Eintrittskarte ins Leben: Das erste Lebensjahrsiebt

Foto: Elske Margraf

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Auszüge aus“ Mut zum Lebenswandel – Wie Sie Ihre biografischen Erfahrungen sinnvoll nutzen“ von Brigitte Hieronimus erster Teil: 1. Jahrsiebt (0-7 Jahre) . In der Biografiearbeit ist es immer wieder aufschlussreich, sich nach den Umständen der eigenen Geburt zu erkundigen. Wie sind wir auf die Welt gekommen, und wie waren die damaligen Lebensumstände der Mutter? Wie die Mutter darüber berichtet, was sie besonders hervorhebt, zu beschwichtigen oder verheimlichen versucht, ist relevant für das Verständnis unserer Lebensgeschichte. Schon im Mutterleib sind wir in Kontakt mit den mütterlichen Gefühlen, reagieren auf ihre Angst, Liebe, Sorge oder Freude. So lässt sich auch besser verstehen, weshalb manchmal Emotionen in uns rumoren, für die es keine vernünftige Erklärung gibt.

Das Ungeborene ist nur auf Fühlen und Wahrnehmen ausgerichtet. Deshalb ist es auch hilfreich zu wissen, dass selbst im Erwachsenenalter nur ein geringer Prozentsatz unseres Wahrnehmens, Fühlens und Denkens bewusst erinnert und sprachlich ausgedrückt werden kann. Aus diesem Grund müssen wir präverbales Bewusstsein von dem Bewusstsein der sprachlichen Ausdrucksform unterscheiden. Ein Ungeborenes, das noch nicht denken und sprechen kann, fühlt, was ihm geschieht, ist aber nicht in der Lage, die Dinge zu deuten oder zu verstehen.

So wirken Abtreibungsversuche, intrauterine Mangelversorgung oder das Feststecken im Geburtskanal traumatisierend, was wiederum das Leben des Kindes destruktiv beeinflussen kann. Eine durch Kriegsereignisse traumatisierte Frau wird wohl kaum entspannt und gelöst die Geburt ihres Kindes erwarten, sondern in ständiger Angst und Furcht leben, ob sie und das Kind überleben werden. Diese Angst überträgt sich auf das ungeborene Kind, es wird regelrecht damit „infiziert“. Die meisten Mütter waren in Kriegszeiten mit ihren Kindern über einen langen Zeitraum allein, mussten das Leben ohne Unterstützung meistern und sich mit den Kindern so gut es ging über Wasser halten. Nachkriegsgeborene berichten häufig, in ihrer Kindheit kaum mütterliche Nähe erfahren zu haben, weder körperlich noch seelisch. Die Mutter sei viel zu beschäftigt gewesen. Viele vermissten natürlich die mütterliche Zärtlichkeit, suchten vergeblich Trost und Feinfühligkeit, was dazu führte, dass die Kinder sich um die Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter aktiv bemühten.

Spätfolgen von Trauma und emotionaler Entbehrung

Unter anderen Rahmenbedingungen scheint sich heute Ähnliches zu wiederholen: Da sich die Zahl der Getrenntlebenden und Geschiedenen in den letzten Jahren erhöht, müssen etliche Mütter ihre Kinder alleine groß ziehen, weil die Väter der Kinder scheinbar nicht zur Verfügung stehen, sich nicht kümmern oder keinen Unterhalt zahlen. Inzwischen weisen allerdings einige Untersuchungen darauf hin, dass viele dieser Väter erbittert um das gemeinsame Sorgerecht kämpfen müssen, weil Mütter den Kontakt zum Kindsvater verhindern oder erschweren. Dabei geht es nicht um die Fälle von Missbrauch und Gewalt, wo die Mutter zu Recht den Kontakt verhindern möchte, sondern um die Anerkennung des väterlichen Bedürfnisses und Rechts, sich um seine Kinder zu kümmern und sie aufwachsen zu sehen.

