Muster des Friedensschaffens

Lesezeit 9 Minuten –

Wo lassen sich Erfahrungen, Geschichten, Praktiken finden, die dabei helfen können, friedlich miteinander umzugehen? Eine Spurensuche durch Zeit und Raum.von Matthias Fersterer, Tabea Heiligenstädt, erschienen in Ausgabe der OYA #70/2022 Frieden ist kein statischer Zustand, der irgendwann einmal erreicht sein wird. Diese Erkenntnis kam uns auf der Suche nach friedensstiftenden Praktiken. Ist »Frieden« dann vielleicht gar kein Substantiv? So wie »Commoning« den Prozess des Gemeinschaffens beschreibt, der ein Commons überhaupt erst und immer wieder neu hervorbringt, ist »friedenschaffen« ein Verb. Unsere Sprache birgt viele Beispiele für solche prozesshaften Friedensbeziehungen: Frieden stiften, Frieden pflegen, jemanden in Frieden lassen …

Angeregt durch die von Silke Helfrich beschriebenen »Muster des Gemeinschaffens«, haben wir in vielen Richtungen nach »Mustern friedensstiftender Praktiken« Ausschau gehalten. Wir wollten Geschichten sammeln, die erzählen, wie Frieden gesät und gepflegt werden kann. Frieden ist auch ein Weg. Damit dieser Weg nicht zuwuchert, müssen viele Menschen ihn gehen und pflegen. Auf dornenüberwachsenen Pfaden sind Menschen vonnöten, die dort Wege sehen und beschreiten, wo es scheinbar keine gibt. Die Vorstellungskraft auf dieses Pfadfinden zu lenken, kann ungeahnte Kräfte freisetzen und überraschende Wendungen herbeiführen.

As-salāmu ‘alaykum, der arabische Friedensgruß »Friede sei mit dir«, ist bei Begrüßungen und Verabschiedungen eine beständige Erinnerung daran, was wichtig ist. Wie der Landwirt und Literat Wendell Berry auf Seite 63 zitiert wird: »Was wir brauchen, ist da.« Es gibt also nichts, was uns davon abzuhalten bräuchte, zu-frieden zu sein.

Gabe und Aufgabe

In ihrer Arbeit verflicht die Pflanzenökologin Robin Wall Kimmerer ihre Perspektiven als Akademikerin, als Angehörige der Potawatomi, als Mutter und als Großmutter.

Ich träume von einer Welt, deren Sichtweise sich von Geschichten herleitet, die in den Offenbarungen der Wissenschaft wurzeln und in ein indigenes Weltbild eingebettet sind – Geschichten, in denen sowohl die Materie als auch der Geist zu Wort kommen. Wissenschaftler sind besonders gut darin, Erkenntnisse über das Leben anderer Arten zu gewinnen. Die Geschichten, die sie erzählen können, sprechen vom immanenten Wert des Lebens anderer Wesen, die in jeder Hinsicht so interessant, vielleicht sogar inter-essanter sind als der Homo sapiens. Doch obwohl Wissenschaftler die Intelligenz dieser anderen Arten besonders gut kennenlernen, scheinen viele von ihnen zu glauben, dass die Intelligenz, der sie begegnen, nur ihre eigene ist. Ihnen fehlt eine grundlegende Eigenschaft: Demut. Es bedarf der Demut, um von anderen Arten zu lernen. Im Weltbild der Indigenen stehen die Menschen in der Demokratie der Arten nicht an der Spitze. Wir werden die »jüngeren Brüder der Schöpfung« genannt und müssen wie jüngere Brüder von den älteren lernen. Die Pflanzen waren zuerst da und hatten lange Zeit, sich in der Welt zurechtzufinden. Sie leben sowohl über- wie unterirdisch und halten die Erde in ihrem Platz fest. Pflanzen wissen, wie man aus Luft und Wasser Nahrung macht. Sie ernähren nicht nur sich selber, sondern versorgen mit dem, was sie produzieren, auch noch alle anderen Arten. Sie sind Dienstleister für den Rest der Gemeinschaft und verkörpern beispielhaft die Tugend der Großzügigkeit, indem sie immer etwas zu essen anbieten. Was wäre, wenn die westlichen Wissenschaftler in den Pflanzen ihre Lehrer sehen würden, statt ihre Untertanen? Wenn sie Geschichten erzählen würden, die von dieser Sichtweise bestimmt sind?

