Liebe statt Angst

Foto: Jumana Mattukat

Von Jumana Mattukat. Als Anfang Juni in London zwei Terroranschläge verübt wurden, befand ich mich mit meiner Familie im „Citizen M“ Hotel – etwa 1500 m vom ersten Anschlagort, der London Bridge und etwa 500 m vom zweiten Ort, dem Borough Market entfernt.

Die ganze Nacht über kreisten Hubschrauber über uns, die Sirenen heulten und ich dachte mir, so ähnlich muss sich wohl Krieg anfühlen. Ich hatte große Angst und wollte einfach nur meine Liebsten und mich in Sicherheit wissen.

Die Angst anschauen

Wie sehr die nackte Angst lähmt, habe ich am eigenen Leib erfahren. Ich saß wie erstarrt im Bett, schaute auf den Monitor meines Handys (ins Außen), um mehr Informationen zu bekommen und war absolut Handlungsunfähig. Ich fühlte mich als Opfer und projizierte dies nicht nur auf die durchgeknallten Terroristen, sondern auch auf meinen Mann (wieso überhaupt schenkt er mir eine Londonreise zum Geburtstag?)

Ich befand mich am Tiefpunkt dieser Erfahrung. Wenn wir an diesem Punkt stehen bleiben, dann hat der Terror sein Ziel erreicht. Nicht erst wenn wir bei einem Anschlag sterben. Nein, mitten in der Nacht – während meine Familie und ich in Sicherheit waren – war ich abgetrennt von meinem Inneren, abgetrennt von meinem Mann und übermannt von Angst, die kein anderes Gefühl als Wut und Panik neben sich zuließ.

Ich wollte raus aus dieser Angst, zumal sie mich nicht schlafen ließ.

Informationsquellen bewusst auswählen

Foto: Jumana Mattukat

Den Fernseher schalteten wir relativ schnell wieder aus. Neben der Tatsache, dass dort eine wacklige Handyaufnahme in Dauerschleife lief, machten die Bilder nur noch mehr Angst. Ich entschied mich für den Twitter Account der Londoner Polizei. Dort wurden nur Fakten und sinnvolle Warnhinweise veröffentlicht, keine Vermutungen und Interpretationen. Auch Spiegel online empfand ich bei diesem Anschlag als hilfreich. Erst zwei Tage später las ich wie Meinungsmachend und Panik verbreitend die Bild das Thema aufbereitete.

Die Angst integrieren

Mit soviel Adrenalin im Blut konnte ich natürlich nicht einschlafen. Auch das Getippsel auf dem Handy beruhigte mich nicht. Eine Runde spazieren zu gehen wäre zu gefährlich gewesen und auch nicht möglich, da das Hotel seine Türen aus Sicherheitsgründen geschlossen hatte. In unserer Unterkunft waren auch Gäste aus Hotels untergebracht, die noch näher am Tatort waren und entsprechend evakuiert wurden.

Was für ein Segen, dass mir ein paar meiner Werkzeuge einfielen, die ich in meinem inneren Gepäck habe und nun selbst einmal „im Notfall“ anwenden konnte.

Als erstes kam mir das Halten des „Angstfingers“, des Zeigefingers aus dem „Jin Shin Jyutsu“ in den Sinn. Dann klopfte ich mir positive Affirmationen wie „Ich vertraue.“ und „Ich glaube.“ in meine Zellen hinein. Eine Technik aus der Kinesiologie, die auf die Thymusdrüse wirkt.

Am meisten half mir dann mein mir nächstes Werkzeug: das Atmen! Beim Einatmen stellte ich mir vor, wie ich meine Angst umarme, beim Ausatmen stellte ich mir vor, wie sich sie mir in mein Herz hineinziehe. Eine gleichermaßen einfache wie effiziente Technik, die ich von Christina Kessler gelernt habe.

Nach einigen Atemzügen beruhigte ich mich, in meinem Herzen war meine Angst sicher. Ich hatte sie nicht unterdrückt, sondern integriert. Ich fiel in einen leichten Schlaf.

Um Hilfe bitten

Sonntags morgens dann bin ich nach kurzem Schlaf aufgewacht mit einem Gefühl von Dankbarkeit: „Hey, was hast Du überhaupt – wir sind unversehrt.“ Dann kam das Mitgefühl mit denen, die weniger Glück hatten. Und dann der Wunsch, meinen Teil dazu beizutragen, dass es anderen besser geht. Ich bat meine FreundInnen und WegbegleiterInnen um Unterstützung und schnell entstand aus ihnen heraus die Idee, gemeinsam um 11 Uhr Licht und Liebe nach London zu senden.

Ich setzte mich also kurz vor 11 deutscher Zeit vor unser Hotel an einen Platz, der mir passend erschien und machte auf für diese gute Energie. Gemeinsam sendeten wir sie an den Ort und die betroffenen Menschen.

Dadurch breitete sich Frieden in mir aus und ich war voller Vertrauen. Glücklich darüber, dass so viele Menschen gleich zur Stelle waren.
Dem ein oder anderen mag das naiv vorkommen.

