Der Weg zum Glück

Foto: Nils-Ole

Von Hillinger / Döll. Wandern ist vielleicht der einfachste und natürlichste Weg zum Glück. Wandern in freier Natur, einen Fluss entlang, durch ein stilles Tal, im Wald, in den Bergen … – braucht es dafür noch eine Anleitung? Die Tatsache, dass immer wieder neue Bücher über das Glück des Wanderns erscheinen, weist auf ein allgemeines Bedürfnis, eine unerfüllte Sehnsucht hin. Worin besteht nun der besondere Weg des Zen zum Glück? Was hat es mit dem Zen des glücklichen Wanderns auf sich?

Wer kennt das nicht: Man hat sich auf den Spaziergang, auf die Wanderung gefreut – und dann beginnt es zu regnen, es zeigt sich, dass man das falsche Schuhwerk gewählt hat, es kommt zum Streit mit den Weggefährten über den richtigen Weg, schließlich stellt man fest, dass man eine Abzweigung verpasst hat und kommt in die Nacht … Ein andermal scheint alles zu passen: Das Wetter könnte nicht besser sein, die Menschen, mit denen man unterwegs ist, sind gut aufgelegt, man schafft den Gipfel – aber das erwartete Gipfelglück will sich nicht einstellen.

Zen sagt uns, dass es, um glücklich zu sein, nicht so sehr darauf ankommt, was uns umgibt, was um einen herum vorgeht, was man sieht und wahrnimmt und erlebt, sondern wie man etwas erlebt, sieht und wahrnimmt, wie es also um einen selber steht, was in einem selber vorgeht. Es kommt nicht so sehr auf die äußeren Umstände als auf die eigene innere Verfassung und Einstellung an. Wie die äußeren Umstände sich uns darstellen, haben wir meist nicht in der Hand. Aber in welcher Stimmung und Bewusstheit wir selber sind und wie unsere Beziehung zur Umgebung ist, das liegt bei uns.

Sicher fällt es uns leichter, uns glücklich zu fühlen, wenn alles rundherum passt, das Wetter, die Landschaft, die Gefährten. Aber wenn wir in niedergedrückter Stimmung sind, wenn uns ein Ärger zu schaffen macht, dann können wir selbst das Glitzern der Tautropfen in der Morgensonne, die vielen Blumen um uns herum oder das Blühen der Bäume nicht mehr genießen.

Auf die eigene Einstellung also kommt es an. Erst wenn Äußeres und Inneres zusammenkommen und Einklang entsteht, bekommt alles, was man erlebt und tut, Sinn und Bedeutung.

Drei Schritte helfen uns, unabhängig von äußeren Umständen Glück und Frieden beim Gehen und Wandern zu erfahren. Der erste:

Sehen, was ist und wie es ist

Zen lehrt uns das unmittelbare Sehen und Wahrnehmen. Das unmittelbare Schauen ist ein ursprüngliches Wahrnehmen, bevor noch Gedanken sich einstellen. Unmittelbares Wahrnehmen meint ein Wahrnehmen, wo nichts zwischen den Schauenden und das Wahrgenommene tritt; wo keine Voreingenommenheit und keine Absichten den Blick trüben. Denn Gedanken, Vorstellungen und das Fixiertsein auf ein zu erreichendes Ziel engen uns ein und verhindern die volle Freiheit und Offenheit. Alles hängt davon ab, in welchem Bewusstsein wir uns auf den Weg machen. Ein frei schwebendes Bewusstsein öffnet unseren Blick. Der weise Daoist Dschuang Dsi spricht von einem „freien und unbeschwerten Umherstreifen“, das nicht nach einem Nutzen fragt. Es ist ein Umherwandern „ohne Warum“. Wer ohne bestimmte Absicht und ohne festes Ziel durch die Gegend wandert, nimmt wahr, was er sieht und was sich zeigt, anstatt nur das zu sehen, was man „gesehen haben muss“ oder was „sehenswürdig“ ist. Wenn wir also sehen können, was ist und wie es ist, und nicht, wie es nach unserer Meinung und vorgefassten Einstellung zu sein hat, dann kann der zweite Schritt erfolgen.