In der Biografiearbeit stellt sich nun überraschend häufig heraus, dass zahlreiche Frauen, die den Vater von ihrem gemeinsamen Kind fernhalten, von Müttern und Großmüttern großgezogen wurden, deren Männer im Krieg gefallen oder versehrt zurückgekommen waren. Nur wenigen Heimkehrern gelang es, sich wieder in die Familie zu integrieren; oftmals wurden sie von ihren Frauen wie Fremdkörper wahrgenommen und entsprechend behandelt. Die zurückgekehrten Männer schwiegen in der Regel über ihre Kriegserlebnisse und Gefangenschaft, spalteten ihre Mitschuld am Töten, Plündern und Vergewaltigen ab, was zur Folge hatte, dass sie hart, verschlossen, abgestumpft und distanziert wirkten. So wurde auf der transgenerationalen weiblichen Ebene die unbewusste Überzeugung weitergegeben, dass Männer nicht zur Verfügung stehen, dass auf sie kein Verlass ist, dass sie nicht für die Familie da sind, dass sie als Ehemann und Vater kläglich versagen.

Erstaunlich häufig stellt sich heraus, wie sehr diese Frauen in das Leid ihrer Mütter verstrickt sind; so sehr, dass sie als Erwachsene versuchen, sich stellvertretend für die Mutter zu emanzipieren, indem sie in Beruf und Partnerschaft ihren „Mann“ stehen und Männer abwerten und ablehnen. Nicht wenige von ihnen haben dann Männer „gewählt“, die ihre eigenen Väter oder Großväter nicht oder kaum kannten; es hieß, sie hätten ihre Familie im Stich gelassen. Waren die Väter anwesend, so wurden sie von ihren Söhnen meist als Außenseiter, bloße Versorger, als Trinker oder Versager erlebt, was die Söhne bis ins Erwachsenenalter als Makel empfinden. So entstand ein verzerrtes Vaterbild, weil die Söhne ihre Väter ausschließlich durch die Brille der Mutter sahen. Diese verzerrten Vaterbilder verhindern schließlich, dass eine gelingende Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern, vor allem dem eigenen Sohn, wachsen kann, was zur Folge hat, dass auch sie kaum wissen, welche Funktion sie eigentlich als Mann und Vater haben.

Menschen, deren Nähe- und Geborgenheitsbedürfnis als Kind nicht befriedigt wurde, fühlen sich als Erwachsene oft zu Personen hingezogen, bei denen sich wiederholt, worunter sie schon als Kind gelitten haben: Der Partner/die Partnerin wird ihnen nicht geben können, wonach sie sich sehnen. Meist sind diese Menschen auch nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse nach Wärme und Nähe angemessen zu äußern, sondern hoffen und erwarten von ihren Partnern ständig, dass ihre Wünsche erraten und befriedigt werden. Der Kern des Problems ist, dass die frühkindliche Erfahrung der emotionalen Entbehrung dem Bewusstsein gar nicht zugänglich, sondern abgespalten ist: Der Betroffene kann seinen Wunsch nach emotionaler Nähe gar nicht erst wahrnehmen. Oft zeigt sich in der Biografiearbeit, wie sehr ängstliche, bedürftige Mütter ihr Kind mit ihren starken Emotionen an sich binden, wie auch mit ihrer eigenen Unsicherheit, ihren Problemen und Befürchtungen und damit die gesunde Autonomie des Kindes hemmen. Versucht das Kind sich im Laufe seiner Entwicklung aus der beklemmenden Nähe zur Mutter zu befreien und selbständig zu werden, wird das ein schwieriger Prozess, wenn der Vater nicht dafür sorgt, das Kind aus der allzu engen Bindung zur Mutter herauszuführen, damit es sich zu einem eigenständigen Menschen entwickeln kann. Der gelungene Bindungsprozess zwischen Mutter und Kind hängt also auch davon ab, wie sich der Vater dem Kind und der Mutter des Kindes gegenüber verhält.

