Lass dich überraschen

Lesezeit 10 Minuten –

„Wenn wir unser Herz öffnen, um etwas Überraschendes hineinzulassen, wird uns immer klarer, wie viele Überraschungen jeder Tag enthält, und mit der Zeit erkennen wir, dass wir in einem Universum leben, das irgendwie zu uns spricht.“ Dieses Zitat und die Überschrift habe ich in einem Büchlein von Bruder David Steindl-Rast gefunden. Es trägt den Titel: Einladung zur Dankbarkeit und ist 2018 im Verlag Herder Freiburg in der Reihe >einfach leben< erschienen.

Die Überlegung, dass das Universum zu mir spricht, hatte ich bereits kurz zuvor in einer kleinen Publikation mit dem Titel „Begegnungen im Arnsberger Wald“ (Warstein, Selbstverlag, 1999) gelesen. Der Autor Pfarrer Dieter Froitzheim schreibt u.a. davon, was er von den Tannen gelernt hat. Er erklärt anhand verschiedener Naturbeobachtungen, dass „es keine großen äußeren Erlebnisse sind, sondern mehr verborgene, innere Erfahrungen, die zu einem vertieften Verständnis des Glaubens beitragen können.“

Nach dem Besuch im Herbst 2023 des Ausstellungsprojektes Das Brotbaumregime im Sauerland-Museum in Arnsberg, welches sehr vielschichtig die Sauerländer Waldkultur thematisiert, habe ich mir dazu Folgendes überlegt: Wenn wir, der Wald und ich, in einen Dialog eintreten, ereignet sich diese Begegnung meistens auf eine überraschende Weise. Wie sonst? Natürlich fangen die Bäume nicht an zu sprechen und die Vögel werden nicht die neuesten Nachrichten von den Dächern und Bäumen pfeifen. Es passiert! Es passiert irgendwie anders!

Zunächst sind da die äußeren Erlebnisse, die später zu inneren Erfahrungen werden. Das Beobachten der Natur und das Leben in der Natur sind die Schlüssel dazu. Meine Neugier möchte sachliche Fragen geklärt haben und ich frage nach der Expertise von Fachleuten, die sich mit dem Wald auskennen: „Welche Bäume wachsen angesichts der klimatischen Bedingungen in dieser Gegend? Führen die Bäche genügend Wasser nach der regenarmen Zeit? Welche Tiere kommen in diesem Wald vor?“ Solche Informationen erweitern mein biologisches und forstkundliches Wissen.

Doch bevor ich überhaupt nach tiefer gehenden Zusammenhängen fragen kann, muss ich viele kleine Dinge in möglicherweise unwichtigen oder unscheinbaren, banalen oder überraschenden Ereignissen erlebt haben. Auch ist es durchaus möglich, erst nach langer Zeit und mit Abstand zu einem Verstehen zu gelangen, eventuell ein „Aha-So-Ist-Das“ zu erleben. Irgendwann, so erkenne ich überraschend, hat das Universum irgendwie zu mir gesprochen. Dieses „Sprechen“ ist die Erkenntnis, aus emotionalen und sachlichen Erwägungen heraus die Welt zu verstehen, mir die Welt zu erklären.

Eine kleine liebenswerte Erinnerung aus meiner Kindheit kann mir jetzt etwas erklären.

Einmal an einem warmen Sommertag packte unsere Mutter eine Picknicktasche mit Limonade und Keksen für uns Kinder. Wir würden, sobald der Vater von der Arbeit nach Hause käme, noch einen Ausflug in den Wald machen. Es sollte bis zum „Fischeteich“ gehen und der Onkel mit den Cousins wären mit von der Partie. Obwohl es sich um eine Strecke von weniger als drei Kilometern handelte, war es für uns eine weite Reise und eine besondere Unternehmung. Und so war es dann auch! Am späten Nachmittag holperten wir im Mopedanhänger sitzend über die breiten Waldwege, wo sonst nur die großen Holzlader dicke Baumstämme transportierten. Wir kamen voller Erwartung auf Kekse und Limonade (oder war es Dunkelbier?) am eingezäunten „Fischeteich“ an. Nein, bevor wir die süßen Köstlichkeiten genießen konnten, legte unser Vater die begehrten Flaschen mit einem Band befestigt in den murmelnden Bach neben dem Waldweg. Uns Kinder führte er unter einige alte Buchen zu einem in sanftem Grün leuchtenden Moosteppich. An diesem Tag hatte sich unser Vater vorgenommen, frisches Moos für die Weihnachtskrippe zu suchen. Das würde bis Weihnachten noch gut in der Sonne trocknen können und dann neben all den anderen Gerüchen der Winterzeit Erinnerungen an einen schönen Sommertag ins Wohnzimmer bringen.

