Baldrian Ernten

Lesezeit 3 Minuten –

Zum Vollmond war es so weit: Die kleine Silberelfe im großen Kräutergarten von Aditi hatte die meisten ihrer Blüten geöffnet und verströmte ihren mädchenhaften Duft. Nach der langen Hitze und Trockenperiode waren Gewitter gemeldet und ich musste mich sputen.

Die Darre war bereits gereinigt, die dreieinhalb Meter hohen Trockenschränke und all die Sieblagen für die Kräuterernte vorbereitet. So rief ich meine Freundinnen – und sie kamen am Vollmondmorgen, als der Himmel bereits mit schweren Wolken behangen war.

Wie jedes Jahr beginnt mit dem Baldrian die Erntezeit in den Kräutergärten auf Aditi. Und bei jeder Ernte gibt es ein inniges Gebet, eine stille Kontaktaufnahme der Erntenden mit dem Geist der Pflanze, die sich uns schenkt. Diesmal war es kurz, doch nicht weniger innig, denn die Wolken sammelten sich und die Pflanzen durften nicht benetzt werden.

So nahmen wir unsere Messer und Scheren, griffen die erste Pflanze, den kantigen, festen und saftigen Stängel der Baldrianpflanze, die uns um zwei Köpfe überragte. Die bizarren Blattrosetten raschelten unter unseren Füßen, die winzige Blütchen stoben um unsere Köpfe in die Stille der Ernte hinein. Stängel um Stängel wurde in die mit Baumwolltuch ausgekleideten Karren gelegt, Karre um Karre zu dem kleinen Holzhäuschen mit den Trockenschränken gefahren. Wie mit einer Hand arbeiten sechs Hände in einem Rhythmus, ganz natürlich, ohne Worte und in einem ruhigen Fluss verteilten sich die Aufgaben, wurden Bündel gereicht, wurde auf dem Schneidbrett die duftende Pflanze mit wenigen klaren Schnitten bereit für die Trocknung gemacht. Behutsam wurden die Blüten, Blätter und Stängel auf die Siebe verteilt, Hand in Hand hinauf gereicht zu den Händen auf der Leiter, die die Siebe in die Schränke schoben.

Das wundersame Wesen des Baldrian, das ich vor einiger Zeit in einem ausführlichen Pflanzenprofil beschrieb, legte seine warmen, feuchten, fließenden Gesten auf uns, nahm uns heraus aus der Form in das Strömen der Einheit.

So lernte ich den Baldrian in diesem Jahr noch einmal ganz anders kennen: Bisher war er einfach ein unglaublich sanftes Fahrzeug in die Entspannung, ins Träumen und in den Schlaf gewesen. Als lebende Pflanze, als Rohdroge, aus der ich mir einen Tee bereitete und besonders natürlich als das kostbare Reindestillat, das ich mir einfach nur auf die Zunge sprühte. Doch diesmal zeigte er mir auch die ganze Weite des Ozeans: Er führte uns drei Ernterinnen in eine Einheit mit sich, mit dem Land, mit allem, die so weich und fließend und selbstverständlich war, wie ich das selten bei Teamarbeit erlebt habe. Es war eigentlich keine Arbeit mehr. Es war ein Tanz im Wasser der Einheit, im Geist der Pflanzendeva des Baldrian.

***
Unter dem Namen Wild Natural Spirit baue ich die klassischen mitteleuropäischen Heilkräuter in Permakultur an auf einem Areal, das 55.000 Quadratmeter umfasst. Die Heilheit des Landes, das Aditi heißt, ist meine wichtigste Aufgabe. Und da diese Aufgabe meine ganze Kraft und Zeit fordert, decke ich meinen bescheidenen Lebensunterhalt vom Verkauf kostbarer Essenzen und Rohdrogen (Tees), die in reiner Handarbeit gewonnen wurden: Keine Maschinen auf dem Land, keine Häcksler, keine elektrische Trocknung. Eine Solardarre für das Erntegut, das ich auf der Erde knieend gesetzt, gejätet und geschnitten habe, zwei große Kupferdestillen auf offenem Feuer, in das ich körbeweise die unversehrten Pflanzen trage. Und weil dies alles auf Aditi so geschieht, wie es geschieht, entstehen pflanzliche Kostbarkeiten, die es in dieser Welt eigentlich gar nicht mehr gibt.