Biografische Einzelarbeit sorgt für ein stabiles Leben

mutzumlebenswandelIn der Einzelarbeit geht es zunächst darum, seine gesunden Ich-Anteile zu stabilisieren, damit Selbsttäuschungen und Wunschbilder, die aufgrund von frühen Traumata entstanden sind, zum Vorschein kommen. Anschließend wird die Tür zu möglichen Traumata geöffnet und das bisher Abgespaltene behutsam in die eigene Lebensgeschichte integriert.
Gelingt dies, entfaltet sich eine innere Freiheit, die nach und nach mit neuen Lebensinhalten gefüllt werden kann. Das wiederum ist ein längerer Prozess und ein Weg der kleinen Veränderungsschritte. Neben der gestärkten Selbstakzeptanz, des neuen Selbstmitgefühls sowie der gewonnenen Reflexionsfähigkeit hat sich im Zuge der Biografiearbeit aber auch ein starker Wille zur Veränderung herausgebildet, der hilft, diesen Weg freudvoll zu gehen – und seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Jenseits von frühen Traumata, die unser Erwachsenenleben negativ beeinflussen können, kommen biografisch bedingte Entwicklungsstaus meist in den Jahren zwischen 7 und 21 Jahren vor. Es lohnt sich, diese ausfindig zu machen, damit die persönlichen Entwicklungsaufgaben sichtbar werden.

Fragen zum ersten Jahrsiebt (0-7 Jahre)

Was ist meine früheste Erinnerung?
Welche Wirkung hat diese Erinnerung auf mein jetziges Leben?

War ich in den ersten sieben Jahren meines Lebens krank?
War ich im Krankenhaus?
Wie gehe ich heute mit Krankheit um?

Wie wuchs ich auf?
Wer war für mich da? Auch andere Menschen als die Eltern?
Wie war die Beziehung meiner Eltern zueinander?
Welche Eigenschaften haben/hatten die Menschen in meiner Herkunftsfamilie?
Wie habe ich Bindung erlebt?
Wie erlebe ich sie heute?

Hintergrund: Das ist der erste Teil einer neuen Serie bei den newslichter, in der monatlich immer ein Lebensjahrsiebt vorgestellt wird. Dank an den Kamphausen Verlag für die Freigabe der Auszüge aus dem Buch Mut zum Lebenswandel – Wie Sie Ihre biografischen Erfahrungen sinnvoll nutzen. Eine ausführliche Besprechung des Buches hier.

brigitteZur Person: Brigitte Hieronimus arbeitet als erfahrene Paar-und Biografieberaterin, Trainerin, Referentin zum Thema Wechseljahre und Dozentin für biografisches Schreiben. Der Autorin gelingt es auf lebendige Weise, den Lesern eine mutmachende neue Sichtweise zu vermitteln. Daher ist sie immer auch gefragte Interviewpartnerin in TV, Hörfunk und Presse. Mehr auf ihrer Webseite www.brigitte-hieronimus.de

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3 Kommentare zu “Eintrittskarte ins Leben: Das erste Lebensjahrsiebt
  1. Liebe Frau Hieronymus, ein wunderbarer Artikel, sehr einfach, sehr klar geschrieben. Ich werde ihn herauskopieren – und wenn Sie erlauben – mit Ihrem Namen versehen in meinen Beratungen weitergeben. NAtürlich auch gerne mit dem Hinweis auf das Buch, das ich sicher lesen werde.

    Herzlich, Sylvia Grotsch

    • Herzlichen Dank für das nette Feedback und ja natürlich dürfen Sie meinen Auszug kopieren und weiter empfehlen. Ich schätze Ihre Arbeit ebenfalls und lese Ihre Artikel jedes Mal mit Freude. Herzlichste Grüße aus dem Münsterland Brigitte Hieronimus

  2. Vielen Dank liebe Silvia Grotsch – ich freue mich auf einen anregenden Austausch hier.

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