Wir Kinder liebten es unter den ausladenden Wurzeln der Buchen und angrenzenden Fichten unserer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Gärtchen bauen! Unserer Phantasie waren da keine Grenzen gesetzt. Aus trockenen Ästchen, Baumrindenstücken verschiedener Bäume, trockenen und frischen Blättern, verschiedenen Baumfrüchten wie Zapfen und Samen entstanden ökologisch und nachhaltig geprüfte Miniaturgärten, die jederzeit wieder Teil der Natur werden konnten. Und das einschließlich der kleinen Seen aus dem Silberpapier aus Vaters Zigarettenschachtel. Unser Vater hatte alles im Blick. Er sagte zum Schluss des Ausflugs sogar: „Pack’ die Staniolfolie wieder ein, die verrottet nicht.“ Die Zeit verging wie im Flug, und bevor überhaupt der Wunsch nach den Leckereien in den Sinn kam, stand Vater mit dem geernteten Moos neben dem Anhänger seines Mopeds. Picknickzeit! Jetzt konnten die ersehnten Flaschen aus dem Bach geholt werden und die kreativen Waldgartengestalter erfrischen. Auf dem warmen Moos sitzend tranken wir von der Natur gekühlte Limonade und aßen Kekse mit Schokoladencreme. Wo konnte es schöner sein …?

Rückblickend sehe ich diese vielen kleinen Erlebnisse als Erkenntnisschritte in einem großen Ganzen, spüre Dankbarkeit und Freude darüber. Im Blick auf das vorangestellte Zitat hat der Bach zu mir „gesprochen“: „Geh’ nur zuerst im Schatten der Bäume spielen! Lass’ Dich von den warmen Sonnenstrahlen kitzeln! Genieße die Zeit mit Deinen Geschwistern und Cousins! Ich kühle durch mein klares sauberes Wasser die Limonade, wie ich im Teich für die Fische sorge! Aus meiner Quelle fließt immer frisches Wasser. Siehst du die Stichlinge dort im Wasser?“ Bestimmt war das alles so, denn sonst würde ich mich heute nicht mehr an diesen besonderen Sommertag erinnern. Solche Erlebnisse sind in inneren Bildern gegenwärtig, die dann mit neuen Geschehnissen meinen Erfahrungshorizont erweitern.

Beim Stichwort WALD tauchen bei mir Ameisenhaufen, mäandernde Bäche, der rufende Kuckuck – gesehen habe ich ihn nie – spannende Geschichten aus Sagen und von Vorfahren auf, ein Blick in die dunklen dicht gepflanzten Fichten, die dicke 1000jährige Eiche hinter der letzten Straße am Waldrand, das Rufen des Hirsches aus der Ferne, das Knistern und Knacken im Dickicht oder der Ausblick in die Weite der Sauerländer Berge vom Stimm-Stamm her gesehen. Während meine Finger über die Tastatur gleiten fällt mir noch ein, dass ein selbst angesetzter Fichtennadelspitzensirup einmal sogar einen schrecklichen Husten gelindert hat. Ein Geschenk des Waldes!

All’ das und noch viel mehr sind Steine wie in einem Mosaik, um eine Landschaft, das Leben der belebten und unbelebten Natur kennenzulernen und zu erkunden. Als Gesamtbild formt es sich ständig neu. Ich erkenne mich als einen Teil der Natur in eben dieser Natur. Eigene Erfahrungen sind die Basis für weiteres, tieferes Verstehen.

