Mit allen Sinnen

Mit allen Sinnen

Stockfoto von WordSwag

Gestern erzählte mir eine Freundin, dass sie sich ein elektronisches Keyboard bestellt hat und jetzt Klavierspielen lernt. Da gibt es so einen Lehrer, sagte sie (jedenfalls habe ich es so verstanden), der hat eine ganz besondere Methode entwickelt:

Du erhältst ein paar spezielle, intensive Unterrichtsstunden und dann übst du täglich zehn Minuten – am Anfang „trocken“, also ganz ohne Ton. Das hat meine Freundin auch ganz brav getan, doch jetzt hat sie einen Punkt erreicht, an dem sie das tonlose Üben nur noch langweilt und frustriert. Je länger das Trockenspielen dauert, desto größer wird ihr Hunger auf Klänge, Töne, Musik.

Ich fand das eine vielsagende Geschichte, illustriert sie doch auch, wie stark die Sehnsucht nach Klängen, Farben, Empfindungen wird, wenn wir unsere Sinnesempfindungen eine Weile bewusst ausschalten.

Oder unbewusst – wie wir es so häufig tun!

In meinen Kursen wird mir immer wieder klar, dass die meisten von uns (ich eingeschlossen) in unserem Leben oft tagelang „trocken“ spielen, ohne es zu merken. Anscheinend neigen wir dazu, unsere Sinne regelmäßig „herunterzudimmen“ und auf automatisch zu schalten, wenn gerade keine besonderen Herausforderungen und Anregungen vorhanden sind, die uns aufwecken. Wir funktionieren in einer Art Blase, und alles, was das Leben an Klängen, Farben, Gerüchen, Düften, Bewegungen, Empfindungen und Berührungen bietet, gleitet großtenteils an uns ab.

Wenn man drüber nachdenkt, wird klar, dass das eine Vergeudung kostbarer Lebenszeit ist! Dabei braucht es nur eine Prise Bewusstsein und ab und zu eine kleine Übung, um das Leben wieder mehr auszukosten, mit allen Sinnen…

Eine Übung: Die Sinne wecken

Mit allen Sinnen

Foto: newslichter

Schritt 1:

Setze dich bequem hin. Schließe die Augen. Atme dreimal tief durch.
Stelle dir vor, du riechst frisch gebrühten Kaffee

Atme einmal tief durch (und schaue kurz auf diese Anleitung):
Schließe wieder die Augen und spüre eine milde Brise auf deiner Haut

Nun erlaube dir, auf dieselbe Weise die folgenden inneren Erfahrungen zu machen:

Du siehst die Farbe BLAU und sinkst in sie ein

Du hörst das Zwitschern der Vögel am frühen Morgen und spürst die Frische

Du schmeckst dein Frühstücks-Croissant (oder Müesli), und lässt dir Zeit zum Genießen

Du spürst auf deiner Haut, wie die milde Brise kühler und kräftiger wird und legst dir einen weichen Pashmina-Schal über die Schultern

Du hörst Blätterrascheln, dann die ersten, dicken Regentropfen auf dem Laubdach

Du riechst die Luft wenn es regnet…

Schritt 2:

Das war nur eine kleine Anregung, und wenn du dich wirklich auf diese kleine Übung eingelassen hast, merkst du sicher schon, dass deine Sinne etwas wacher geworden sind.

Hast du noch etwas Zeit?
Dann kannst du selbst weitermachen:
Lasse einen weiteren Sinneseindruck erscheinen, lasse ihn kurz wirken, und schreibe ihn dann auf.
Dann den nächsten.
Und den nächsten – Reihe für Reihe, so, wie ich es oben getan haben.
Denke daran, locker zwischen Hören, Schmecken, Sehen, Spüren, Riechen zu wechseln.

Schritt 3:

Das so entstandene Gedicht kannst ab und zu langsam lesen, und dabei üben, deine Sinne mehr einzubeziehen.
Du kannst es kunstvoll aufschreiben, illustrieren und verschenken.
Du kannst es „verschenken“, indem du es jemandem vorliest – und ihm/ihr die Zeit lässt, sich alles wirklich vorzustellen.

Du kannst eine Austausch-Aktion starten und zu zweit, viert, sechst spontan solche „Gedichte“ verfassen und einander langsam vorzulesen, als Anleitung zum Fühlen.

Du kannst die Übung als Einstieg in eine Malsitzung nutzen.
Oder als Einstieg in eine kreative Schreibsitzung.
Du kannst sie zur Entspannung verwenden (Funktioniert wunderbar)

Hier geht es zum aktuellen Kursprogramm von Paro Bolam

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Ein Kommentar zu “Mit allen Sinnen
  1. andrea sagt:

    ich glaube, dass das ausschalten der sinne, also das ‚in der blase leben‘ auch eine art schutzfunktion gegen die ständige überreizung durch zu starke sinneseindrücke ist (also z.b. den lärm von rasenmähern und motorsensen usw.) insofern sehe ich diese übungen auch als eine möglichkeit, um sich dann bewusst wieder zu öffnen. danke für die anregung!

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