Die Verwandlung – Vom Salbei zum Lavendel

Der Regen tränkt das sommertrockene Land, die Nebel stehen in den Wäldern und kühle Luft lässt mich den Holzvorrat am Haus prüfen. Es wird Herbst und der Sonnenhut im Saatgutgarten steht dürr mit seiner Samenfülle, die Ende und Neubeginn verspricht.
Der Herbst hat so eine ganz besondere Qualität, die uns an das Werden und Vergehen erinnert. Wie leicht ist es, im Frühjahr mit dem Werden des frischen Grüns, mit den Hochzeitsliedern der Vögel und mit den ersten Blüten zu feiern. Den Herbst zu meistern, ihn willkommen zu heißen und mit ihm Loszulassen vom Saft des Frühlings, von der Kraft des Sommers, ist eine Übung für Fortgeschrittene.
Bevor alles in der Dunkelheit des Winters versinkt und kahle Bäume sich in das Dämmerlicht des Eishimmels strecken, geschieht eine Verwandlung, die wir in der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) als das Metallelement beschreiben. Dieses Metallelement, mit dem im Körper die Vorgänge von Dickdarm und Lunge verknüpft sind, mit der „Auswertung“ also, hat zwei sehr unterschiedliche Gesichter: Vor allem ist seine Wirkung, die Dinge zu verdichten, in eine klare Form zu bringen und die Bewegung zum Stillstand zu bringen, die im Erdelement (Spätsommer) noch so geschäftig gesammelt und angereichert hat.
Der Salbei, als der erste Vertreter des Metallelements in meinem Garten, vollführt diesen Sammlungs- und Konzentrationsvorgang meisterhaft mit seinen festen, silbrigen Blättern, seinem kompakten Körper und seinem beruhigend-fokussierten Duft. Harzig ist sein Geschmack, die Atmungsorgane weitend, klärend und trocknend. Er erinnert uns an Struktur und Zentrum, er lässt uns Grenzen ziehen und den Innenraum festigen. Ein wunderbarer Begleiter, wenn es um Unterscheidung, um Eigenraum und Festigung geht
So wie die rispigen, lichtblauen Blüten vertrocknen in der Herbstsonne und nur die From, die reine Struktur bleibt, so läutet der Salbei den Beginn der Aussonderung, der Trennung von Innen und Außen, der Auswahl zwischen „das bleibt und das geht“ ein.
Doch das Metallelement geht über die reine Struktur hinaus, erfasst mit einem gut geankerten Zentrum auch den Raum, den ganzen Raum. Aus der Verkapselung, Entschlackung und achtsamen Differenzierung, die der Salbei vorgezeichnet hat, entsteht eine ruhige, klare Verfasstheit von Ich und Du. Diese aufrechte und souveräne Haltung macht uns der Sonnenhut vor mit seinen prächtigen Blüten, seinen scharfkantigen, festen Stängeln und einem kirschig-pikanten Aroma, das sowohl Strenge als auch Weite enthält: „Ich bin jetzt hier“ ist seine Nachricht, eine felsenfeste Ansage zum eigenen Standpunkt ohne Ausgrenzung, vielmehr ganz wach und offen für das Feld, in dem er sich klar verankert zeigt.
Der Raum – nicht nur im dreidimensionalen Sinne, sondern auch die Zeit einbeziehend – ist ein weiteres, wichtiges Merkmal des Metallelements: So wie die Kristalle die Information durch die Zeit hindurch speichern und widerspiegeln, so hält auch der Sonnenhut einen blitzblanken Spiegel, ein Abbild des „Ich im Wir“ empor, der zu Klarheit und zugleich Durchlässigkeit ermutigt.
In der Elementenlehre der Traditionellen Chinesischen Medizin ist das wichtigste Prinzip die unablässige Verwandlung von einem in den nächsten Zustand und ein Gleichgewicht, ein fließendes Gleichgewicht, zwischen allen Aspekten. Die Verwandlung oszilliert zwischen den beiden Schöpfungskräften „Yin“ und „Yang“ – zwischen Geist und Materie, Auflösung und Festigung, Dynamik und Ruhe.
