Kleine Drachenkunde 2: Der Kontrolldrache4 min read

Foto: Paro Bolam
Foto: Paro Bolam

Jeder kennt ihn, beim Malen und im Leben, und sogar Picasso lässt sich über die penetrante Stimme aus, die ihm vorzuschreiben versucht, wie er den nächsten Strich machen soll. “Dann wird der Pinsel bleischwer”, beschreibt er solche Momente…

Der Kontrolldrache treibt sich bevorzugt in Malräumen und Ateliers herum – so kommt es uns Malern jedenfalls oft vor. Dort beurteilt er jeden noch so kleinen Strich, jede Farbe, jeden Ausdruck.
Er vergleicht unser Bild mit denen der anderen Kurteilnehmer, mit den Werken berühmter Künstler, mit unseren eigenen Vorstellungen von Perfektion (die eigentlich seine Vorstellungen sind!). Er hat zu allem eine Meinung und weiß, wie ein gutes, richtige Bild aussieht: Nicht so wie das, was wir gerade malen!

Der Kontrolldrache in Aktion
“Das kannst du nicht machen”, sagt er, als ich gerade eine von blaugrünen Strahlen umkränzte Frau gemalt habe und jetzt dringend eine rosa Blüte darunter malen will, weil es sich so stimmig anfühlt.

“Rosa ist zu stark, und so eine Blüte sieht aus wie ein Lotos, das ist platt und esoterisch. Mach lieber was Unerwartetes, was Dunkelblaues.”
Ich zögere. Hat er vielleicht Recht?
(Das schafft er immer wieder: Uns das Gefühl zu geben, unser erster Impuls sei zu platt, banal, zu hässlich oder zu hübsch, nicht in Balance oder zu balanciert und ausgeglichen, zu brav oder zu wild, zu irgendwas.. Und wir schwanken, verlieren unsere Sicherheit und beginnen auf ihn zu hören).
Meistens merke ich aber schnell, was passiert, und so traue mich trotz seiner Ermahnungen, die rosa Blüte zu malen. Er findet sie natürlich zu groß.

Es braucht Mut, sich davon nicht beeinflussen zu lassen.
Mut zur eigenen Wahrnehmung. Mut zu dem, was direkt aus der Quelle kommt,
was wach macht, was das Herz weckt, was zum Lächeln bringt.

Als die rosa Blüte enstanden ist, taucht der starke Wunsch nach Orange auf – und ich gebe ihm nach, obwohl der Drache mir dringend dazu rät, eine neutralere Farbe zu verwenden.

Der Kontrolldrache ist entsetzt. “Totale Imbalance”, sagt er, “das musst du jetzt alles ausgleichen! Und auch noch so schrecklich ausgeführt. So unbeholfen und brav! Fang am besten ein neues Bild an, dieses ist komplett verhunzt!”

Ich lasse ihn reden und denke voller Freude an die nächste Malsitzung: Tatsächlich habe ich keine Ahnung, wie es weitergehen könnte.
Das Bild besteht aus Widersprüchen, das ist spannend und dynamisch. Aber es ruft auch nach einem ganz spezifischen Ausdruck, und ich weiß noch nicht, wonach genau.

Da ich die Anregungen des Kontrolldrachen garantiert nicht beherzigen werde (alles, was er vorschlägt, bringt mich zum Gähnen), bleibt mir gar nichts anderes übrig, als zu vertrauen, dass meine Lust, meine Malfreude, meine Intuition zu mir sprechen werden, wenn es soweit ist.

Und das tun sie immer – ich muss nur lauschen!

Zum Abschluss ein Ausschnitt aus der Mail einer Kursteilnehmerin, Manuela:
„Ich war vor kurzer Zeit auf einem “normalen” Maltag. Also auf Leinwand und mit dem Thema: “Rost”
Sonst bin ich immer unsicher, neue Leute, neue Herausforderungen, bessere Teilnehmer…
Dieses Mal spürte ich die Lust am einfachen Malen, einfach drauflos, was entsteht?, was ergibt sich? Es war unwichtig, ob die anderen besser malen.
War eine neue Erfahrung und ließ mich spüren, dass wieder ein Schritt zu mir getan ist. Pure Freude.“

Das wünsch ich uns allen, mehr und mehr!

Hintergrund: Um zu erklären, wie Blockaden beim Malen entstehen und wie man sie lösen kann, nutzt meine Lehrerin Michele Cassou gerne das Bild von den drei Drachen: Der Bedeutungsdrache, der Kontrolldrache und der Ergebnisdrache. Jeder dieser Drachen steht für eine Möglichkeit, wie wir uns selbst beim Malen behindern, unter Druck setzen, verirren, und dadurch aus dem Fluss kommen.

ParorechtswMehr über Paro: In ihrem aktuellen Buch „Love to create – Befreie den Künstler in dir!“ lässt Paro, die selbst jahrzehntelang als Künstlerin, Lehrerin und Erforscherin kreativer Prozesse tätig ist, die Leser an ihren eigenen hinzugewonnenen Erkenntnissen und Erfahrungen teilhaben und ergänzt diese durch Berichte ihrer KursteilnehmerInnen. So vermittelt sie nicht nur ein tieferes Verständnis von kreativen Prozessen, sondern erklärt auch die Entstehung und Überwindung von künstlerischen Blockaden. Die Prinzipien kreativer Prozesse sind immer gleich, aber wie sie erlebt und genutzt werden können, ist zutiefst individuell. Mehr über aktuelle Workshops mit Paro hier.

Sharing is caring 🧡

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert