Schreibübung im November

089_abendstimmungEnde November gibt es viele Tage wie den heutigen: Feucht, kalt, zugig, und die Kälte kriecht einem in die Ärmel und zwischen die Mantelknöpfe. An solchen Tagen würde man keinen Hund vor die Tür jagen – aber weil man gerade an solchen Tagen besonders dringend Kakao und etwas Süßes und vielleicht auch eine Flasche Kinderpunsch braucht, wickelte ich mich warm ein und machte mich auf zum Supermarkt.
Eine Frau stand gleich am Eingang hinter einem kleinen Tresen und verteilte Kostproben: Kaffee aus der Schweiz in kleinen Bechern aus Schaumplastik. Ich trank einen Kaffee und sie erzählte mir, wie kalt und feucht und zugig ihr Platz sei und dass sie noch den ganzen Tag dort stehen müsse. Das war mein erstes Gespräch über das Wetter. Als ich zehn Minuten später an der Kasse stand, tauschte ich mich schon zum fünften Mal über die Feuchtigkeit, den Zug und die kriechende Kälte aus, und mir wurde bewusst, wie einfallslos und platt diese Gespräche sind. So platt, wie ich die Welt erlebe, wenn ich blind durch die Gegend haste und alle Erfahrungen unter „Kenne ich, hab ich schon tausendmal erlebt“ abspeichere.

Die heutige Schreibübung lädt dazu ein, den Nebel, der Kälte oder ein anderes Wetter, das gerade herrscht, etwas mehr zu würdigen, es genauer zu erforschen und mit Worten zu feiern.

Die Übung: Schaue aus dem Fenster, gehe kurz vor das Haus oder auf den Balkon, oder stelle dir innerlich vor, du stündest auf einem Berg oder an einem See im Nebel und es wäre kalt. Wehre die Erfahrung nicht automatisch ab, sondern lasse sie auf dich wirken. Spüre das Wetter, rieche es, lausche auf seine Geräusche, schaue auf die inneren Bilder und Erinnerungen, die erscheinen. Was für Gefühle, Empfindungen, Geschichten werden in dir wach? Spüre, wie lebendig du bist, wenn du alle Sinne für das Wetter öffnest. Warte nicht auf irgendwelche besonderen Erfahrungen: Alles, was auftaucht, ist wichtig und spannend.

Schreibe alles auf, was dir erschienen ist. Bemühe dich nicht um eine besondere Form oder einen bestimmten Stil. Mache dir einfach nur Notizen. Und wenn du das Gefühl hast, irgendetwas „richtig“ machen zu müssen, schreibe einfach nur einzelne Worte auf! Allein schon fünf, sechs Worte, die eine direkte Erfahrung bezeichnen, können klingen wie ein Gedicht. Zum Beispiel:

Grau
Grauweiß
Weiß und überall und ohne Ende und kalt
So ein Herbsttag.

(Finde deine eigene Form. Würdige deine eigene Erfahrung. Erzähle deinen eigenen Herbst! Jeder Herbst ist anders…)

Und schon hat sich November verwandelt, oder?

ParorechtswZur Person: Christine Paro Bolam ist Künstlerin, Psychotherapeutin, Autorin, Seminarleiterin, auf dem Weg von hier nach hier, von der Verwirrung in die Einheit und das Mysterium des Seins. Autorin der Bücher „Einladung zum Glück“ (J.Kamphausen Verlag, Bielefeld) und des Films „Kreativität …die Kunst im Fluss zu sein“.
In ihrer Werkstatt für Kreativität und Lebenskunst am Staffelsee gibt sie Kurse und Einzelberatungen.
Nächster Termin: 06.-08. Dezember 2013, Fr 15:30 bis So 13:00 Uhr Maximal 6-8 Teilnehmer/innen
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