Mit dem Herbst kehrt Ruhe ein in das geschäftige Treiben des ausklingenden Sommers. Die Yang-Kräfte sammeln sich, ein Höchstmaß an Struktur und Essenz werden erreicht. Im Metallelement kulminiert die Yang-Energie zu ihrem Maximum – und dann bricht sie, wie alles Extreme in der Natur, in einen Zustand, in dem das Yin wieder ansteigt. Dieser Kulminationspunkt kurz vor dem Übergang ins Wasserelement wird vom Lavendel so wunderbar repräsentiert: Noch sind die spitzen, silbrig-grünen Blättchen ganz ausdifferenziert, noch sind die trockenen, langen Stängel fest und starr – doch die geordnete Form bricht auf, der verholzte Körper der Pflanze tanzt hinaus aus der Geradlinigkeit und verleiht der Pflanze ihren Struwwelpeter-Charakter. Der vielschichtige Duft, der nicht einzuordnen ist in eine einzelne Richtung, eine wilde Sinfonie aus bitter und süß, scharf und blumig, bringt das Gefestigte, ja vielleicht auch erstarrte wieder in Bewegung, löst das Zentrum auf, dringt hinaus in den Raum, ohne klare Richtung. Nicht ohne Grund wird der Lavendel auch den Gebärdenden aufs Kopfkissen gelegt, denn das Halten will – behutsam doch entschlossen – aufgehoben werden, das Kind will in die Welt, will ertasten und atmen und den Raum erfüllen.
Und so markiert der Lavendel den Übergang vom Metall- zum Wasserelement.
Das Wasserelement kennt keine Form und keine Richtung. Der einzige Impuls besteht darin, zu Fließen, die Fähigkeit der Anpassung ist in höchster Harmonie mit der Fähigkeit des weichen, des langsamen und durchdringenden Widerstandes gegen alles, das eingrenzt und die Bewegung bremst.
Und dahin sehnt es mich so sehr. Darin liegt der Sinn des weltberühmten Ausspruchs „Sei wie Wasser, mein Freund“. Es ist eine sanfte, weiche doch unaufhaltsame Kraft, die jede Form annehmen kann, die unendlich teilbar und doch immer kohärent ist. Diese Kraft, die in der TCM mit dem Winter und mit den Fortpflanzungsorganen verbunden ist, kann nur bestehen, wenn die Frucht gebildet wurde, wenn die Essenz herausgefiltert und im Raum verankert ist. Dann gelingt das Fließen, dann gelingt die kindliche Unschuld des Nichtwissens und der Erkundung neuer Räume.
Ich möchte Dich einladen, diesen Dreiklang der Verwandlung – vom Salbei über den Sonnenhut bis zum Lavendel – einmal nachzuvollziehen. Mit den drei Essenzen dieser Heilkräuter lässt sich herrlich experimentieren, spüren und genießen, was uns die Herbstzeit, was uns das Weltgeschehen und vor allem unsere Seele jetzt nahelegen. Die TCM-Box zum Metallelement habe ich genau für dieses Experiment zusammengestellt.





Danke, liebe Evelin, für Dein ausführliches Schildern und großzügiges Teilen!!! 💞 🥰 Und wieder durfte ich so Wesentliches dazulernen 🌟 🙏
Herzliche Grüße,
Dagmar
Danke für deine Rückmeldung, Dagmar. Es ist so still auf den Newslichtern. Mir kommt es so vor, als hätten die Leserinnen früher vielmehr kommentiert und geteilt. Das war immer sehr wertvoll für mich – nicht nur bei meinen eigenen Beiträgen. Und es ist irgendwie auch ein aktiv-Verbundensein, das über das bloße „Konsumieren von Text“ hinausgeht. Hey – Frauen und Männer in diesem wundervollen Kreis: Lasst uns in wechselseitiger Verbindung bleiben ! Sonst macht es keine Freude, Erfahrungen, Empfindungen und Wissen in diesen stillen Raum zu stellen !! …
Liebe Evelin
Gerade wollte ich zu Bett gehen, da habe ich deinen Kommentar unter deinem Beitrag gefunden und gelesen- und sofort war ich wieder wach und nahm den Laptop hervor, um dir eine Rückmeldung zu geben.
Auch ich habe unter deine letzten beiden Beiträge noch nichts geschrieben, obwohl ich das Teilen deines Wissens, deiner Wahrnehmung so schätze.
Ich spürte dieses Jahr den Ruf des Lavendels, das äusserte sich darin, dass ich ihn überall wahrnahm, und es freute mich, das er auch auf das frische Grab meines Vaters gepflanzt wurde, zusammen mit Sonnenhut. Und nun schreibst du hier über diese beiden Pflanzen.
Seit ich vor einer Woche aus den Ferien zurück gekommen bin, sehe ich viele Zitronenmelisse- Jungpflanzen bei uns im Garten- ich empfinde sie als sehr kraftvoll. Und der Salbei wächst äusserst üppig vor einer Steinmauer, beugt sich aber hervor, und ich weiss nun nicht, ob er die Gesellschaft des Rosmarins nichts so mag oder ob er mehr Luftzug braucht?
