Verstehen statt Bekämpfen – Wie Veränderung wirklich entsteht

Lesezeit 3 Minuten –

Systemische Arbeit mit Schemata. In meiner systemischen Arbeit zeigt sich immer wieder: Menschen verändern sich nicht dauerhaft, indem sie gegen sich selbst kämpfen oder nur mehr Willenskraft einsetzen. Echte Veränderung entsteht oft dann, wenn Menschen verstehen, warum sie so denken, fühlen und handeln. Dazu gehört auch, die eigene Lebensgeschichte anzunehmen und sich selbst mit mehr Verständnis zu begegnen. Unsere Vergangenheit wirkt oft stärker auf unser heutiges Leben ein, als uns bewusst ist. Erfahrungen aus der Kindheit, Regeln in der Familie und wichtige Beziehungen prägen unser Verhalten bis ins Erwachsenenalter. Viele Reaktionen, Gefühle und Entscheidungen haben ihren Ursprung in früheren Erfahrungen. Besonders in Beziehungen werden alte Muster sichtbar. Konflikte, die heute entstehen, haben oft Ähnlichkeiten mit Erfahrungen aus der Kindheit. Schemata sind tief verankerte innere Muster. Sie entstehen meist früh im Leben und helfen Kindern dabei, sich sicher zu fühlen, dazuzugehören oder mit schwierigen Situationen umzugehen. Diese Anpassungen sind keine Fehler und keine Schwäche. Sie waren damals oft wichtige Schutzstrategien.

Wenn alte Schemata in aktuellen Beziehungen aktiv werden

Im Erwachsenenalter können dieselben Muster jedoch Schwierigkeiten verursachen. Das liegt daran, dass sich die Lebenssituation verändert hat. Trotzdem reagiert unser Nervensystem manchmal so, als wäre die alte Situation noch immer vorhanden. Auch unsere Familie beeinflusst uns oft über viele Jahre hinweg. Erfahrungen, Erwartungen und Rollen werden häufig von einer Generation an die nächste weitergegeben. Viele Menschen übernehmen unbewusst Aufgaben, wie für Harmonie zu sorgen, Konflikte zu vermeiden, Verantwortung für andere zu tragen oder besonders leistungsfähig zu sein. Hinter diesen Verhaltensweisen steht meist der Wunsch nach Zugehörigkeit und Verbundenheit. Selbst wenn solche Muster heute belastend sind, hatten sie früher oft einen wichtigen Sinn.

Eine neue Position im eigenen Leben finden

Wenn Menschen erkennen, warum ein bestimmtes Verhalten früher hilfreich war, entsteht häufig mehr Verständnis für sich selbst. Dadurch wird Veränderung leichter möglich. In diesem Zusammenhang wird oft vom „inneren Kind“ gesprochen. Damit sind die Erinnerungen und Gefühle gemeint, die aus früheren Lebensphasen stammen. Diese Anteile tragen oft den Wunsch nach Schutz, Anerkennung und Sicherheit in sich. Wenn diese Bedürfnisse in der Kindheit nicht ausreichend erfüllt wurden, entwickeln Menschen Wege, um trotzdem Nähe und Zugehörigkeit zu erleben. Manche passen sich stark an, andere versuchen besonders viel zu leisten oder kümmern sich ständig um andere. Diese Strategien können im Erwachsenenalter zu innerem Druck führen. Deshalb geht es nicht nur darum, solche Anteile zu beseitigen. Viel wichtiger ist es, sie zu verstehen und anzuerkennen. Sie haben oft dazu beigetragen, schwierige Situationen zu bewältigen. Ein weiterer wichtiger Schritt besteht darin, eine neue Position im eigenen Leben zu finden. Das bedeutet nicht, sich von der Familie abzuwenden oder die eigene Herkunft abzulehnen. Vielmehr geht es darum, die eigene Geschichte anzuerkennen und gleichzeitig einen eigenen Weg zu gehen. Menschen können lernen, die Erfahrungen ihrer Familie zu würdigen und dennoch eigene Entscheidungen zu treffen. So entsteht eine erwachsene Haltung zur eigenen Lebensgeschichte.

