Über der dunklen Wolke tanzen

Lesezeit 5 Minuten –

Gerade bin ich zurück aus meinem alten Mutterland, Thailand. Und wie ich mir das bei meiner Abreise in Bangkok gewünscht habe, bin ich noch einmal mit einer schneeweißen Aditi beschenkt worden. Es ist so herrlich, in dieser hellen, weißen, reinen Weite sein zu dürfen. Trotz der Kälte, trotz der Blattlosigkeit der Bäume, trotz des oft verhangenen Himmels schenkt der Schnee der Landschaft ganz eigene Klänge und Gerüche und Bilder.

Und in dieser knirschenden, knisternden Stille, eine Tasse Tee von der Krausen Minze an der Seite, schreibe ich einmal mehr über die besondere Art dieser mentholfreien Minze.

Ich tue das, weil mir so eklatant deutlich wurde beim Wechsel zwischen Asien und Europa, wie mächtig die Wirkung des Kollektivs ist – und wie unterschiedlich in den beiden Feldern.

Die Enthüllungen, Ereignisse, Fragestellungen und Herausforderungen dürften global wohl sehr ähnlich sein. Es sind massive Störungen im menschlichen Kollektiv, die nun aufbrechen und nach Lösungen fordern. Und doch fühlt sich ein und derselbe Vorgang in Europa ganz anders an als in Asien.

Ich führe das auf das „kollektive Gemüt“ der jeweiligen Lebensräume zurück, auf die Art, wie mit den Aufs und Abs des Lebens umgegangen wird. Und ganz klar entspricht mir hier der buddhistische Gleichmut, die schlichte Lebenshandhabung und bescheidene Präsenz in Asien mehr, als die Aufregung, die Analyse, die Dringlichkeit in Europa.

Als ich – gereinigt vom Drama des Beurteilens und aufgeladen mit der Sanftheit des Soseins – den Rückweg nach Deutschland antrat, nahm ich mir vor, diese asiatische Haltung zu bewahren und fragte mich, ob es in meinem Garten einen Spirit gibt, der mich darin unterstützen kann.

Es musste ein Wesen sein, das zu durchlässig ist, als das es Schwere und Dichte halten kann, ein Charakter, der in Bewegung bleibt, spielerisch, ungerichtet, leicht.
Es musste ein Kraut sein, das sowohl das Fließen (Wasserenergie nach TCM) als auch das Anheben und Ausdehnen (Holz/Windenergie nach TCM) fördert – mit Geschmack, Duft und Haptik…

Im Geiste wanderte ich schon in Bangkok durch Aditis Kräutergärten. Als ich dann wieder auf Aditi angekommen war, folgte ich den Pfaden zu den Heilpflanzen.
Ich suchte zunächst die Heilkräuter auf, die eine ausgeprägte Neigung haben, das Wasserelement anzusprechen.
Meine geliebte Schafgarbe stand mit vorjährigen Stängeln im Feld und verströmte ihre süße Hingabe. So zart und doch so differenziert hielt sie die Liebe zum Feinstofflichen, die Leichtigkeit der Demut hoch und umwebte mich – mitten im Winter – mit ihrem herb-süßen Duft. Ich war sehr berührt und genoss die Präsenz der kleinen Priesterin. Doch letztlich war es ihr Duft, der mir anzeigte, dass ich mehr Auflösung, mehr Fließen brauchte.

So ging ich weiter zum Baldrian. Sorgfältig geschnitten und neu ausgetrieben saßen die von der Kälte rot verfärbten Rosetten nah am Boden, luden mich ein, der Erde näher zu kommen, hineinzusinken mit ihnen in die schlafende Mutter. Stark war die Verlockung, unendlich wohltuend und sanft seine Einladung. Fast wäre ich gefolgt in die tiefen, dunklen Gefilde des Meeres, des Traums, als der durchdringend herbe Geschmack seiner Blüten mich wachrüttelte: Nein, das war es nicht. Ich brauchte den erhebenden Tanz, die Leichtigkeit des Seins, die Wandlungsfähigkeit und sanfte Bewegung im Wind. Nun also, mehr in Richtung Holzenergie.

Also auf in den Minzegarten.
Schon am Tor wallte mir der Duft der Wasserminze entgegen, umfasste mich, erhob mich hinauf in geistige, lichte Gefilde. Wie wunderbar belebend und reinigend dieser Duft. Wie stärkend die Präsenz der Wasserminze. Doch für mein Verlangen viel zu viel Substanz, viel zu sehr verkörpert und tatkräftig.

Da erreichte mich ein leichter Hauch an meiner rechten Seite. Ein Hauch von Pfeffer – oder nein, doch von Menthol ? Oder Zitrone ? Etwas Erde auch ….

