Wenn wir nicht mehr funktionieren müssen

Lesezeit 4 Minuten –

Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Anja Scholz. Vor zweieinhalb Jahren ging es mir psychisch sehr schlecht. Ich war schon öfter in der Psychiatrie gewesen und habe damals gespürt, dass ich etwas anderes brauche. Ich habe nach einem ganzheitlichen Ort gesucht, an dem ich umsorgt werde, an dem ich mit all meinen Zuständen und Gefühlen sein darf und an dem ich nicht das Gefühl haben muss, zu viel zu sein.

Ich habe mir einen sicheren Ort gewünscht, an dem ich einfach sein kann, auch wenn ich viel weine, traurig oder völlig überfordert bin. Einen Ort, an dem Menschen nicht von meinen Emotionen überfordert sind, an dem ich zur Ruhe kommen kann und an dem mir auch ganz praktische Dinge abgenommen werden – zum Beispiel, dass jemand für mich kocht und es eine gewisse Tagesstruktur gibt.

All das habe ich im WandelRaum gefunden.

Der WandelRaum ist ein Therapiehof, an dem es verschiedene Möglichkeiten gibt, sich selbst und den eigenen Prozessen näherzukommen – durch tiergestützte Therapie, Kunsttherapie, Körpertherapie oder die Zeit in der Natur. Für mich ist dieser Ort mittlerweile zu einem ganz besonderen Kraftort geworden, an den ich immer wieder gerne zurückkomme, weil er mir unglaublich guttut.

Was mir hier besonders hilft, sind die Tiere. Wenn eine Katze auf meinem Schoß sitzt und schnurrt, kann ich richtig spüren, wie mein Nervensystem zur Ruhe kommt. Ich muss nichts erklären und nichts leisten. Ich darf einfach da sein. Auch die Zeit mit den Pferden bedeutet mir viel. Anfangs hatte ich großen Respekt und auch Angst vor ihnen. Mittlerweile traue ich mich schon viel näher an sie heran. Das macht mich glücklich und zeigt mir, dass ich in meinem eigenen Tempo wachsen und neue Erfahrungen machen kann.

Auch die Tagesstruktur und das gemeinsame Mittagessen tun mir sehr gut. Es gibt mir Halt, einen Rhythmus und das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Ich helfe gerne auf dem Hof mit und erlebe es als etwas Schönes, selbst etwas beitragen zu können.

Was ich am WandelRaum ebenfalls sehr schätze, ist die überschaubare Gemeinschaft. Größere Menschenansammlungen, viele Gespräche und zu viele Reize können mich schnell überfordern. Gerade wenn mein Nervensystem ohnehin schon im Alarmzustand ist, brauche ich Ruhe, wenig äußere Reize und einen geschützten Rahmen, um wieder bei mir selbst anzukommen.

Hier kommen beim Mittagessen oft nur wenige Menschen zusammen. Und trotzdem oder gerade deshalb entstehen immer wieder tiefe, ehrliche und sehr wertvolle Gespräche. Viele Menschen hier kennen selbst Krisen, schwierige Lebensphasen oder tiefe Umbrüche. Dadurch begegnen wir uns mit viel Verständnis und Achtsamkeit.

Ich muss hier nicht funktionieren. Ich muss nicht gut drauf sein und auch nicht reden, wenn mir nicht danach ist. Wenn ich mich zurückziehen möchte, kann ich das tun. Wenn ich Kontakt brauche, kann ich auf Menschen zugehen. Und wenn mir alles zu viel wird, kann ich zu den Tieren gehen oder Zeit in der Natur verbringen.

Ich darf hier einfach mit allem sein, was gerade da ist.

Und genau das ist für mich so heilsam.

Meine bisherigen Erfahrungen mit psychiatrischen Aufenthalten haben mir gezeigt, wie wichtig die Behandlung psychischer Beschwerden sein kann. Für mich persönlich hat sich jedoch auch gezeigt, dass ich darüber hinaus etwas gebraucht habe: einen Ort, an dem ich mit meiner Überforderung, meiner Verletztheit und meiner Traurigkeit da sein darf, ohne dass diese Gefühle sofort verändert oder zum Verschwinden gebracht werden müssen.

Einen Ort, an dem ich lernen kann, auch mit den schwierigen Anteilen in mir besser in Kontakt zu sein und sie nach und nach anzunehmen. Nicht, weil sofort alles besser werden muss, sondern weil ich die Erfahrung machen darf, dass ich mit dem, was in mir ist, nicht allein bin.

Ich glaube, dass gerade Menschen, deren Nervensystem schnell in Alarmbereitschaft gerät, solche Orte brauchen. Orte, an denen nicht noch mehr Reize, Anforderungen und Erwartungen auf sie einwirken, sondern an denen Ruhe, Sicherheit, Natur, Tiere und menschliche Verbundenheit möglich sind. Orte, an denen man langsam wieder Kraft schöpfen kann – im eigenen Tempo und ohne Druck.

Deshalb bin ich so dankbar, dass es den WandelRaum gibt. Ich wünsche mir, dass solche Orte erhalten bleiben, unterstützt werden und es in Zukunft noch mehr davon gibt. Denn ich glaube, dass es neben den bestehenden therapeutischen und psychiatrischen Angeboten auch solche geschützten Räume braucht, in denen Menschen nicht nur Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Beschwerden erfahren, sondern sich aufgehoben fühlen und einfach sein dürfen.

Für mich ist der WandelRaum ein Ort, an dem ich immer wieder ein Stück mehr bei mir selbst ankommen kann. Ein Ort, an dem ich mich zurückziehen und gleichzeitig Verbundenheit erleben darf. Ein Ort, an dem ich mit allem willkommen bin, was mich gerade bewegt.

Und dafür bin ich von Herzen dankbar.

Anja Scholz, 59 Jahre 

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Isabel Meissner
Isabel Meissner

WandelRaum gGmbH ist ein Ort für Wachstum, Heilung und Verbindung. Wir unterstützen Menschen auf ihrem individuellen Weg in ihre Kraft, Gesundheit und Potenzial. Ein ganzheitlicher Ansatz für Körper, Geist und Seele bringt ins Gleichgewicht auf allen Ebenen. Schwerpunkte unseres multidisziplinären Teams sind Kunst,- Musik,- und körpertherapeutische Begleitung sowie Prozessbegleitung mit Pferden und der Natur. Neben Gruppenangeboten bieten wir ein- bis mehrwöchige Aufenthalte mit therapeutischer Begleitung für Menschen in Krisen, belastenden Lebenssituationen, psychosomatischen Beschwerden an. https://www.wandelraum-chiemgau.de

Ein Kommentar

  1. …oooh, liebe Anja, HerzensDank für Dein fein-offenes Teilen hier mit uns 🥰 🙏so berührend – ich fühle mich von Deiner Schilderung reich beschenkt 🎁 🌟 ✨️ 💫

    Alles Liebe und Gute für Deinen weiteren Weg und in die Runde,
    Dagmar

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