Veränderung beginnt mit Würdigung, nicht mit Kampf

Veränderung beginnt dabei nicht durch Kampf, sondern durch Verständnis. Wenn Menschen ihre Muster nur als Problem sehen, entsteht oft Widerstand. Wenn sie erkennen, dass diese Muster früher Schutz geboten haben, können sie einen neuen Umgang damit finden. Das führt häufig zu mehr innerer Ruhe, klareren Beziehungen und größerem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Entwicklung ist immer auch ein Beziehungsprozess. Sie geschieht in der Beziehung zu anderen Menschen, zur eigenen Familie und zu sich selbst. Veränderung bedeutet deshalb nicht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen. Es bedeutet, einen neuen und bewussteren Umgang mit ihr zu finden.

Ein Gedanke zum Abschluss

Vielleicht beginnt echte Veränderung genau dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Viele unserer Muster wollten uns nicht einschränken. Sie wollten uns schützen. Wenn wir das verstehen, kann ein neuer Weg entstehen – ein Weg zu mehr innerer Freiheit und Selbstbestimmung.

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Petra Droll
Petra Droll

Als systemische Familiendialog-Begleiterin (nach Maxima Elke C. Post) unterstütze ich Menschen, die die Familie als Kraft, Stärke und Halt nachhaltig wieder aufbauen wollen. Meine Aufgabe ist, das Generationenpaar einfühlsam, ehrlich und liebevoll ins Gespräch zu bringen, alte Traumata und gemeinsame Ressourcen zur Sprache zu bringen. Die Eltern müssen sich nicht rechtfertigen und die erwachsenen Kinder bekommen Raum für ihre Verletzungen und werden von den Eltern gesehen und gehört. Das macht eine tiefe, nachhaltige Verbindung. https://www.praxis-droll.de

8 Kommentare

  1. Dankeschön,liebe Petra🥰….Deine Expertise tut mir gerade besonders wohl, denn im Begleiten und Verabschieden meiner noch lebenden, hochhalten Familienangehörigen komme ich auch zu jenen Schlussfolgerungen, die Du so klar hier beschreibst…..ja,genau so erlebe ich es gerade – „Veränderung beginnt mit Würdigung….“, während ich tonnenweise alte Familienfotos in eine zeitliche Ordnung bringe und mir teilweise lange Lebenswege vor Augen führe, Sachen aussortiere, mich innerliche neu ordne…..und so für mich „eine neue Position im eigenen Leben finde“…..Danke für Deine feinen und so wertvollen Ausführungen!!!! Auch diesmal wieder so kostbar und hilfreich!!! 🌟 ✨️ 💞

    Von Herzen,
    Dagmar

  2. Liebe Petra!
    Ja, auch mein Weg ging über das verstehen. Ich lernte zu verstehen, zu würdigen und dann, das ist etwas, was in meinen Augen unbedingt dazugehört, zu vergeben. Nicht nur denen, die mir Leid angetan haben (denn oft sind es schwere Traumatisierungen, die ein Leben lang wirken), sondern auch mir: Da ist mir persönlich der Begriff der Würdigung zu schwach, denn ich habe, nachdem ich verstanden hatte, sehr mit mir gehadert, weil ich diese Muster auch Jahrzehnte später noch „auslebte“. Erst danach ist Frieden eingekehrt.
    Mein Weg hat letztendlich dazu geführt, dass ich nun weitergeben kann, was ich habe lernen dürfen.
    Aktuell befülle ich meine Schatztruhe und bereite mich auf meine „Impuls-Reise“ vor, von der ich euch beizeiten berichten möchte.
    Von Herzen die besten Wünsche euch allen
    Imke

  3. Nachtrag:
    Den ersten Schritt zu gehen, also sich den Mustern zu stellen, erfordert den größten Mut – zumindest bei mir war das so, denn die Angst, etwas zu entdecken, aufzudecken, mit dem ich vielleicht nicht fertig werde, war riesig.
    Deshalb ist es hilfreich, sich jemandem anzuvertrauen, der sich in systemischer Arbeit auskennt!

