Die Verwandlung – Vom Salbei zum Lavendel

Lesezeit 5 Minuten –

Der Regen tränkt das sommertrockene Land, die Nebel stehen in den Wäldern und kühle Luft lässt mich den Holzvorrat am Haus prüfen. Es wird Herbst und der Sonnenhut im Saatgutgarten steht dürr mit seiner Samenfülle, die Ende und Neubeginn verspricht.

Der Herbst hat so eine ganz besondere Qualität, die uns an das Werden und Vergehen erinnert. Wie leicht ist es, im Frühjahr mit dem Werden des frischen Grüns, mit den Hochzeitsliedern der Vögel und mit den ersten Blüten zu feiern. Den Herbst zu meistern, ihn willkommen zu heißen und mit ihm Loszulassen vom Saft des Frühlings, von der Kraft des Sommers, ist eine Übung für Fortgeschrittene.

Bevor alles in der Dunkelheit des Winters versinkt und kahle Bäume sich in das Dämmerlicht des Eishimmels strecken, geschieht eine Verwandlung, die wir in der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) als das Metallelement beschreiben. Dieses Metallelement, mit dem im Körper die Vorgänge von Dickdarm und Lunge verknüpft sind, mit der „Auswertung“ also, hat zwei sehr unterschiedliche Gesichter: Vor allem ist seine Wirkung, die Dinge zu verdichten, in eine klare Form zu bringen und die Bewegung zum Stillstand zu bringen, die im Erdelement (Spätsommer) noch so geschäftig gesammelt und angereichert hat.

Der Salbei, als der erste Vertreter des Metallelements in meinem Garten, vollführt diesen Sammlungs- und Konzentrationsvorgang meisterhaft mit seinen festen, silbrigen Blättern, seinem kompakten Körper und seinem beruhigend-fokussierten Duft. Harzig ist sein Geschmack, die Atmungsorgane weitend, klärend und trocknend. Er erinnert uns an Struktur und Zentrum, er lässt uns Grenzen ziehen und den Innenraum festigen. Ein wunderbarer Begleiter, wenn es um Unterscheidung, um Eigenraum und Festigung geht

So wie die rispigen, lichtblauen Blüten vertrocknen in der Herbstsonne und nur die From, die reine Struktur bleibt, so läutet der Salbei den Beginn der Aussonderung, der Trennung von Innen und Außen, der Auswahl zwischen „das bleibt und das geht“ ein.
Doch das Metallelement geht über die reine Struktur hinaus, erfasst mit einem gut geankerten Zentrum auch den Raum, den ganzen Raum. Aus der Verkapselung, Entschlackung und achtsamen Differenzierung, die der Salbei vorgezeichnet hat, entsteht eine ruhige, klare Verfasstheit von Ich und Du. Diese aufrechte und souveräne Haltung macht uns der Sonnenhut vor mit seinen prächtigen Blüten, seinen scharfkantigen, festen Stängeln und einem kirschig-pikanten Aroma, das sowohl Strenge als auch Weite enthält: „Ich bin jetzt hier“ ist seine Nachricht, eine felsenfeste Ansage zum eigenen Standpunkt ohne Ausgrenzung, vielmehr ganz wach und offen für das Feld, in dem er sich klar verankert zeigt. 
Der Raum – nicht nur im dreidimensionalen Sinne, sondern auch die Zeit einbeziehend – ist ein weiteres, wichtiges Merkmal des Metallelements: So wie die Kristalle die Information durch die Zeit hindurch speichern und widerspiegeln, so hält auch der Sonnenhut einen blitzblanken Spiegel, ein Abbild des „Ich im Wir“ empor, der zu Klarheit und zugleich Durchlässigkeit ermutigt.