Pfarrer Dieter Froitzheim fragt seine Zuhörer in seinem Predigttext, wie überhaupt die bildreiche Sprache der Bibel verstanden werden kann. „All das bleiben Worthülsen, wenn wir nicht aus eigener Anschauung wissen, was eine Quelle ist.“

Angesichts der jüngeren Waldgeschichte der Mittelgebirgslandschaften sind die massiven Kahlschläge durch das Absterben der Fichtenwälder erschreckend. Auch hier sprechen der Wald und seine Bewohner, sprechen die Bäume und Pflanzen, alle großen und kleinen Tiere, spricht das Wasser, sprechen die Steine und das gestirnte Firmament zu uns.

Brotbaumregime

Das Ausstellungsprojekt „Das Brotbaumregime“ in Arnsberg betrachtet den derzeitigen Zustand aus vielen Perspektiven. Eine vielseitig strukturierte Homepage www.brotbaumregime.info stellt regionale und globale Impulse vor, betrachtet den Wald in seinen unterschiedlichen Facetten als Wirtschaftsfaktor, Lebensraum, Inspirationsquelle etc. Es geht um Wandel und Wachstum in einer sich ständig neu schaffenden Welt. Deren Widerstandsfähigkeit (Resilienz) ist nur dann gegeben, wenn die bunte Vielfalt am Wegesrand gedeihen kann. Ich beziehe mich hier z.B. auf das sogenannte „Ackerrandstreifenprogramm“ welches bereits seit den 70er-Jahren zur Erhaltung der Artenvielfalt besteht. Was damals dringlich war, ist heute notwendig.

Umdenken und Rückbesinnen bedeuten manchmal einfach nur soviel: Ich habe mich beim Wandern verlaufen und suche einen neuen Weg. Warum nicht bis zur nächsten Wegkreuzung zurückgehen und von dort aus neu starten? Auch da spricht das Universum irgendwie zu uns. Wir gehen ja nie denselben Weg! Der griechische Philosoph Heraklit hatte beim Beobachten eines Flusses erkannt: „Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, denn alles fließt und nichts bleibt!“ Bunte Vielfalt am Wegesrand kann auch bedeuten, dass ich solche Meinungen wahrnehme und ernst nehme, die nicht dem Mainstream und allein wirtschaftlichen Berechnungen folgen. Die von mir besuchte Ausstellung erinnert zum Beispiel auch an Forstleute, die dem Mischwald eine längerfristige Zukunft versprachen und zeigt auf, dass die Fichtenmonokulturen nicht unumstritten waren. Die schnell wachsende Fichte bewährte sich zunächst als dominierender Rohstoff, der „das Brot“, den Lebensunterhalt, sicherte. So erklärt sich auch der Name Brotbaumregime.

Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die seit ihrer frühen Kindheit die Verbundenheit mit der Natur im Sauerland erleben durften. Im heimischen Garten, im nahegelegenen Wald und Feld konnte ich eine Einstellung von Dank und Respekt gegenüber der ganzen Schöpfung entwickeln. (so auch Kimmerer, R. W., Geflochtenes Süßgras, Berlin 4. Aufl. 2022). Solche Möglichkeiten können nicht nachgeholt werden, können aber in einer anderen Weise neu gemacht werden, wenn wir z.B. einige Elemente einer Ausstellung wie „Das Brotbaumregime“ vertiefen oder die Ausstellung „Wunder Wald“ im Sauerland-Museum (www.sauerland-museum.de) besuchen. Gerade jetzt kann bei Wanderungen beobachtet werden, wie sich die Natur wieder erneuert. Wir Menschen benötigen eine neuen Blick auf den Wald! Denn, was wären wir ohne den Wald?

