Wortgärtnerei

Lesezeit 2 Minuten –

Vor ein paar Tagen hatte ich das Vergnügen, das Gruppenprojekt des ersten Schauspielsemesters an der HKB Bern zu erleben. Die jungen Menschen, zu denen auch meine Tochter Jorinde gehörte, haben sich durch Texte von Ernst Jandl inspirieren lassen und bei knapp 40 Grad Raumtemperatur ein Feuerwerk unverhersehbarer Spielfreude auf die Bretter der Studiobühne gebracht. Was mich an Jandls Sprache so begeistert, ist, dass er mit Wortschöpfungen gearbeitet hat, die durch kleine Auslassungen oder Einschübe altbekannten Wörtern einen neuen Geist einhauchen.

Beim Hören verstehe ich sofort, was gemeint ist, aber nicht mit dem Kopf, ich fühle es im Herzen und kann nur nicken: „jaaa, genau so ist es!“….als hätte es das dafür erfundene Wort schon immer gegeben. Unsere Sprache ist keine Festung, die aus aufeinandergesetzten Steinen erbaut worden ist, vielmehr ist sie ein Garten, in dem immer wieder neue Samen aufgehen. Manche werden ausgesät, andere vom Wind der Veränderung hereingetragen.

Die Gärtnerin entscheidet, welche Pflänzchen sie hegen möchte und welche sie auf den Kompost tut, wo sie sich in nahrhaften Humus verwandeln.

In meiner Wortgärtnerei gibt es ein Wildwörterbeet. Dort wachsen Verben, die mir überraschend zugeflogen sind.

Ich ahne, dass wir unsere Welt nicht mit Substantiven verändern werden. Mit ihnen definieren wir die Dinge des Lebens, um das Fluidum der Welt für uns zu ordnen. Substantive geben uns Struktur und sind ihrem Wesen nach statisch.

Verben dagegen bringen Bewegung in unser Leben.

Wenn ich mein Wildwörterbeet betrachte, beginne ich zu träumen: Wie fühlt sich mein Alltag an, wenn ich mich als Morgenroutine gleich nach dem Aufstehen entzweifele und beherze? Ganz bestimmt befreudigen mich all die kleinen Tätigkeiten dann viel mehr und ich zufriedele gelassener durch den Tag. In den Nachrichten erfahre ich, dass ein grauer Stadtteil entödet wurde, weil man ihn mit Wildpflanzen verblumen ließ. Weitlieben und Weltherzen sind Olympiadisziplinen, bei denen nur alle gewinnen können. Und Politiker werden diejenigen, die reinen Herzens gemeinsinnen, friedfertigen, sanftmuten und achtsamen.

In meinem Traum saumselen wir ohne schlechtes Gewissen und laden dabei unsere inneren Batterien wieder auf. Wir vergestern das Trennende und beheuten das, was uns verbindet. Wir entmauern unsere Herzen und werden nicht müde, uns gegenseitig zu liebenswürdigen und zu tröstlichtern. Was für eine schöne Vision!

Lasst uns unsere Welt nach Herzenslust beträumen und mit Wörtern beverben, die unsere Herzen zum Lächeln bringen. Weil sie uns fühlen lassen, wie wir wirklich gemeint sind.

Ich wünsche uns allen lustvolles Gärtnern und bin gespannt auf eure Wundersamen. Lasst uns unser Saatgut tauschen und vermehren. Mit viel kompostiertem Humor:))))

In Liebe und Dankbarkeit, Catrina

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Catrina Steffen
Catrina Steffen

Als Künstlerin liebe ich es, unter die Oberfläche der Dinge zu schauen und mit den unterschiedlichsten Materialien kreativ zu arbeiten. Ich mag es, scheinbar Gegensätzliches zu verbinden und ernste Themen mit Humor und Leichtigkeit, Freude und Zuversicht zu erhellen. Mit meinen handgefertigten Ritualschälchen aus Ton und meinen Grafiken möchte ich außerdem dazu beitragen, die besondere Qualität von Dank und Segen in unserem Alltag präsenter zu machen. https://www.dankundsegen.de

3 Kommentare

  1. Wunderbar, liebe Catrina! Tiefes, weites Fühlspüren. Lebendig sein, auch in unserer Sprache tanzen, kreieren, lachen. Dein Erzählen weckt so viele Zugänge in mir. Danke für all dies!! Herzgrüße aus lächelndem Morgen zu dir, deiner Tochter nach Bern, zu Ernst Jandl, dem Wunderbaren auch – Miriam

  2. Liebe Catrina!
    Wie wunderbar unser verblumenelndes Miteinandersein sein kann 🙂
    Danke für die Inspiration, mich mit Ernst Jandle zu beflügeln …

    Herzensgrüße
    Imke

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