Mitten im Leben sterben

Mitten im Leben sterben

Foto: Pixabay

Von Vera Bartholomay. Ich bin schon „gestorben“ – auch wenn ich noch lebe. Ich spreche nicht von einem Nahtod-Erlebnis. Ich spreche vom wiederholten Sterben mitten im Leben. Von Krisen und Umbrüchen, die nicht einfach weitere kleine oder größere Lebenskrisen waren, sondern bei denen ich das Gefühl hatte, ich sterbe ein Stück weit als die Person, die ich bis dahin war.

So etwas stellst du nicht mittendrin fest. Mittendrin ist nur Verzweiflung, Schmerz und Angst. Erst später, viel später, weißt du, dass du in diesem Moment, in dieser Lebensphase tatsächlich „gestorben“ bist. Ein großer, wichtiger Teil von dir ist aus deinem Leben getreten. Was dabei neu entsteht, weißt du noch lange nicht.

Nicht immer ist etwas im Außen geschehen. Nicht immer ist es für andere nachvollziehbar. Mal ist es aber ein Schock, eine Krankheit, ein schwerer Abschied. Es kann auch eine Geburt sein oder ein mystisches Erlebnis. Ein einschneidendes Lebensereignis, aus dem du verändert hervorgehst.

Danach gehst du auf zittrigen Beinen durch die Welt. Die Erde trägt dich noch nicht ganz zuverlässig, der Boden schwankt etwas. Du bist empfindlich und überreagierst, bist hautlos und so verletzbar. Du lernst die Struktur deines neuen Gewebes erst kennen.

Vieles ist verwirrend und unverständlich.

Dein Alltag kommt dir fremd vor. Alte Gewohnheiten haben an Freude und Farbe verloren. Es wird eine Weile dauern, bis du die neuen Farben wirklich sehen kannst. Für eine Weile ist Winter in dir. Du kannst nur hoffen, dass alles bereit liegt für das

Frühlingserwachen, das diesmal so strahlend und überwältigend sein wird wie nie zuvor.

Denn erst später, viel später, wirst du feststellen, dass du Dinge tust und sagst, die in dieser Intensität vorher nicht denkbar waren. Du bist vielleicht geradliniger, klarer, essentieller, tiefsinniger, unerbittlicher oder kämpferischer geworden. Du diskutierst vieles nicht mehr. Dein Weg ist jetzt klarer.

Mitten im Leben sterben

Vera Bartholomay

Zur Person: Vera Bartholomay ist Therapeutin und Lehrerin für die körpertherapeutische Methode Therapeutic Touch. Sie ist Autorin von „Heilsame Berührung – Therapeutic Touch“. Ihre Praxis befindet sich in Saarbrücken und sie unterrichtet seit vielen Jahren in Deutschland, Norwegen und in der Schweiz. www.therapeutic-touch-bartholomay.com

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6 Kommentare zu “Mitten im Leben sterben
  1. Imke Rosiejka sagt:

    Danke für diesen passenden und berührenden Beitrag, liebe Vera!

    Gerade heute Morgen (wir wissen ja alle, dass es keine Zufälle gibt) kommen mir deine, mein Herz bewegenden Worte genau zur rechten Zeit. Mir wackeln grad die Knie, weil meine berufliche Situation mich sehr herausfordert und ich schwanke, ob ich aushalten oder gehen, ob ich gegen Windmühlen kämpfen oder die Segel streichen soll.
    Da hilft es sehr, dass deine Worte mich an Phasen erinnern, in denen ich genauso gehadert und gekämpft habe … und dann schaue ich dankbar auf das, was aus diesen Momenten der scheinbar unüberwindbaren Schwere wunderbares gewachsen ist.

    Liebe Vera, ich danke dir von Herzen dafür, mich daran zu erinnern, dass sich alles fügen wird.

    Namasté
    Imke

    http://www.imke-rosiejka.de

  2. Saran sagt:

    Stimmt Vera: jede Krise=1 Chance! Nur, wenn Ich mittendrin stecke, tut es Weh. Danke. <3 <3

  3. Padma Ellen Hochrein sagt:

    Wunderbarer Text. Ja, wir brauchen keine Nahtoderfahrung um das Sterben zu üben. Fast täglich. Um uns zu erheben, zu erneuern und über all das Irdische Hinauszuwachsen.
    Danke, wunderschön.

  4. Regina Franzke sagt:

    Danke für diese so berührenden Zeilen …. Mir ist dadurch klar geworden dass ich schon drei Mal mitten im Leben gestorben bin
    ….und auch die letzten 2 Jahre so eine Phönix-Phase waren -diese stirb und wieder „Neu“werden
    Genau heute habe ich das Gefühl den Lichthauch am Ende Tunnels wahrzunehmen und zu sehen wie der Weg sich erhellt….

  5. Karin sagt:

    „Denn erst später, viel später, wirst du feststellen, dass du Dinge tust und sagst, die in dieser Intensität vorher nicht denkbar waren. Du bist vielleicht geradliniger, klarer, essentieller, tiefsinniger, unerbittlicher oder kämpferischer geworden. Du diskutierst vieles nicht mehr. Dein Weg ist jetzt klarer.“

    Ja….. genauso ist es bei mir.

  6. Vera Bartholomay sagt:

    Danke an euch alle für diese schönen Rückmeldungen zu meinem Text!

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