Viele indigene Völker teilen die Auffassung, dass jeder von uns eine besondere Gabe, eine einzigartige Fähigkeit hat. Wie die Vögel den Gesang und die Sterne das Funkeln. Doch haben diese Gaben für sie eine doppelte Natur: Jede Gabe ist zugleich eine Verantwortung, eine Aufgabe. Wenn der Vogel die Gabe des Gesangs hat, ist es seine Aufgabe, den Tag mit Musik zu begrüßen. Es ist die Pflicht der Vögel zu singen, und wir übrigen empfangen ihren Gesang als Geschenk. Die Frage nach unserer Verantwortung ist vielleicht auch die Frage nach unserer Gabe. Und wie wir sie verwenden sollen. […] Die Dankbarkeit steht am Anfang, aber Dankbarkeit allein reicht nicht. Wir wissen, dass andere Wesen besondere Gaben haben, Fähigkeiten, die den Menschen fehlen. Sie können fliegen, bei Nacht sehen, mit ihren Krallen Bäume aufreißen, Ahornsirup machen. Was können die Menschen? Wir mögen keine Flügel oder Blätter besitzen, aber dafür haben wir Worte. Sprache ist unsere Gabe und Aufgabe. Ich bin zu dem Schluss gelangt, dass Schreiben ein Akt des Gebens und Nehmens gegenüber dem lebendigen Land ist. Mit Worten können wir an alte Geschichten erinnern und neue erzählen, Geschichten, die Wissenschaft und Geist wieder in Einklang bringen.

Aus: Geflochtenes Süßgras, Aufbau Verlag, 2021

Systemsprenger integrieren

2019 besuchte der Mohawk-Älteste Tom Porter einen Teil der Oya-Redaktion in Klein Jasedow. Im Gespräch mit Oya-Rat Claus Biegert erzählte er die Legende vom Friedensstifter, der Gründerfigur der Konföderation der Irokesen (Haudenosaunee), und dem Tadodaho, einer Widersacherfigur. Ganz anders als in dualistischen Traditionen gilt es diesen Systemsprenger im Weltbild der Haudenosaunee jedoch nicht zu bekämpfen, sondern zu heilen und zu integrieren.

Der Tadodaho wollte immer das letzte Wort haben. Seine Haut war schuppig wie die eines Fischs, seine Arme und Beine waren gekrümmt, sein Körper siebenfach gewunden. Weil es niemand mit ihm aushielt, lebte er allein in den Sümpfen. In seinem wirren Haar nisteten Klapperschlangen, die nach allen züngelten, die sich ihm näherten. Wölfe und Krähen waren seine Späher. Seine übersinnlichen Kräfte setzte er ein, um Wirbelstürme und Orkane heraufzubeschwören.

Als der Friedensstifter kam, ging er zuerst zu den Mohawk, die ihn schweren Prüfungen unterzogen – er bestand sie, und sie glaubten ihm. Dem Lauf der Sonne folgend, gingen sie mit dem Friedensstifter zu den Oneida, die sich leichter überzeugen ließen. Die Onondaga ließen sie aus, denn dort lebte der Tadodaho. Stattdessen gingen sie zu den Cayuga, die sich ihnen ebenfalls anschlossen. Da die Seneca nicht bereit waren, ihre Waffen niederzulegen, wurde ein Kompromiss gefunden: Bis heute haben sie zwei Anführer mit Kriegstitel. Wer immer aus der Irokesen-Liga als letzten Ausweg den Weg des Kriegs beschreiten möchte, muss zuvor diese beiden konsultieren – bis heute können nur diese das Tor zum Krieg öffnen, nachdem alle anderen Mittel ausgeschöpft worden sind. Auch die Seneca schlossen sich an. Gemeinsam waren sie nun bereit, dem Tadodaho gegenüberzutreten.

Als der Friedensstifter und die Delegierten [der damals fünf Nationen der Haudenosaunee] sich seinem Sumpf näherten, ließ er einen Wirbelsturm und hohe Wellen aufziehen. Der Friedensstifter beruhigte die Wellen, und es gab ein Kräftemessen zwischen ihm und dem Tadodaho. Am Sumpf angekommen, sagte der Friedensstifter: »Ihr müsst das ›Friedenslied‹ singen, ohne zu zweifeln und zu zögern. Wenn ihr standhaft weitersingt, dann hat der Tadodaho keine Macht über uns.« Singend schritten sie auf Tadodaho zu. Die Schlangen zischten und wanden sich, konnten ihnen aber nichts anhaben, weil sie fest zusammenstanden. Mit vereinten Kräften entfernte die Gruppe die Schuppen von der Haut des Tadodaho und heilte seine siebenfachen Windungen. Dann stimmten sie erneut das Friedenslied an. Die Schlangen fielen aus Tadodahos Haupt – und sie kämmten sein Haar. Nun sah er wieder menschlich aus, war jedoch noch immer ein Quertreiber. Da wendete der Friedensstifter einen psychologischen Trick an: Zahlenmäßig sind die Onondaga die kleinste Nation, dennoch versprach er ihnen die meisten Delegierten in der Konföderation. Zahlen sind jedoch bedeutungslos, wenn es um Gemeinstimmigkeit geht. Und weil der Tadodaho so daran gewöhnt war, immer den Ton anzugeben, ernannte der Friedensstifter ihn zum großen Feuerhüter, zum Tadodaho aller – zum damaligen Zeitpunkt: fünf – Nationen der Konföderation. Die Verfassung legt fest, dass alle Anführer gleich viel Macht haben, doch der Tadodaho ist ihr Oberhaupt – so ähnlich wie die Queen von England (und Kanada): Sie ist das Staatsoberhaupt, hat aber keine politische Macht. So ist es auch bis heute mit dem Tadodaho, und dem hatte er damals zugestimmt.