Die Künstlerin Theresa Kampmeier sieht einen Lösungsansatz im „Wir“ der menschlichen Gesellschaft. Sie berichtet u.a. von einer fraktionsübergreifenden Resolution des Kreistages im Hochsauerlandkreis. Gemeinschaftliches Handeln ist auf allen Ebenen notwendig. „Die Aufgaben, vor denen wir gesellschaftlich stehen, erscheinen unfassbar groß. Aber wir müssen auf einem sinnvollen Weg anfangen. Das geht nur bei uns selbst.“ formuliert sie in einem informativen Begleitheft und auf der Homepage. Spannende Beiträge führen weiter und beschreiben konkrete Visionen für eine neue gemeinsame Zukunft aller Menschen, die dem Wald emotional verbunden sind. Sie bezeichnet Das Brotbaumregime als Experiment auf diesem Weg. Ihre Hoffnung drückt Theresa Kampmeier in Fragen aus: „Was passiert, wenn wir uns gegenseitig Fragen stellen, um einander besser zu verstehen? Was passiert, wenn wir miteinander teilen, was uns wehtut und wofür wir dankbar sind? Was passiert, wenn wir uns gegenseitig ermutigen? Was passiert,wenn wir unsere Ängste anerkennen und Verluste benennen? Was passiert, wenn wir Rituale finden, um darum zu trauern? Was passiert, wenn wir aus der Geschichte lernen, warum das gerade passiert?“ So lädt sie auch über das Projekt hinaus zu einer Fortsetzung und Vertiefung des begonnenen Dialogs ein und regt weitere Gespräche an.

Dieter Froitzheim lenkt seinen Blick beim Waldspaziergang in den frühen Morgenstunden auf die Tautropfen und beobachtet Überraschendes: „Auf dem Gras lagen kleine Kugeln wie aus Glas, am Farn, an der Distel, an verschiedenen Halmen hingen sie in unterschiedlichsten Größen – und wenn die Sonne auf sie schien, dann glänzten sie wie Perlen. Und je nachdem in welchem Winkel die Sonne schien und mit welchem Winkel ich auf die Tau-und Regentropfen schaute, leuchteten sie in allen Farben des Regenbogens.“

Ja, lass dich überraschen! Bruder David Steindl-Rast schreibt: „Ein Regenbogen ist immer eine Überraschung.“ Ich möchte hinzufügen: „Er ist eine Überraschung und ein Hoffnungszeichen!“

Ein Regenbogen zeigt sich in den kleinen schillernden Tautropfen, die in der Sonne leuchten und in einem großen strahlenden Farbbogen über dem Land. So spricht das Universum zu uns in seiner Sprache.

Und wenn du nicht glauben magst, dass das Universum zu uns spricht – kein Problem! Im Sauerland gibt es viele freundliche und aufgeschlossene Menschen. Für ein nettes Gespräch mit Dir haben sie immer Zeit!

Text: Gisela Schlothane-Minz, Oktober 2023
Fotos: aufgenommen in der Nähe von Meschede

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Gastbeitrag
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5 Kommentare

  1. Danke, liebe Marianne! Manchmal bin ich selbst überrascht, wie bunt und vielfältig diese inneren Bilder da sind. Sie zeigen mir, dass ich JETZT lebe!

    Danke, liebe Bettina für die Veröffentlichung bei den newslichtern. Ich habe eine Weile gezögert den Text zu schicken. Doch als meine Schwester, mir sagte, dass sie den Sommertag genauso erinnere, habe ich den Mut gefasst. Ich freue mich darüber!

  2. Ein Lesegenuss für mich und danke für die anschaulichen Erinnerungen, die Naturbeobachtungen und das nun „miteinander teilen“. Irgendwie und noch unerklärlich für mich erinnert mich deine wunderbar achtsame Art zu schreiben an das Buch „Im Überschwang“ von Hannelore Elsner. Herbstbunte Grüße, Paula

  3. Liebe Paula,
    wenn Du herbstbunte Grüße schickst, dann denke ich an Fredericks gesammelte Sonnenstrahlen und die bunten Farben die seine Freunde gesammelt haben. Vielen Dank für Deine freundlichen Zeilen. Es ist bestimmt die Aufgabe von uns allen, Farben und Sonnenstrahlen zu sammeln. Lassen wir uns weiter mit guten Nachrichten überraschen!
    Viele liebe Grüße!
    Gisela

  4. Die Natur hat noch nicht zu Dir gesprochen, Gisela. Du bist viel zu viel im Kopf und realistisch. Werde still, umarme einen Baum, Schließe Deine Augen und spüre. Vielleicht kommen Bilder oder Gefühle oder Worte. Ist eine Möglichkeit. <3 <3 <3

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