Die Metapher des Apfelbäumchens

Wir leben in einer Zeit voller Möglichkeiten. Spannend wird es für mich an einer ganz bestimmten Stelle: Wie viel von dem, was ich lebe, habe ich selbst gewählt? Oder noch einfacher: Lebe ich mein Leben oder werde ich gelebt?
Vor Jahren entwickelte ich das Bild vom Apfelbäumchen.
Das erste Apfelbäumchen steht still und ruhig. Tief verwurzelt in der Erde, im Einklang mit Sonne, Wind, Regen und den Jahreszeiten. Jahr für Jahr tut es, wofür es gekommen ist: Es macht Äpfel. Große, kleine, glatte, fleckige. Manche werden gepflückt, manche fallen zu Boden, werden von Tieren oder Menschen gegessen oder kehren in den natürlichen Kreislauf zurück. Das Bäumchen folgt seiner Natur. Es wächst, entfaltet sich und bringt das hervor, was in ihm angelegt ist. Es macht das, wofür es gekommen ist, es macht Äpfel.
Daneben steht ein zweites Apfelbäumchen. In seiner Krone ist ein goldener Apfel. Darunter trägt er verschiedene andere Äpfel. Der Sollte-Apfel seufzt jeden Morgen: „Ich sollte heute endlich anfangen, morgen reicht ja auch noch.” Der Wollte-Apfel ruft: „Ich wollte doch so viel erreichen …” Der Hätte-Apfel flüstert traurig: „Hätte ich mich anders entschieden, dann wäre alles besser geworden.” Der Ziemlich-Apfel sagt: „Ich bin ziemlich gut, nur, es geht noch besser. Ich warte noch.” Der Wenn-Apfel dreht sein ewiges Rad: „Wenn ich erst die Ausbildung fertig habe, wenn ich es perfekt kann, dann starte ich durch.” Der Vielleicht-Apfel zögert: „Vielleicht sollte ich noch warten. Vielleicht erfülle ich lieber die Erwartungen der anderen.” Der Man-Apfel verkündet: „Man macht das so. In der Masse ist es sicher.” Der Eigentlich-Apfel seufzt: „Eigentlich bin ich doch die Beste, ich kann so viel, ich habe so viel zu geben und keiner sieht es.“ Der Aber-Apfel quakt dagegen „Ach hör doch auf. Schau doch, da oben, da ist der Gold-Apfel. Gegen den kommst du nie an.“
Über ihnen glänzt der goldene Apfel. Er verkörpert das Ideal, noch schöner, noch erfolgreicher, noch perfekter und unerreichbar. Die anderen Äpfel schauen zu ihm hinauf und vergleichen sich. So hängt dieses zweite Apfelbäumchen voller Gedanken, Vorstellungen und Erwartungen. Beschäftigt mit all den Stimmen, vergisst es, wofür es gekommen ist.
Wörter wie sollte, müsste, eigentlich, vielleicht, wenn, aber, man oder ziemlich gehören zu unserem normalen Wortschatz. Welche davon benutzt du täglich?
Die entscheidende Frage lautet für mich: Was möchte durch dich gelebt werden?
Welche Früchte möchtest du in die Welt bringen?
Wofür entscheidest du dich?




