteren Stein: Vielleicht hilft es ihrem Darm, wenn sie ihre Ungeduld und ihr Missfallen gegenüber dem Kochen selbst aufgibt. Auch wenn wir lachen, ich weiß, diese Sätze fallen auf den Grund des Sees und wirken.
Ich koche auch nicht gerne nach Rezepten, weil da immer irgendein Gewürz enthalten ist, das ich nicht habe. Wenn ich dann vom Rezept abweiche, bringt es mich an mein Thema, keine Fehler machen zu dürfen. Und ich muss schon im Voraus planen, was ich morgen essen will. Das schränkt mich in meiner Flexibilität ein. Was weiß ich heute, worauf ich morgen Lust habe?
Wer kennt das nicht? Wie schwer ist es, den Anfang zu überwinden, vor allem dann, wenn die eigene Einstellung belegt ist von abschlägigen Glaubenssätzen. Der Anspruch an sich selbst, gleich perfekt sein zu sollen, woher rührt der eigentlich?
Wenn ich schon bereit bin, nach Rezept zu kochen, dann muss es wirklich so sein, wie es beschrieben ist. „Essens-Content“ wird in den sozialen Medien „gehyped“. Absichtlich verwende ich die dafür gültigen anglisierten Begriffe. Es zeigt den Status „cool“ an. Selbst wer keine Kochshows ansieht und die sozialen Medien nicht bedient, sieht sich in Deutschland einer Kultur gegenüber, in der hohe Ansprüche an das Essen bei vielen auf wenig praktische Erfahrung trifft, wenn es um das selbst zubereiten geht. Und es stimmt:
Kochen ist eine komplexe Angelegenheit und dazu noch eine soziale. Wer „einfach Kochen“ vorschlägt, ist meist schon routiniert und kennt die Abläufe in der Küche und für verschiedene Gerichte. Einfach die richtige Pfanne greifen, heißt, „ich weiß, welche Materialien ich brauche“; wissen, wann der Deckel drauf muss, wann zu der Zwiebel der Knoblauch dazukommt, wann die anderen Gemüse in die Pfanne wandern dürfen, damit ihre Bisskonsistenz genauso ist, dass ein interessantes Erlebnis beim Essen entsteht… All diese kleinen Schritte erfordern Wissen und Entscheidung! Wissen, über die verschiedenen Gemüse: Welche Gemüse kann ich kombinieren? Wann muss welches Gemüse in die Pfanne? Was mache ich, wenn ich ein Gewürz nicht habe?
Weil Kochen eben auch eine soziale Dimension hat, ist es doch naheliegend, gemeinsam zu kochen. So mache ich es mit meinen Patienten und mit meinen Freundinnen und Freunden. Da ich nicht nur routiniert bin, sondern auch noch begeistert von jedem einzelnen Schritt, den ich beim Kochen gehe, kann ich erzählen, warum ich heute das Gemüse so schneiden will, ich kann beiläufig die Schritte erklären und mir beim Schneiden helfen lassen. Ich kann aus dem, was der Kühlschrank hergibt, ein vollständiges Gericht zaubern. So steigt der Ungeübte wie selbstverständlich mit ein ins Kochgeschehen. Ich kann erklären, womit wir das eine fehlende Gewürz ersetzen, und warum ich genau diese Alternative gewählt habe.
Es sind gleich mehrere Hürden genommen: Man steht nicht allein vor der komplexen Frage, was und wie ich kochen soll. Unmerklich überträgt und übt sich ein routinierter Ablauf in der Küche. Und noch viel schöner, man hat Freundeszeit. Für meine Patienten ist es ein unerwartetes Geschenk, bekocht zu werden oder sie teilhaben zu lassen, wie ich die Alchemie der Küche praktiziere. Vielleicht liegt hierin die Verknüpfung von gleichzeitig Selbstliebe und kochen lernen?
Ich habe für mich herausgefunden, es ist im Grunde gleichgültig, was ich esse, solange ich bewusst esse. Seit 30 Jahren ernähre ich mich vegetarisch-vegan. Ich kaufe ausschließlich Bio-Lebensmittel. Und dann sitze ich da und esse den Salat ohne Salatsoße. Und Tofu aus der Verpackung. Ich rede es mir dann schön, dass Salat ohne Salatsoße ganz wunderbar schmeckt, weil da die Bitterstoffe viel intensiver wahrgenommen werden können und diese die Leber stärken.
Wie selbstverständlich ist es für uns, in der Kindheit bekocht worden zu sein? Unsere Lebensverhältnisse haben sich geändert. Während es für die Kriegs- und eventuell noch für die erste Nachkriegsgeneration ein vorgezeichneter Weg war, eine Familie zu gründen und Verantwortungsteilung vorzunehmen, dass ein Elternteil zuhause bleibt, meist die Frauen – und der zweite Elternteil für die finanzielle Sicherheit steht, meist die Männer, gibt es heute diesen Weg unter vielen anderen. Essen kochen und eine Haltung fürsorglicher Liebe auch sich selbst gegenüber einzunehmen, will gelernt sein.