Aber ich konnte genau spüren wie die Angst in der Nacht mich einfach nur lähmte und wie dieser innere Frieden am Morgen mich dazu ermunterte, den Tag über mit den Menschen freundlich in Verbindung zu gehen, die mir in der Stadt begegneten.

Foto: Jumana Mattukat

Als ich nach dieser Meditation die Augen öffnete, sprang mir als erstes die Botschaft „Another world is possible.“ ins Auge. Der Satz schmückte unser Hotel, ich hatte ihn zuvor nicht wahrgenommen! Ich war sehr berührt!

Kinder führen

Durch die integrierte Angst kam ich in eine neue Haltung. Dies war sehr hilfreich als wir unseren Kindern erzählten, was in der Nacht passiert war. Ich fühlte mich wie ein echter Leuchtturm, der keine Panik macht und der Reaktion der Kinder mit Empathie begegnet.

Wir hielten uns zu Viert an den Händen für eine Schweigeminute, um an die Opfer zu denken. Dann schlug ich vor, dass wir den ganzen Tag über genau in uns hineinfühlen. Wir vereinbarten, dass – sollte eine/r von uns ein komisches Gefühl haben, wir dies sehr. ernst nehmen und zum Beispiel nicht in ein Gebäude hinein oder zu einem Platz gehen. Mit gutem Gefühl machten wir uns auf den Weg.

Mit diesem „Achtet auf Eure inneren Warnsignale!“ konnte ich den Kindern und auch uns vermitteln: „Hey, auch wenn es immer und überall passieren kann, wir haben innere Sensoren, die uns Gefahr wittern lassen.“

Am Nachmittag vor dem Terror hatte ich solch ein Gefühl in der Londoner U-Bahn. Mit war es deshalb wichtig, dass wir keinesfalls mehr mit der U-Bahn fahren. Das war zwar etwas umständlich, aber ich musste in diesem Punkt auf meine innere Stimme hören.
Und die positive Begleiterscheinung: wir bekamen sehr viel mehr von London zu sehen als unter der Erde und waren ein klein wenig entschleunigt.

Fokus aufs Positive

Den Tag konnten wir trotz der Geschehnisse genießen – wir fokussierten uns auf die schönen Seiten der Stadt und ihre freundlichen Bewohner und sprachen gleichzeitig auch über das, was uns dazu zwischendurch einfiel.

Die Blicke, die wir nun mit Fremden tauschten, machten wieder einmal deutlich: ein Schreckenserlebnis verbindet! Mir schien es als seien alle Menschen ganz besonders aufmerksam, achtsam und aufgeschlossen. Vielleicht wollen wir uns damit ja gegenseitig den Beweis liefern „Wir sind auf der guten Seite und wir sind viele! Und am Ende siegt das Gute! “

Jumana Mattukat

Jumana Mattukat ist Autorin, Bewusstseinscoach und Atemsession-Begleiterin
www.jumanamattukat.de

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6 Kommentare zu “Liebe statt Angst
  1. Martina sagt:

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel mit wirklich hilfreichen Werkzeugen. So etwas ist so wichtig in unserer Zeit.

  2. Andrea sagt:

    Danke für dieses sehr persönliche Statement. Es ist die Bestätigung, dass wir bei uns selber anfangen müssen/dürfen und wir nur so die Veränderung in unseren Herzen und in Folge im großen Ganzen herbeiführen können. Die Liebe fließen lassen gerade in Extremsituationen ist ein wunderschönes Bild. Danke

  3. Bärbel Limprecht sagt:

    Danke für das Teilen deines Erlebnisses und den Umgang damit. Ich bin tief berührt und gleichzeitig daran erinnert, dass wir soviel Wissen in uns tragen und abrufen können, das war vor Jahren noch nicht so, als wir als Familie einen Überfall erlebten. Ich bin zu tiefst dankbar, daß es ein jetzt gibt. Danke von Herzen !!

  4. Birgit Kutsche sagt:

    Ja, liebe Jumana, lasst uns Leuchttürme sein!
    Danke und viel Gutes und Schönes zu Dir hin.

  5. Drs. Wim Lauwers sagt:

    Danke Jumana fürs Teilen. Du wolltest in dem Moment dort sein. Und hast für Dich das Richtige gemacht. WIR leben in der friedlichsten Zeit jeh. Verbunden in LIEBE und FRIEDEN. <3 <3 :O

  6. Alex sagt:

    Liebe Jumana,ich finde das toll von dir, dass auch unangenehme Gefühle da sein dürfen und du sie aussprichst. Wir lernen wieder unserer Intuition zu folgen und unser Herz aufzumachen. Es ist so wichtig auf unserem Weg Emotionen zu integrieren und nicht diese zu verdrängen wie es so viele von uns gelernt haben. Die Zeit ist reif für diese Wandlung und dein Beitrag unterstützt dies. Er hat mich sehr berührt,danke.

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