Mein Blick viel auf die kleine Fläche der Krauseminze. Dort schlief sie unter dicht zusammengefalteten Röschen, ganz nah an die Erde gekuschelt – und über die Kindernester erhoben sich noch die verbliebenen Stängel der getrockneten Mutterpflanzen: Bizarr gebogen und gedreht – tatsächlich: Sie tanzten. Ganz ungleichmäßig in Höhe und Form ungeordnet stehen geblieben beim Schnitt. Ja, das war die Qualität, die ich suchte. Die Krauseminze hatte das Vermögen, sich immer wieder herauszutanzen aus dem Festen, immer wieder das Sinken zu überkommen und den Raum auszudehnen. Sie würde mir helfen, Geist und Herz über der dunklen, schweren Wolke des europäischen Kollektivs zu halten und den Raum der Einfachheit, der Präsenz und Genügsamkeit zu bewahren.

Krause Minze Foto: Evelin Rosenfeld

Ich grub ein Röschen aus und setzte es am Haus in einen kleinen Topf, den ich mit hereinnahm. Sie steht gerade hier vor mir auf meinem Schreibtisch und beginnt sich zu räkeln in der unverhofften Wärme des Hauses. Dann ging ich hinunter ins Lager, nahm mir ein Fläschchen „Das Beste der Krausen Minze“ und einen großen Beutel getrocknete Krause Minze. Ausgerüstet mit diesen Schätzen kochte ich mir einen Tee und sprühte mir das Destillat erst auf die Stirn, dann auf die Zunge, dann auf die Innenseite des Handgelenks und die Handflächen.

Sofort atmete jede Zelle in mir aus.
Ein leises Kribbeln in Bauch und Herz, ein Lächeln im Gesicht, der herrliche Geschmack auf der Zunge.

Wunderbar.
So kann ich in der Leichtigkeit des Seins verweilen, bis auch meine europäischen Mitwesen wieder der warmen Sonne zulachen und über die blühenden Wiesen tanzen.

Wenn Du mehr zu Ökologie, Pharmakologie und Verwendung der Krause Minze oder Mentha spicata crispa spicata erfahren willst, lies das Pflanzenprofil

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Evelin Rosenfeld
Evelin Rosenfeld

Unter der Marke „Wild Natural Spirit“ gedeihen Kräutergärten in Oberfranken, die vollkommen ohne Maschinen und in reiner Kreislaufwirtschaft (Permakultur) gepflegt werden. Hieraus kommen die von Hand geernteten und solar getrockneten Blüten- und Kräutertees und vor allem die kostbaren Reindestillate, die sowohl innerlich wie auch zur schonenden Gesichtspflege verwendet werden können. Während der Blühsaison gibt es auf dem wundervollen Berg „Aditi“ Seminare zu Permakultur, Destillation und Kräuterwissen wie auch die Einladung, an den Blütenernten mitzuwirken. https://wild-natural-spirit.org/

5 Kommentare

  1. Ganz spontan eine Frage..meine Tochter schreibt in 14 Tagen das erste Staatsexamen in Jura.. was würde erden, entschlossen machen , einen kühlen Kopf behalten und messerscharf denken lassen- gleichzeitig stärken und schützen…

    Beste Grüße

    • Liebe Claudia, in der TCM ist vor allem die Wandlungsphase des Metallelements förderlich für Konzentration, Klarheit und Struktur. Übersetzt in die Reindestillate also Sonnenhut oder Salbei. Viel Erfolg beim Examen !

  2. Das ist ein sehr sehr schöner Artukel. Du hast eh meine Hochachtung, eine so große Fläche allein zu bewirtschaften. Permakultur bedeutet ja nicht, daß es komplett ohne Arbeit geht. Und auch die Persönlichkeiten der einzelnen Pflanzen bringst du gut rüber. Ich freu mich auch über jede einzelne Pflanze in meinem Garten, wirkluch jede einzele Porreestange oder jeden Grünkohl. Und wähle auch aus, welche zur Vermehrung stehen bleibt (ist bei Stauden ja etwas anders). Und freue mich über die Insekten ,die kommen. Wir wohnen hier in einer totalen Intensivlandwirtschaftgegend. Wie groß war daher letztes Jahr die Freude, ein Taubenschwänzchen gesehen zu haben! Ist bei dir sicher keine so große Seltenheit.

    • Liebe Sabine, Danke Dir für die Liebe, die Du in deinen Garten bringst und die wachen Augen, mit denen Du ihn betrachtest. Die Liebe zählt und ist um so viel stärker als Ignoranz.
      Und ja: Ich dachte mir erst gestern bei der Zubereitung des Abendessens, wie kostbar die Zutaten sind. Was alles geschehen sein muss, damit ich eine saftige Rote Bete und einen Teller voll Hirse vor mir habe. Ein weiterer Hinweis darauf, adss unser Preis- und Geldsystem überhaupt nicht mehr stimmt… Ich bin so dankbar für jeden einzelnen Lebensimpuls, den Mutter Erde und Vater Himmel hervorbringen.

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