Aus: Frieden stiften und bewahren, Oya 54, 2019.

Warum Kompromisse schließen?

Für den Biologen und Philosophen Andreas Weber ist der Kompromiss nicht notwendig faul, sondern ein Grundmuster des Lebendigen. Eine wesentliche Voraussetzung für gelingende Kompromisse erkennt er in der Bereitschaft zu radikaler Ehrlichkeit.

Wir gehen heutzutage nicht zu viele, sondern zu wenige Kompromisse ein. Wenn wir im Konsens zu handeln versuchen, machen wir es oft falsch: Wir leiden an einem Geist des Schacherns und zeigen wenig Bereitschaft, wirkliche Änderungen zu erwägen. Das gilt für uns alle, besonders aber für unsere politische Kultur. Nicht die Zugeständnisse sind das Problem, sondern die Tatsache, dass sich hinter vielen Konsensabkommen, die Zusammenhandeln vortäuschen, in Wahrheit Gewalthandeln verbirgt. Heute haben Demagogen so viel Erfolg mit ihrer vorgeblichen Kompromiss-losigkeit, weil der Kompromiss ohnehin schon dahin ist, und nicht deshalb, weil wir zu viele davon machen. Fünfhundert Jahre Neuzeit im Westen, fünfhundert Jahre Ethos des Geldverdienens haben das Kompromiss-Machen gründlich vertrieben.

Wenn wir keine Kompromisse eingehen, stehen wir nicht in Beziehung. Und die Beziehungslosigkeit nimmt zu. Auch das ist eine Diagnose, die sich für unsere Zeit stellen lässt. Wir vermeiden Beziehungen, so gut es geht, weil sie das Projekt unseres Traums stören, uns für alle Unglücksfälle unantastbar zu machen. Aber Leben ohne Beziehung ist unmöglich. Kompromisse neu zu lernen heißt daher, an unserer Beziehungsfähigkeit zu arbeiten. Es ist der Versuch, lebendiger zu werden. Der Kompromiss wird dadurch zum Schlüssel einer neuen Lebenskunst.

Kompromisse schließen heißt nicht, zähneknirschend zweitbeste Lösungen zu akzeptieren, sondern das zu wählen, was mir etwas schenkt, weil ich selbst anderen gegenüber großzügig bin. Es steht außer Frage, dass nur Zusammenhandeln der Vielstimmigkeit und der Gemeinschaftlichkeit des Kosmos gerecht wird. Die Lebenskunst liegt darin, die natürliche Fließrichtung dieser Gemeinschaftlichkeit so zu unterstützen, dass das Gemeinsame nicht zu kurz kommt. Auch dieses ist nämlich Teil des Fließens und darf nicht einem Handel geopfert werden. Im Austarieren des Eigenen und des Gemeinschaftlichen, dieser beiden Dimensionen der Wirklichkeit, liegt die Kunst des Kompromisses.

Der Kompromiss ist etwas Aktives. Er ist kein Zurückstecken, sondern ein Handeln mit dem Ziel, in dieser Welt die Beziehungen zu intensivieren, damit alle etwas davon haben. Er ist keine Resignation und kein bloßes Durchhalten, sondern ein schöpferischer Akt. Ich muss dabei an die afroamerikanische Schriftstellerin Toni Morrison denken, die diese Umkehr, diese magische Aktivierung beschreibt, die möglich wird, wenn man nicht nur Besitzstände bewacht. Es ist der Moment, da man begreift, dass die eigentliche Freiheit nicht darin besteht, zu kontrollieren, ob einem auch ja nichts weggenommen wird, sondern darin, der Welt etwas hinzuzufügen. In solchen Momenten wird man mit Schönheit beschenkt, weil man aktiv zu ihr beiträgt. Morrison schreibt: »Schönheit war nicht einfach etwas, das es nur zu bestaunen galt, sie war etwas, das ich tun konnte.«

Warum also sollten wir Kompromisse schließen? – Weil sich nur das zu besitzen lohnt, was mehr wird, wenn wir es teilen.

Aus: Warum Kompromisse schließen? Dudenverlag, 2020.

Weitere Muster des Friedenschaffens in der aktuellen Ausgabe der OYA hier nachlesen.

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Gastbeitrag
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