Zeitqualität

Ein „In-Wort“, die Zeitqualität. Was meint dieses Wort? Und warum hat es den intellektuellen Wortschatz in den letzten Jahren so deutlich erobert? Wenn wir Jahreskreisfeste feiern und zu Samhain räuchern, klinken wir uns ein in das, was „Zeitqualität“ meint.
Durch mein Gärtenrinnen-Dasein ist mein ganzer Tagesablauf eng verwoben mit der „Zeitqualität“ – mir begegnen zu bestimmten Zeiten bestimmte Pflanzen, Tiere, Wettererscheinungen und Erdbeschaffenheiten. Und ich arbeite sogar mit diesen „Zeitqualitäten“, indem ich das Keimen oder Erblühen bestimmter Pflanzen aufnehme und als Signal für bestimmte Handlungen, für bestimmte Fokuspunkte meiner Aufmerksamkeit verstehe. Wenn der Schnittlauch in dicken Büscheln auf meinen Wiesen erscheint, dann weiß ich, dass die Erde auftaut und die Bewegungen neu beginnen nach der fast starren Winterzeit. Starr im Materiellen – denn im Winter sind die kosmischen Bewegungen stärker und vordringlich und wirken auf die Erde. Doch dieses Bild übertragen gibt mir das Signal, dass die Phase des Geistigen, der Innenschau und Reflektion endet, dass das Irdische, das Körperliche neu beginnt. Und kaum berührt die Morgensonne den Horizont, mag ich nicht mehr vor der Kerze sitzen und meditieren; mein Körper will hinaus, meine Hände wollen eingreifen, das Körperliche dem Körperlichen begegnen.
Muster in der Zeit
Zeitqualität findet sich in jeder Größenordnung, ganz gleich, ob wir einen Tageslauf, die Jahreszeiten, Dekaden oder Jahrhunderte betrachten.
Und je größer der Blick wird, desto deutlicher wird der zyklische, nein: der spiralförmige Charakter von aneinandergereihten Zeitqualitäten. Es gibt bestimmte Grundmuster, die die Welt im Materiellen wie im Immateriellen durchweben und die ewig erscheinen. Besonders griffig sind diese Grundmuster in der chinesischen Weltanschauung mit Yin und Yang und den innewohnenden „Fünf Wandlungsphasen“ beschrieben: Das Grundmuster von Kontraktion-Expansion, Erwärmung-Abkühlung, Durchlichtung-Verdunkelung, Anreicherung-Reduktion, Bewegung-Stagnation bilden das Gerüst, in dem sich erst die Dimension von Zeit mit ihren Phänomenen verankern kann. Es entstehen Zeitscheiben, Ausschnitte der Wirklichkeit mit einer einzigartigen und gestaltenden Qualität, die zuerst geistig, bald aber auch sinnlich erfahren werden können.
Eine Zeitqualität mit großer Fülle, sanfter Bewegung und moderater Wärme, nicht zu dichter Präsenz, gerade so, dass genügend Durchlässigkeit für ein wenig Neues da ist und zugleich genügend Haltekraft, um eine verlässliche Realität zu vernehmen. So mögen wir es gerne, so erscheint uns ein gutes Klima, ein guter Rhythmus, um in aller Ruhe und Gänze wahrzunehmen, teilzuhaben und auszutauschen.
Doch es gibt eben auch eine Zeitqualität, in der die Dichte zunimmt, die Bewegung verebbt und mit ihr die Wärme, eine Zeitqualität, in der die Energiefülle zu unerträglicher Last und Enge anschwellen kann und sich in sich selbst erschöpft, bis Stagnation und Leere das Feld bestimmen.
Oder eben ein Weiteres, eine Qualität so extremer Bewegung, das Form nicht haltbar ist, so gleißender Helligkeit und Hitze, dass kein Ruhen, kein Sinken möglich ist und die Energien nach außen drängen, sprengen, bis die Mitte ganz leer, verbrannt ist.
Diejenigen unter Euch, die sich ein wenig mit der TCM befasst haben oder gar auf einem meiner TCM-Seminare zu den Wandlungsphasen waren, erkennen in den kurzen Skizzen die Elemente Erde, Metall und Feuer. Und sie wissen auch – aus den Weisheitslehren ebenso wie aus beobachtender Erfahrung in meinen Permakultur-Gärten, was dann wohl als Nächstes kommt.
Und hier verbindet sich das Wahrnehmen einer Zeitqualität mit der Fähigkeit der Prophetie: Denn es gibt sie, die kosmischen Grundmuster, die sich niemals wiederholen und doch – solange wir uns im Zeitgerüst bewegen – einem wiederkehrenden Rhythmus folgen.
Die Naturbeobachtung ist der klarste Weg, diese Veränderungen und die jeweilige Zeitqualität deutlich zu erkennen. Zur Naturbeobachtung gehört natürlich auch die Beobachtung der Gestirne, die nicht nur mit ihrer physischen Masse Wirkung auf die Erde, auf unser Erleben und Wahrnehmen haben.
Wo sind wir jetzt
Auch wenn die Astrologen wieder mal übertrieben haben und am 20. Februar 2026 Saturn und Neptun nicht exakt auf 0 Grad Widder konjugiert waren, sondern auf 0 Grad 45 Minuten, so war zu erwarten, dass dieses astronomische Ereignis, das zuletzt vor 2619 Jahren (damals genau auf 0°) stattfand, starke Impulse freigesetzt hat. Diese Konjunktion von den beiden ältesten stellaren Wächtern an unserem Himmel, fand zuletzt 593 vor Christus statt.