In der Elementenlehre der Traditionellen Chinesischen Medizin ist das wichtigste Prinzip die unablässige Verwandlung von einem in den nächsten Zustand und ein Gleichgewicht, ein fließendes Gleichgewicht, zwischen allen Aspekten. Die Verwandlung oszilliert zwischen den beiden Schöpfungskräften „Yin“ und „Yang“ – zwischen Geist und Materie, Auflösung und Festigung, Dynamik und Ruhe.
Mit dem Herbst kehrt Ruhe ein in das geschäftige Treiben des ausklingenden Sommers. Die Yang-Kräfte sammeln sich, ein Höchstmaß an Struktur und Essenz werden erreicht. Im Metallelement kulminiert die Yang-Energie zu ihrem Maximum – und dann bricht sie, wie alles Extreme in der Natur, in einen Zustand, in dem das Yin wieder ansteigt. Dieser Kulminationspunkt kurz vor dem Übergang ins Wasserelement wird vom Lavendel so wunderbar repräsentiert: Noch sind die spitzen, silbrig-grünen Blättchen ganz ausdifferenziert, noch sind die trockenen, langen Stängel fest und starr – doch die geordnete Form bricht auf, der verholzte Körper der Pflanze tanzt hinaus aus der Geradlinigkeit und verleiht der Pflanze ihren Struwwelpeter-Charakter. Der vielschichtige Duft, der nicht einzuordnen ist in eine einzelne Richtung, eine wilde Sinfonie aus bitter und süß, scharf und blumig, bringt das Gefestigte, ja vielleicht auch erstarrte wieder in Bewegung, löst das Zentrum auf, dringt hinaus in den Raum, ohne klare Richtung. Nicht ohne Grund wird der Lavendel auch den Gebärdenden aufs Kopfkissen gelegt, denn das Halten will – behutsam doch entschlossen – aufgehoben werden, das Kind will in die Welt, will ertasten und atmen und den Raum erfüllen.

Und so markiert der Lavendel den Übergang vom Metall- zum Wasserelement.

Das Wasserelement kennt keine Form und keine Richtung. Der einzige Impuls besteht darin, zu Fließen, die Fähigkeit der Anpassung ist in höchster Harmonie mit der Fähigkeit des weichen, des langsamen und durchdringenden Widerstandes gegen alles, das eingrenzt und die Bewegung bremst.

Und dahin sehnt es mich so sehr. Darin liegt der Sinn des weltberühmten Ausspruchs „Sei wie Wasser, mein Freund“. Es ist eine sanfte, weiche doch unaufhaltsame Kraft, die jede Form annehmen kann, die unendlich teilbar und doch immer kohärent ist. Diese Kraft, die in der TCM mit dem Winter und mit den Fortpflanzungsorganen verbunden ist, kann nur bestehen, wenn die Frucht gebildet wurde, wenn die Essenz herausgefiltert und im Raum verankert ist. Dann gelingt das Fließen, dann gelingt die kindliche Unschuld des Nichtwissens und der Erkundung neuer Räume.

Ich möchte Dich einladen, diesen Dreiklang der Verwandlung – vom Salbei über den Sonnenhut bis zum Lavendel – einmal nachzuvollziehen. Mit den drei Essenzen dieser Heilkräuter lässt sich herrlich experimentieren, spüren und genießen, was uns die Herbstzeit, was uns das Weltgeschehen und vor allem unsere Seele jetzt nahelegen. Die TCM-Box zum Metallelement habe ich genau für dieses Experiment zusammengestellt.

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Evelin Rosenfeld
Evelin Rosenfeld

Nach einem Biochemiestudium und einem Wirtschaftsstudium arbeitete Evelin bis zu ihrem 33. Lebensjahr in der Wirtschaft. Was sie dort als M&A-Spezialistin in Ministerien und Vorständen sah, erschütterte ihre Ideale und ihre Idee von Gestaltung in den gegebenen Gesellschaftsstrukturen so sehr, dass sie „hinwarf“ und sich für Monate in den tropischen Dschungel zurückzog. Dort durchlief sie einen tiefen Transformationsprozess, den sie 2004 in einem Buch niederschrieb. Der Prozess diente ihr 15 Jahre lang als Leitfaden für ihre Arbeit als Beraterin und Coach. Parallel nahm sie vertiefte Studien zu den traditionellen Weisheitslehren auf und praktiziert diese bis heute. Sie lebt in Oberfranken auf einem Berg namens „Aditi“, hütet dort ausgedehnte Heilkräutergärten in Permakultur, deren kostbare Essenzen ihrer Firma Wild Natural Spirit zukommen. 2026 erschien ihr fünftes Buch: „Das Buch Aditi“. In begrenztem Rahmen steht sie weiterhin Menschen zur Verfügung, die nach seelenreichen Wegen und tieferer Einsicht suchen. www.evelinrosenfeld.de

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