Herbstgold

Wie fast jedes Jahr im Herbst, so hat mir auch diesmal wieder ein fettes, fieses Schnupfenmonster aufgelauert und mich unter die Bettdecke verschleppt, wo ich mit kratzendem Hals, Kopfweh und verstopfter Nase fast zwei Tage verschlafen habe. Der Anblick im Badezimmerspiegel war dann nicht gerade stimmungsaufhellend: dunkle Augenringe und Falten, bestimmt waren noch ein paar neue dazugekommen, blasse Haut, müder Blick… ein allumfassendes Ojoeojeh machte sich in mir breit. Ich floh aus dem Bad in die Küche und setzte Teewasser auf.
Vielleicht würde der Gute-Laune-Tee meine Stimmung etwas anheben?
Ein Blick aus dem Fenster zeigte: draußen war schönstes Herbstwetter. Knalle blauer Himmel, die Sonne ließ ihr Feuer aus den farbenprächtigen Blättern lodern und brachte die Bäume zum Glühen.
Nichts wie raus, dachte ich, bloß weg von der vermufften Bettdecke und dem deprimierenden Spiegelbild!
Im Schneckentempo weilte ich durch den nahen Park, ließ mich mitnehmen vom filigranen Schattenspiel zwischen den Hecken und beruhigen vom gelassenen Geist der dicken, alten Platanen. In den Pfützen, Brunnen und Wasserbecken spiegelte sich der Himmel. In Bäumen und Büschen hatte sich der Herbst mit feurigen Pinselschwüngen und Farbtupfern ausgetobt und freigiebig Blattgold auf die Kieswege und Rasenstücke gestreut.
Ich fühlte mich zwar immer noch matt, aber das Ojeojeh in mir verwandelte sich zunehmend in Ohjaohjaaa und Ohgottwieschön!!! „Der Herbst ist meine Zeit!“ dachte ich, und etwas machte „klick“ in mir.
Als ich wieder zu Hause war, legte ich den Herbst von Vivaldi auf, holte das Kästchen mit den Schminkfarben meiner Circuszeit aus dem Regal, suchte die Dose mit dem schimmernden Gold und einen feinen Pinsel aus und zündete vor dem Spiegel im Bad eine Kerze an.
Und dann habe ich jede einzelne Falte in meinem Gesicht vergoldet. In aller Ruhe. Hingebungsvoll. Dabei ist mir bewusst geworden, dass all die feinen Linien Einträge in mein persönlichstes Lebensreisetagebuch sind, dass darin alles Erlebte und Erfahrene eingeschrieben ist, das Lachen, das Weinen, die Sorgen, der Kummer, die Freude, die Lust, das Komische und das Tragische, das ganze bunte Drehbuch meines bisherigen Lebens. Wie schön es sich anfühlte, diese Lebenszeichen zum Leuchten zu bringen, sie zu würdigen und zu feiern. „Auch eine Art Kintsugi“ dachte ich und musste lächeln.
Dabei geschah etwas in meinem Inneren. Eine tiefe Entspannung breitete sich in meinen Zellen aus. Es fühlte sich an wie ein wohliges Nachhausekommen, zu mir, der reifen Frau, aus deren Augen immer noch so gerne das Kind herausschaut.
Ein stiller Glücksmoment, der noch immer in mir nachschwingt.
Das nächste Mal werde ich meine Freundinnen einladen, damit wir uns gegenseitig vergolden und unsere Vielfältigkeit und Einzigartigkeit zelebrieren. Mit Kerzen, Sekt, Musik und allem, was das Herz begehrt.
Probiert es mal aus. Vielleicht stehen dann statt der endlosen Beautyregale bei dm bald gemütliche Sofas mit kleinen Tischchen und Spiegeln, Pinseln und Goldfarbe, mit Tee und Plätzchen und dem liebevoll handgeschriebenen Satz: „Hast du dich heute schon vergoldet?“