Und ja, es ist zeitaufwändig, für sich zu kochen. Heben wir doch einmal den Schleier dessen, dass wir, wie Mami es eventuell getan hat, ganz im Hintergrund, wie von selbst nicht nur ein Hauptgericht, sondern einen Salat, ein warmes Gericht und noch einen Nachtisch auf den Tisch bringen, ohne dass jemand etwas bemerkt hat. Weil es ihre Routine war, weil es ihre unsichtbare Arbeit war, obwohl sie die ganze Zeit, vielleicht eine bis eineinhalb Stunden, dafür in der Küche stand, sichtbar und hoffentlich mit schönsten Aromen riechbar! Aber wer konnte sie beobachten? Die Kinder sind im Kindergarten oder in der Schule, der Mann auf der Arbeit. Deshalb geschieht das Essen kochen „wie von selbst“.
Hier ist er! Der Anspruch des vollständigen Menüs, des „es musss gut riechen und genauso schmecken“. Und der Anspruch, dass Kochen keine Zeit kosten darf.
Alltag ist oft mittelmäßig. Und die Alltagsküche auch. Sie soll schmecken und sie darf schmecken, aber sie muss nicht perfekt sein. Sie darf einfach sein, drei Zutaten, wie zum Beispiel die italienische Alltagsküche.
Wenn wir die Salatsoße als Beispiel nehmen: Zitrone, ihr Saft, ihre Schale fein gerieben, Olivenöl, Salz. FERTIG! Überraschend einfach, überraschend gut. Ok, wieviel Saft, wieviel Öl. Ich höre es schreien, ich sehe die Augen rollen … ½ Zitrone, 2 EL Olivenöl. 1-2 Prisen Salz. Hier bitte nach eigenem Geschmack abrunden. Die geriebene Schale, was in drei zusammengenommene Finger geht. Wer es in Löffeln will: 1 gestrichenen Teelöffel voll.
Und schon ist es wieder klar: Kochen ist Erfahrung! Der Kreis schließt sich zu Bernhards Werkstatt statt Küche. Er kann wie in der Kindheit gelernt, wunderbar mit Holz umgehen. Aus seiner Kindheit bringt er wenig Übung mit Küchengeräten und Rezepten mit. Wann geben wir unseren Kindern welche Erfahrungen mit? Und wie sieht denn der deutsche Alltag heutzutage aus? Ich beschränke dies deshalb, weil in Italien die Koch- und Essenskultur noch viel mehr im Alltagsgeschehen verankert ist. In Frankreich ist es nicht nur der Alltag, es ist die Kultur an und für sich. Ein kultivierter Mensch isst regelmäßig und ernährt sich wertvoll. Hier sind wir wieder bei den gesellschaftlichen Bedingungen angekommen.
Wer Essen als pragmatische Aneinanderreihung von Organisationsschritten betrachtet, wie es den Deutschen nachgesagt wird, hat wenig Feuer und Begeisterung in der Geschichte. Mehr und mehr arbeiten beide Eltern, die Positionen der Haushaltsversorgung sind verwaist und noch mehr als selbstverständlich nebenher zu erledigen. Obwohl wir wissen, wie aufwändig diese Arbeiten sind.
Unter diesen Voraussetzungen essen Familien eher abends zusammen. Die Erfindung der Kochboxen ist an und für sich ein guter Ansatz. Die Gewürze von der genau richtigen Portion, das Gemüse frisch und ebenso alles in der richtigen Menge. Keine unliebsamen Reste. Man kann kochen, ohne nachzudenken und weiß, es wird gelingen. Es gibt sogar „Single-Boxen“, so dass auch alleinlebende Menschen darauf zurückgreifen könnten.
Was weiterhin fehlt, ist die Annäherung an sich selbst über das Kochen, der Esprit, die Freude, wenn etwas gelingt und die gesellschaftliche Relevanz. Deshalb plädiere ich für neue Formen des gemeinsamen sich Versorgens. Solange ich dazu noch keine konkrete Idee habe, bleibt dies so stehen. Vielleicht hat die ein oder andere Person hier hilfreiche Einfälle. Bis wir es besser können, bleibt Bernhards letzter Absatz als Schlusswort stehen:
Und es macht mich traurig, weil ich meine Unfähigkeit spüre, mich gut versorgen zu können. Da ist noch eine kleine Ablehnung dem Leben gegenüber. Eine Ablehnung, noch tiefer in diesen Körper hinein zu inkarnieren, noch stärker zu materialisieren. Danke, dass mir das durch deine beiden Artikel, liebe Charlotte, noch bewusster geworden ist.