Was war damals? Was herrschte für eine Zeitqualität im Jahre 593 v. Chr.?
Solon legte in Athen den Grundstein für die Demokratie, Jerusalem wurde unter der Herrschaft von Nebukadnezar vernichtet, Sappho kehrte aus dem Exil nach Lesbos zurück, Hesekiel wurde berufen, China zersplitterte in viele Teilstaaten. So war es das letzte Mal. Das ist zumindest, was wir in den Geschichtsbüchern finden. Würden wir tiefer forschen und die künstlerischen Werke dieser Zeit näher Untersuchen, könnten wir auch die Stimmung, die geistig-emotionale Situation erkennen, die über die Welt bestimmte.
All dies spiegelt eine außerordentliche Dynamik, eine Energiefülle und ein Expansionsdrang, der das Halten von Form erschwerte oder unmöglich machte.
Was ist heute? Diesmal kam hinzu, dass drei Tage vor dieser Konjunktion der zweite Neumond nach der Wintersonnenwende war und das chinesische Neujahr im Feuerpferd begann. Dies gab der Widder-Energie noch einmal mehr die Qualität von Impuls, brachialer Kraft, Ausdehnung und Neubeginn.
Zeichen des Neubeginns
Doch wer erkennt in all dem Chaos, der Gewalt, Zerstörung und Entzweiung den Neubeginn? Noch sind die Formen nicht gefallen, noch ist Energie vorhanden, das Gewohnte zusammenzuhalten.
Die Vielen fürchten sich vor der Verwandlung. Die Mächtigen glauben, den Lauf bestimmen zu können, die Abhängigen glauben, die Mächtigen nicht hindern zu können. Und ein paar Besondere unter den Abhängigen konzentrieren sich auf die Idee, sich vom kollektiven Geschehen entkoppeln und in höhere Ebenen aufsteigen zu können.
Ist das wahr?
Ist das die Zeitqualität, die Du unmittelbar – befreit von Projektionen – vernehmen kannst?
Für mich persönlich passt die Idee des gewaltsamen Niedergangs und der geistigen Selbstermächtigung nicht zu dem, was die Natur mir spiegelt.
Die Natur spiegelt mir ein ewiges und unmanipulierbares Werden und Vergehen aller Phänomene auf dieser Welt. Und die Natur spiegelt mir, dass alles mit allem verbunden ist, unauflösbar und atmend.
Im Blick ganz Weniger ist, dass die Zeit der Individualisierung längst endete und wir uns jetzt in einer Phase der Menschwerdung als eine einzige Menschheit befinden. Vergebens ist die Illusion, sich ausklinken zu können oder anders zu sein. Es ist eine Menschheit, die mit einem pulsierenden aber auch verwundbaren Herzen die Gnade des Lebens erfährt – und zugleich die Allmacht des Göttlichen.
Und so betrachte ich die einbrechende Kälte nach der Wärme, die den Bienenbestand auf die Probe stellt. Ich betrachte, wie binnen eines einzigen Tages aus einem kahlen Strauch das strahlende Gelb der Forsythien aufgestiegen ist. Der Wind hat an Fahrt aufgenommen und die Gefechte in Nahost haben alles in Brand gesetzt, während der Mond sich auf seine Hälfte reduziert hat. Die Energie ist eher „oben“ und weniger „unten“. Und so lockern sich die Zusammenhänge auf der Welt, während die Macht des Kosmos anwächst.
Ich wünsche Dir ein friedvolles Verbinden. In dem ewigen Weben der Unendlichkeit.






Liebe Evelin,
Deine Beobachtungen zeigen mir einen Weg auf, den ich überall in Gedanken und in der Natur beim Spazierengehen erfahren kann. Ich kann da handeln, wo ich bin und darf Hoffnung haben.
So wie Jumana vor ein paar Tagen geschrieben hat, bin ich davon überzeugt, dass die von Dir geschriebenen Zeilen in den Herzen der Menschen ankommen.
Mögen wir nicht in Sorge verfallen und uns stattdessen auf unser Menschsein in ausrichten.
Auch ich wünsche Dir ein friedvolles Verbinden in dem ewigen Weben der Unendlichkeit.
Herzlichst
Gisela
Danke Dir Gisela, ja, mögen die Herzen der Menschen angefüllt sein mit Hoffnung, mögen die hilfreichen Wesen der Natur gesehen und gehört werden, möge der Segen, der da ist, den Schmerz und die Angst durchlichten. Das wünsche ich uns so sehr – denn auch wir sind so wundervolle Wesen
Liebe Evelin,
danke für deine Zeilen. Danke für DAS, was du teilst. Es ist soviel mehr als Worte. Danke an die ERinnerung, das alles Leben einem Zyklus folgt.
Das LEBEN einfach LEBEN will und….
das VERTRAUEN, HINGABE und GEDULD wichtige Zutaten sind.
Auch für uns als Menschheitsfamilie.
WIR sind verbunden.
Durch alle Zeiten.
Durch alle Räume.
WIR sind eins.
Herzliche Grüße zu dir
Meike
Ein warmes, helles Feuer in meinem Sonnengeflecht beim Lesen deiner Zeilen, liebe Meike