Sharing is caring 🧡
Evelin Rosenfeld
Evelin Rosenfeld

Nach einem Biochemiestudium und einem Wirtschaftsstudium arbeitete Evelin bis zu ihrem 33. Lebensjahr in der Wirtschaft. Was sie dort als M&A-Spezialistin in Ministerien und Vorständen sah, erschütterte ihre Ideale und ihre Idee von Gestaltung in den gegebenen Gesellschaftsstrukturen so sehr, dass sie „hinwarf“ und sich für Monate in den tropischen Dschungel zurückzog. Dort durchlief sie einen tiefen Transformationsprozess, den sie 2004 in einem Buch niederschrieb. Der Prozess diente ihr 15 Jahre lang als Leitfaden für ihre Arbeit als Beraterin und Coach. Parallel nahm sie vertiefte Studien zu den traditionellen Weisheitslehren auf und praktiziert diese bis heute. Sie lebt in Oberfranken auf einem Berg namens „Aditi“, hütet dort ausgedehnte Heilkräutergärten in Permakultur, deren kostbare Essenzen ihrer Firma Wild Natural Spirit zukommen. 2026 erschien ihr fünftes Buch: „Das Buch Aditi“. In begrenztem Rahmen steht sie weiterhin Menschen zur Verfügung, die nach seelenreichen Wegen und tieferer Einsicht suchen. www.evelinrosenfeld.de

7 Kommentare

  1. Dankeschön für den interessanten Artikel! Ich möchte dazu noch das homöopathische Mittel Valeriana officinalis erwähnen, das auch schon in niedrigen Potenzen tolle Heilwirkung zeigen kann 🙂

    • Danke für deinen Hinweis, liebe Parvati. Ich untersuche schon länger die Unterschiede zwischen Alchemie und Homöopathie, am Rand auch Bachblüten. Es geht – wie immer – um Schwingungen… Wobei dei Alchemie noch die Reinheit besonders betont. Alle drei verehre ich sehr !

  2. ….Danke, liebe Evelin🥰 ….Dein Leben und Wirken für und mit Aditi hat mich von Anfang an tief beeindruckt und ist mir leuchtendes Vorbild…besonders beachtenswert finde ich – für mich – Deine rein „Lärm- und Erschütterungsfreie“ Bearbeitungsweise…..wie fein gerade auch dadurch TiefenVerbindung zu den Mitlebewesen und umgebenden Räumen entstehen kann, dürfen auch wir seit 4 Jahren in unserem Garten erleben…..Danke für Dein Engagement und vorallem auch Dein langjähriges Drannbleiben….Danke für Dein großzügiges Teilen Deiner Erfahrungen……

    Von Herzen,
    Dagmar

    • Liebe Dagmar, und bei der Beobachtumg deiner kontinuierlichen, warmen und differenzierten Wertschätzung im Raum der Newslichter-Gemeinschaft finde ich meine Bewunderung und mein Vorbild. So kann es sein. Herzensgruß, Evelin

      • ….ja, schöööön- so will ich eben auf meine Weise hier beitragen, „etwas“ einbringen und zurückgeben an jene – von mir hochgeschätzte – „Newslichter-Gemeinschaft“…..Danke, daß Du mir Deine Beobachtungen rückmeldest 🌟 ⭐️

        Feines Ernten in der Energie der Neumondin 🌟 ✨️

  3. Liebe Evelin!
    Meine Haut jubiliert seit Jahren, weil ich sie mit deinen Destilaten verwöhne.
    Danke für dein Wirken und Teilen und für den Mut, deinen Weg zu gehen.

    Herzensgrüße
    Imke

    • Ja. Auch mein Herz jubiliert, wenn ich fast täglich sehen kann und gesagt bekomme, dass mein Dienst nicht nur Mutter Natur sondern auch den Menschen zugute komt. Herzensgruß, liebe Imke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wow, Du hast aber viel zu sagen!

Möchtest Du nicht lieber als AutorIn für uns schreiben?

Zum Kontaktformular