Trauern im Frühling?

Foto: Walburga Hupe

Foto: Walburga Hupe

Von Walburga Hupe. Wie geht es dir, wenn du traurig bist? Vor kurzem begegnete ich einem jungen Mann, der sagte, er habe gar keinen Zugang zu seiner Trauer, er könne überhaupt nicht weinen. Und das ist es, wonach er sich so sehr sehnt. Er wüsste überhaupt nicht, wie das geht: trauern und weinen.

Die Unfähigkeit zu trauern wurde uns schon nach dem 2. Weltkrieg bestätigt. Hat sich etwas verändert in den letzten Jahrzehnten?

Als meine Mutter starb und ich vor der Beerdigung bedauerte, dass ich sie nicht gewaschen und angezogen habe, konnten meine Tanten meine Tränen kaum ertragen. Ich sollte nicht weinen, weil sie dann selbst auch weinen würden und das versuchten sie mit aller Kraft zu vermeiden. Sie konnten spüren, dass das meine Liebe war, die meiner Mutter diesen letzten Dienst gern erwiesen hätte und waren gerührt.

Wie viel Energie verwenden wir darauf, n i c h t zu trauern? Dieses natürliche Bedürfnis von Trauer, von sich verabschieden von jemandem, der mir lieb war, von etwas, das in meinem Leben, in meinem Herzen einen Platz hatte?

Ich habe meinen Tränen einfach freien Lauf gelassen, ich habe es in vielen Jahren gelernt, die Tränen nicht mehr zurückzuhalten, sondern sie einfach zu weinen. Was geschehen ist, wird dadurch nicht ungeschehen gemacht, aber meinem Gefühl habe ich Raum gegeben. Die Last, die durch den Verlust auf meiner Seele liegt, schmilzt
dahin. Ich kann in Frieden kommen, mich versöhnen mit dem, was das Leben mir gerade vor die Füße geworfen hat.

Im letzten Jahr verlor eine Frau aus meinem Bekanntenkreis ihr Baby im 6. Monat. Sie war im Krankenhaus, hatte eine bedrohliche Infektion. Wie hat sie diesen Verlust verarbeitet? Die meisten Menschen um sie herum sind erleichtert, wenn sie nicht darüber spricht und wieder zur Arbeit geht, wenn sie funktioniert, sich ablenkt. Das ist die Lösung, alle sind zufrieden, weil sie sonst an ihren eingefrorenen Schmerz kämen, mit dem sie nicht gelernt haben, umzugehen. Aber wie sieht es in ihr aus?

Was ist mit dem kleinen Körper geschehen? Hat sie sich verabschieden können? Wohin wurde er gebracht?

Es ist so wichtig, in unserem Leben Räume zu schaffen, in denen unsere Trauer Raum hat. Sie zuzulassen, damit nicht allein zu sein. Die Tränen zu teilen oder sich selbst in diesem geschützten Raum zu erlauben, gehalten zu werden, wenn es dir gut tut.

Vielleicht fällt dir gar nichts ein, worüber du traurig bist oder warst? Ein unerlöster Schmerz, der irgendwo gut verborgen ruht? Oder nur Dumpfheit und Nebel?
Wir tragen als Kinder die nicht gefühlte und nicht ausgedrückte Trauer unserer Eltern, wenn Kinder nicht geboren wurden, wenn ein anderes Geschlecht als das erwünschte ankam, wenn ein Partner ging und Wunden zurückließ. In unserem System hängt es solange, bis sich eine Person erlaubt, zu fühlen und da können dann viele Tränen rollen, auch die ungeweinten Tränen unserer Eltern. Denn diese Person betrauert oft nicht nur ihre eigenen Verluste, sondern die der ganzen Linie mit. Und entsprechend löst sich die Energie in die Vergangenheit hin auf.

Wie fühlt sich denn eine Person, die sich die Tränen erlaubt hat?

Es ist so, als wäre eine alte Last von den Schultern gefallen. Das Atmen fällt wieder leichter, das Lachen, die Freude ist wieder spürbar, neue Projekte kommen plötzlich angeflogen und möchten umgesetzt werden. Türen öffnen sich, von denen wir ahnten, dass sie da sind. Aber wir hatten den Schlüssel nicht überreicht bekommen.

Trauern im Frühling? Ja, gerade im Frühling, wenn die Lebenskraft sich um uns herum in Flora und Fauna Bahn bricht. Wir sind ein Teil dieser Energie. Wenn du dich gedämpft, dumpf, depressiv fühlst und die Freude über die Schneeglöckchen und Krokusse, über das Vogelgezwitscher und die bald wieder herumspringenden jungen Lämmer sich nicht so recht einstellen will: gib deiner Trauer Ausdruck. Erlaube dir deine Tränen, erlaube der Lebenskraft wieder freier durch dich zu fließen. Dein Licht strahlt in die Welt. Halte dich nicht zurück. Gaia liebt dich und freut sich, wenn Du Deine Trauer erlöst und ins Fließen bringst.

Veranstaltungshinweis: Trauerritual . fühlen . fließen . Räume schaffen
Diese kraftvolle Heilung ist für Frauen, die einen Abgang, eine Abtreibung, Fehlgeburt, Gebärmutterentfernung, sexuellen oder emotionalen Missbrauch erlebt oder ein gebrochenes Herz haben.
Sie ist ebenso für Männer, die ihre eigene Trauer fühlen und ausdrücken wollen und die das Weibliche in dieser Heilarbeit unterstützen möchten. Wir lassen Scham, Schuld, Trauer, Schmerz und Verletzungen los und erlauben uns wieder zu leben, uns zu freuen und zu strahlen.

19., 20. März Buchholz/Hamburg, Alexandra Lehmann, Ulrike Remlein, Walburga Hupe
Kontakt: walburga@lebendigkeit-tanzen.de Mehr Infos hier

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2 Kommentare zu “Trauern im Frühling?
  1. Anne P.-D. sagt:

    Trauern im Frühling?
    Ich finde es ganz wichtig, egal aus welchem Grund, wenn eine Belastung innen spürbar ist, die Tränen nicht zu unterdrücken sondern sie rauszulassen. Ich finde es jedes Mal als innere Befreiung, wenn ich den Ballast auf diese Weise rauslassen kann/darf! Und ich denke, niemand muss sich seiner Tränen schämen, sie gehören auch zum Leben, wie die Freude ist halt die Traurigkeit auch manchmal mit auf dem Weg des Lebens.

  2. Liebe Anne,

    ja, es ist so etwas ganz natürliches, seine Tränen zu weinen.
    Ich selbst bin in der Nachkriegsgeneration aufgewachsen. Es war eine andere Zeit, die mich als Kind geprägt hat und ich musste es erst lernen, meine Trauer auszudrücken und zu leben.
    Wir, Alexandra, Ulrike und ich unterstützen gern in unserem Seminar Menschen, denen es nicht so leicht fällt, Ihre Trauer zuzulassen. Es ist so erleichternd, es zu tun. Danke Dir!

    Walburga

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