    Euch allen sende ich Herzensgrüße
    Imke

  4. Das heute „Glaubenssystem“ genannte Phänomen, dass wir nicht nur die Reaktion sondern bereits die Wahrnehmung aktueller Situationen automatisch und meist unbewusst mit Reflexen aus früheren Erfahrungen beantworten – und damit das Vergangene in Endlosschleifen wiederholen – wird in schamanischen Kulturen mit Energiefäden beschrieben, die uns an die früheren Ereignisse, bzw. genauer: an die Personen aus der Vergangenheit, mit denen wir diese Erfahrung gemacht haben – binden. Im „Prozess“ arbeite ich mit diesen Verbindungen und ihrer Lösung. Das Erkennen des Selbstschutz-Mechanismus halte ich nur für bedingt hilfreich. Wichtiger für eine von der Vergangenheit befreite Wahrnehmung ist m.E. die Spiegelung des „Täters“. Nicht Trennung sondern Verbindung heilt. Selbstverurteilung und Verurteilung (des Täters) hängen eng zusammen.

    • Vielleicht habe ich nicht deutlich genug ausgedrückt, was für mich zur Vergebung gehört.
      Wenn ich mein Verhalten verstehe, bekomme ich ebenfalls einen verstehenden Blick auf das Verhalten des „Täters“.
      Hätte ich mich an der Stelle meiner Eltern, mit ihrer Geschichte als prägende Zeit, anders verhalten?
      „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ sagt Jesus.
      Ich jedenfalls habe alle Steine aus der Hand gelegt!

      Friedvolle Grüße
      Imke

    • Liebe Evelin, vielen Dank für diese differenzierte Perspektive. Besonders spannend finde ich den Gedanken, dass unsere Wahrnehmung oft bereits von vergangenen Erfahrungen geprägt wird, bevor wir überhaupt bewusst reagieren. Auch dein Hinweis auf die Bedeutung von Verbindung statt bloßer Abgrenzung regt zum Nachdenken an.

      Für mich liegt ein wichtiger Aspekt darin, Selbstschutzmechanismen zunächst wahrzunehmen und zu verstehen, ohne sie zu bewerten. Gleichzeitig kann die von dir beschriebene Auseinandersetzung mit den Beziehungen und Dynamiken hinter alten Erfahrungen dabei helfen, neue Sichtweisen zu entwickeln. Und aus den Familiendialogen habe ich auch erfahren, dass Verbindung heilt. Danke für diesen wertvollen Impuls und die Erweiterung des Blickwinkels.
      Herzliche Grüße Petra

  5. Natürlich, liebe Petra, liegt das Erkennen vor dem Wandeln. Ich wüsste nicht, wo ich „Bewertung“ nahegelegt habe ? Vielmehr habe ich in 20 Jahren Transformationsarbeit gelernt, dass der Selbstschutz die äußerste Schicht des Panzers ist, der Seele belastet, gleich nach der Schuldprojektion. Den Moment der Erlösung durfte ich viele hundert Male miterleben, wenn die Notwendigkeit der Abgrenzung zerfließen konnte in Mitgefühl und der Erfahrung „ich bin wie Du“. … das ist allerdings ein sehr weit fortgeschrittenes Stadium der Öffnung und Offenbarung, das viel Zeit, Behutsamkeit und Wachheit braucht.

  6. …..Danke Euch, liebe Petra, Imke, Evelin, für Euer reges, weises und reiches Austauschen, was mich sehr berührt und bewegt….und mich ermutigt, jene Aufarbeitung in meinen Familiensystemen weiterzuführen 🥰 ….

    Von Herzen zu Euch,
    Dagmar 💞

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