Liebe Michelle, danke erstmal für dein Aktivwerden – das hat bei mir den Effekt, dass mein Herz aufwacht und lächelt. Nun, über die drei Vertreter der maximalen Manifestation und Strukturbildung – Salbei, Sonnenhut und (an der Grenze) der Lavendel – habe ich hier ja schon reichlich geschrieben. Und wenn der Lavendel Dich ruft, dann ruft Dich – ebenso wie mich – wohl das Wasser, die Auflösung der Struktur, das freie, bli de, vertrauende Fließen…
Und der Rosmarin – ich habe eben beim Versorgen meiner Kräutergärten für den Winter beim Rosmarin neu gelernt, dass er so gar keine Einengung und NAchbarschaft mag. Auf von sich selbst nicht. Er repräsentiert mit großer Geste das Feuerelement, das den ganzen Raum greifebn will, das Bewegungsfreiheit und Sichtbarkeit braucht. Meine großen Stauden haben dort, wo sie ineinander und übereinander gewachsen sind einfach den HAhn abgedreht (sind abgestorben). So ist es eher so, dass der Rosmarin der Platzhirsch ist – der Salbei mag Nähe.
….Danke Euch🥰- in unserem Garten hielten heuer im April auch Sonnenhut und Lavendel Einzug, jetzt nach dem Regen zeigen sich üppig Schafgarbe und Borretsch in ihrer Blüte. Rosmarin und Salbei wollen wir auch zu uns einladen.
Auf meine Morgenrunde draußen begrüßen mich Meisen und Hausrotschwänze, deren Küken wir auch dieses Jahr flügge werden erleben dürfen.
Schönen Sonntag und lieben Gruß,
Dagmar
Liebe Dagmar
Ich spüre aus deinen Kommentaren jeweils so viel Begeisterung und Dankbarkeit- damit nährst du das Feld ganz bewusst und regst auch zum Miteinander an, danke dafür.
Wie schön, dass du auch auf Entdeckungsreise im Garten bist- so vieles ist einfach beobachten und warten, aber auch handeln im richtigen Moment. Eine wunderbare Lebensschule.
Jetzt nach Regen und der Abkühlung nach der grossen Hitze spüre ich, wie viele Pflanzen sich erholen und sich offensichtlich wohler fühlen.
Der Borretsch mit seinen Sternblüten ist eine Bienenweide und er vermehrt sich unaufhörlich- gerne pflücke ich die aromatischen Blüten direkt in den Mund. Und jedes Mal denke ich mir, wie gut er in einen Gurkensalat passen würde.
Nur die Schafgarbe wächst nicht weiter, die ich vor 2 Jahren gepflanzt habe. So beobachte ich sie einfach und vertraue darauf, dass sie zum richtigen Zeitpunkt erwacht, das gabs schon bei einigen Stauden.
Ja, der Garten lehrt uns so vieles 🙂 .
Danke, liebe Michelle, für Dein Antworten 🥰 ja, der Garten und die Natur können uns so umfassend lehren, die Zeit beim“Garteln“ liebe ich und meine Aufgabe als „Hüterin“ ist mir zu einer verbindlichen Ehre geworden – auch im Andenken an meinen Schwiegervater, der unseren Garten bis zu seinem Übergang achtsam gehegt und gepflegt hat.
Täglich darf ich über all die kleinen und großen Wunder dort staunen. 💞
Schön, von Deinen und Evelin’s Eindrücken und Erfahrungen diesbezüglich hier lesen und lernen zu dürfen. 🌟 Danke für den Austausch von Garten zu Garten 😊
Liebe Evelin
Dein Wissen ist so gross und ich freue mich jedes Mal, wenn ich etwas von dir lernen kann.
Ja es ist spannend, was diese 3 Pflanzen bewirken. Interessanterweise hatte ich bis jetzt kein Glück mit dem Sonnenhut, der geht mir immer ein, doch der Salbei wächst wirklich üppig.
In unserem Garten habe ich den Rosmarin nachgezogen und ausgesetzt mit Abstand zueinander. Drei sind nebeneinander und interessanterweise beugt sich der Mittlere vor, so als wollte er einen anderen Platz. Wenn du sagst, er gehört zum Feuer und braucht dementsprechend Raum, werde ich ihn versetzen.
Ich mache aus ihm einen Sud, um mein sehr feines Haar zu stärken.
Das TCM-System mit den 5 Wandlungsphasen auch auf das Leben an und für sich zu übertragen macht so Sinn. Alles wandelt sich, eines geht ins andere über.
Festgefahrensein und Starre sind dementsprechend lebensfeindlich, weil nicht fliessend.
Ja, der Lavendel ruft mich auch 🙂 !
2.Teil:
Die Pflanzenwelt ist meine liebste Lehrmeisterin. Sie ermöglicht mir, auf vieles intuitiv zu reagieren, statt erst lange darüber nachzudenken und mich damit im Kreis zu drehen. Es ist so viel Kommunikation da, und es braucht nur offene Sinne. Nichts beruhigt mich so sehr, wie mich im Garten aufzuhalten und zu erleben, wie sich vieles löst und mir neue Einsichten ermöglicht.