Annehmen, was ist und wie es ist

Indem wir, was um uns ist, so annehmen, wie es ist, entsteht zwischen uns und der Umgebung eine wirkliche Beziehung und Harmonie. Das setzt allerdings voraus, dass wir den Dingen und der augenblicklichen Situation ohne bestimmte Erwartung begegnen. Zen lehrt uns, ganz ohne Erwartungshaltung zu gehen. Erst wenn wir gelernt haben, die tatsächliche Situation, so wie sie ist, anzunehmen und uns darauf einzulassen, werden wir fähig sein, den besonderen Reiz des Gehens im Regen oder den Zauber der Landschaft im Nebel wahrzunehmen, werden wir offen sein für das Spiel des Lichts und der Farben des Himmels. Gerade überraschende Situationen und Herausforderungen, wie unerwartete Hindernisse auf dem Weg, können, wenn wir uns auf sie einstellen, zu intensiverem Erleben führen und sogar ein tiefes Glücksgefühl in uns wecken. Wir können die entscheidende Erfahrung machen, dass das Glück weniger von den äußeren Gegebenheiten abhängt als von unserer eigenen Einstellung und offenen Wachheit.

Annehmen, was ist und wie es ist, bedeutet, sich auf die gegebene Situation einzustellen, ohne gleich auf den Gedanken einzuspringen, wie man die Situation verändern oder verbessern könnte. Dabei geht es natürlich nicht darum, sich einfach mit allem abzufinden. Auch wenn es ansteht, etwas zu verändern, setzt das voraus, dass man sieht, was ist und wie es ist, und die Situation so annimmt, wie sie ist. Und dann kann man darangehen, sie zu verändern.

Nur wenn wir die augenblickliche Situation annehmen, so wie sie ist, und wenn wir uns selbst annehmen, so wie wir sind, können wir uns ganz in der Gegenwart einfinden. Glück wird nur in der Gegenwart erfahren, im Augenblick des Hier und Jetzt. Wenn wir sehen und annehmen können, was ist und wie es ist, können wir auch zum dritten Schritt kommen.

Schätzen, was ist und wie es ist

Es geht um die Wertschätzung dessen, was ist, und zwar einfach, weil es ist. Es führt zu einem unmittelbaren Erleben, bei dem wir uns nicht mehr fragen, ob etwas angenehm oder unangenehm, leicht oder schwer, schön oder weniger schön ist oder ob wir uns glücklich fühlen oder nicht. In solcher Unmittelbarkeit sind wir fraglos glücklich. Wenn wir das, was um uns ist, wirklich wahrnehmen und kennenlernen, werden wir es auch schätzen. Nur was wir kennen, können wir schätzen und lieben. Nur wenn wir ohne vorgefasste Meinung und übernommene Wertschätzung an die Dinge herangehen und wenn unsere Wahrnehmung frei und der Geist leer wird, ist unsere Wertschätzung weit und uneingeschränkt. Das öffnet eine neue Qualität des Erlebens. Was wir auf diese Weise wirklich und direkt wahrnehmen, werden wir auch zu schätzen wissen. Und was wir kennen, werden wir auch lieben. Und was wir lieben, macht uns glücklich.

Auszug aus dem inspirierenden Buch „Das Zen des glücklichen Wanderns – Im Gehen zu sich selbst finden“

Zwei erfahrene Meditationslehrer und Wanderführer Marcus Hillinger und Ermin Döll regen in zwölf kontemplativen Kapiteln durch einfache Übungen zum meditativen Gehen und Wandern an. Jeder und jede kann dies selbstständig in die Praxis umsetzen und dabei die heilsame Kraft des Gehens in der Natur erleben — ganz im eigenen Rhythmus und Tempo. Die Autoren zeigen, dass Wandern als Meditation im Gehen, jenseits von Leistungsdruck, zu Muße, Leichtigkeit, Achtsamkeit und innerer Ruhe führt. Mit kurzen Einleitungen und ausgewählten Fotos zur meditativen Einstimmung.

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