Was mich aber grad gerufen hat ist deine Frage in den Newslichter-Raum, weshalb weniger mitgeteilt wird in den Kommentarfeldern. Ich erzähle hier mal von meiner persönlichen Wahrnehmung: Ich nehme dies auch wahr, und ich schreibe es der Auswahl der Beiträge zu. Meinem Empfinden nach wird die Vereinzelung immer stärker, viele Beiträge drehen sich nur noch um das eigene Empfinden, und um den Frieden (was auch bedeuten kann, dass man die Auseinander-Setzung fürchtet.) Alle sind immerzu lieb und nett miteinander- und vielleicht ist das bewusst so gewollt. Aber dann entstehen keine Diskussionen mehr.
Liebe Michelle, Danke für Deine Wahrnehmungen, die sich aber durch Zahlen nicht belegen lässt. In den letzten 9 Monaten gab es 1780 Kommentare und in den 9 Monaten davor 1740 also alles soweit gleich. Außer den Beiträgen, die ich selbst schreibe, mische ich mich in die Auswahl der Themen selten bis nie ein und vertraue auf die jetzt schon fast 17jährige newslichter Welle. Und vielleicht ist es gut, im Moment eher nach innen zu schauen und im Garten zu sein, bis sich wieder mehr Worte wieder finden 🙂 Ich freu mich drauf! Alles Liebe
Bettina hat die Zahlen – dennoch erscheint auch mir der interne Diskurs, das Tauschen, das Fragen, das Teilen und Ergänzen abgenommen zu haben. Aber bevor wir noch mehr Zahlen produzieren – wenngleich es sich hier nicht nur um eine quantitative sondern auch qualitative Größe und zudem ein Empfinden handelt: Schön, dass jetzt und hier Resonanz entsteht.
Liebe Bettina
Danke für deine Rückmeldung. Es geht mir nicht um die Anzahl Beiträge, sondern um den Inhalt. Und da fühlt es sich für mich an, als sei es stiller geworden. Und natürlich kann ich das meine dazu beitragen.
Was ich gut an deinen Worten erkennen kann, ist ein unterschiedliches Bedürfnis, ein unterschiedlicher Standort. Und wie schön ist es, dies aussprechen zu können.
Auf den TCM-Formenkreis bezogen sind wir wohl in einer unterschiedlichen Wandlungsphase. Und das Schöne daran ist, dass alles immerzu im Wandel ist. Eins geht ins andere über, alles fliesst und wandelt sich.
Ich danke dir, dass du es so klar benannt hast.
Und mir war bis jetzt auch nicht klar, wie das mit dem Finden der Newslichter geht. Ich dachte, du bestimmst die Auswahl von selbst gefundenen und zugesandten Texten. Irgendwie wäre es spannend, da etwas mehr Einblick zu bekommen, wie das ganze hinter den Kulissen funktioniert. Oder gibt es womöglich schon einen Text dazu?
3.Teil:
Dann wird das Ganze mehr zum Poesiealbum. Aber ob das zur Zeitqualität passt?
Wir sind im Jahr des Feuerpferdes, und alle, die dieses Jahr 60 wurden/werden, so wie auch ich, haben diese Energie zur Geburt mitbekommen, und sie wiederholt sich nun. Und sie will gelebt werden!
Sie sucht nach Wahrheit und Klarheit, und das geht nicht immer ohne Konfrontation.
Dahinter ist aber ein tiefes Bedürfnis nach echter Kommunikation, in der alles ausgesprochen werden kann und nichts mehr- dem Frieden zuliebe- verdrängt wird.
Als die Newslichter next level gestartet wurden, gab es ein Horoskop dazu. Ich erinnere mich (hoffentlich richtig), dass da ein Sonne-Neptun Quadrat war. Das ist in etwas auch das, was ich wahrnehme.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich liebe die Newslichter und sie liegen mir am Herzen.
Und ich würde mich freuen, wenn sich eine lebendige Kultur des Austausches zeigen würde.
Ich glaube, dass sehr viel Potenzial in der Leserschaft steckt 🙂 .
…ja, jenes von Dir erwähnte Miteinander macht mir den „newslichter“-Raum auch so wertvoll und beschenkt mich sehr oft mit ungeahnten Blickwinkel und Horizonterweiterungen.
Liebe Grüße in die Runde,
Dagmar
Liebe Dagmar, ja, dein kontinuierliches Signal fällt auf. Wie schön, dass Du mit deiner fast täglichen Präsenz die Achtsamkeit und Wertschätzung hochhältst. Danke.
Danke für Dein Wahrnehmen und Antworten 💞 🥰