Spürend verfühlstehen

Lesezeit 3 Minuten –

Mich haben die Reaktionen auf meinen Artikel Raumverwaltung bewegt und sie haben mehrere Fragen in mein Feld gebracht. Fragen über das lesende Zuhören, über das zuhörende Lesen, über Wegsehen und Hinsehen, Egoismus, Verdrehung, Mitgefühl, Neutralität. Über das Lesen durch die Brille der eigenen Geschichte, über das Negieren des Themas dahinter, über das Festhalten an den Worten, über Emotionen und über das Menschsein.

In unserem Körper dürfen wir Erfahrungen machen und diese Erlebnisse erzählen, denn wir wachsen an den erzählten Erlebnissen unserer Mitmenschen, weil sie in Resonanz mit uns gehen und wir uns etwas daraus für unser Leben mitnehmen oder auch nicht.

Es hat mich verwundert, was aus der neutralen Erzählung meines Erlebnisses gemacht wurde. Und das darf sein. Jeder liest durch seine Brille. Allerdings bin ich mir ein bisschen wie auf Social Media vorgekommen, nur respektvoller, wo es oft nicht um den Beitrag (Ich habe Gemüse zu verkaufen, wer möchte – Mein Tier sucht einen neuen Platz – Ich brauche einen neuen Job) und seine Fakten geht, sondern um das dahinter des jeweiligen Lesers. Um seine Geschichte und die Geschichten darum herum, die sein Verstand dazu erfindet. Da wird hineininterpretiert, dass die Kirschen zu teuer sind (weil es für einen selbst möglicherweise außerhalb des Budgets liegt). Da wird eine Pferdehalterin beschimpft, weil sie nach einem Schicksalsschlag ihr Pferd abgeben muss (weil man lieber selbst ums nackte Überleben kämpft, bevor ein guter Platz für das Pferd gesucht wird und es damit für alle leichter wird). Da wird auf einem rumgetrampelt, weil nur Teilzeit gearbeitet werden will (weil man selbst in der Überforderung steckt in seinem unbefriedigenden Vollzeit-Job).

Warum?

Weil es uns ablenkt, von dem eigentlichen Thema, das wir in uns nicht ansehen und spürend verfühlstehen wollen.

Es werden ein oder mehrere Themen nebenbei aufgemacht, die wenig bis nichts mit dem Originalbeitrag zu tun haben. Und das ist in Ordnung. Und dennoch ist es wenig dienlich für ein Miteinander, wenn wir ablenken, weil wir uns weigern, die Botschaft des Senders in diesem Text zu hören.

Und dabei ist es egal, ob es sich um Obst und Gemüse zu verkaufen, um die Abgabe eines Tieres, die Suche nach einem neuen Job oder einen Artikel über Raumverwaltung oder das Gespräch mit dem Partner, der Nachbarin und dem Chef dreht.

Wann haben wir aufgehört, unsere Mitmenschen und deren Erlebnisse wahrhaftig zu hören und spürend zu verfühlstehen und Raum zu geben, damit das Gesagte wirken kann? In uns und im anderen.

Mich inklusive hat der Großteil der Menschen das wohl nie gelernt, denn wenn wir anderen Menschen den Raum geben und uns berühren lassen, werden wir verletzlich. Wir müssen unsere Themen ansehen. Ich habe es mir beigebracht und weiß, dass die Reaktionen, Kommentare und Handlungen durch die Brille meiner Mitmenschen sprechen. Sie erzählt von dessen Erleben, von dessen Geschichten im Kopf. Und diese Geschichten sind oft erfundene Konstrukte, die diese Brille sieht und erschafft, um zu schützen vor dem, was im eigenen Leben ungesehen bleiben will.

In meinem erzählten Erlebnis ging es um die Überschreitung des persönlichen Raums von Lebewesen, um das Akzeptieren eines Nein. Mich fasziniert immer noch, was daraus in den Kommentaren geworden ist.

Sharing is caring 🧡
Svenja Yvonne Reithner
Svenja Yvonne Reithner

Ich erschaffe Räume des Erlebens, in denen du deine Lebendigkeit auf körperlicher,geistiger und seelischer Ebene wiederentdecken kannst und herausfindest, was es für dich bedeutet, lebendig Mensch zu sein. Diese Räume sind leise, laut lachend, meditativ, kreativ, Natur- und Tierverbunden und ermöglichen dir, dich als Mensch zu erden und dich mit deiner Seele und dem Leben zu verbinden. https://www.lebendigmenschsein.jetzt

10 Kommentare

  1. mir eröffnen diese 2 Texte unglaublich viel Verstehen und Augen öffnen – Danke und spürend verfühlstenend 😌 Regina

  2. Liebe Svenja,
    vielen lieben Dank für diesen Text, der mir so sehr aus der Seele spricht und in dem ich mich sehr wiederfinden kann. Er erinnert mich an das Zitat: „Das, was du über mich denkst, bin nicht ich, das bist du.“ Das ist ein großes Thema, das mich seit einigen Jahren begleitet und an das ich mich in so manchen Situationen immer wieder selbst erinnern muss, denn auch ich habe viel zu oft diese Brille auf. Dein Text hat mir das nochmal gezeigt und dafür bin ich sehr dankbar.
    Ganz herzliche und verfühlstehende Grüße
    Nadja

  3. Liebe Svenja, Deine Erzählung war nicht neutral. Jedenfalls nicht so wie eine Stellenanzeige oder ein Verkaufsangebot. Es schwang viel Empörung und Fassungslosigkeit mit – und das ist völlig in Ordnung, denn das waren Deine Empfindungen und die Erzählung war ja auch genau so gemeint, denke ich. Die Reaktionen darauf wundern mich von daher überhaupt nicht. Aber ist es nicht gut, wenn sich so viele Menschen anhand dieses Artikels Gedanken über Grenzen gemacht haben – und ja, auch, dass einige versucht haben, sich in die „andere Seite“ einzufühlen?

  4. Meine spontane Reaktion auf die Kommentare und den neuen Text von Yvonne zu den Kommentaren war: „Was für ein erfrischender Wind auf dieser Plattform“. Es ist ungewöhnlich, dass sich auf einen Erlebnistext hin so eine Diskussion entfaltet. Ich habe die Kommentare nicht abwertend oder als Fehlinterpretation empfunden, sondern, wie es im obigen Text beschrieben ist, als Ausdruck verschiedener Lesarten von ebenso verschiedenen Menschen. Und, auch wie auch oben beschrieben, als Impuls für weitere Fragen und Gedanken.
    In diesem Sinne möchte ich sagen: Danke liebe Yvonne, für den Mut, Dich mit Deiner Auseinandersetzung zu zeigen und Danke liebe Kommentatorinnen, für den Mut, Euch mit Eurer Lesart zu zeigen. So ein kleiner Diskurs verbindet aus meiner Sicht wunderbar die mit Weisheit und Achtsamkeit gesetzten Texte mit unserem ganz geerdeten menschlichen Sein. Wenn sich das zeigen kann ohne abgewertet zu werden, ist es wunderbar. Mit herzlichen Grüßen Bettina

  5. Liebe Svenja, danke für deine Verfühlsteh-Stellungnahme zum eigenen Text-Anliegen ;-)… klingt wie eine komplexe Angelegenheit…;-)).
    Meine Erfahrung ist:
    je offener eine Geschichte – und gute Geschichten lassen manches offen – desto mehr Projektions- und Identifikations-Möglichkeiten eröffnen sich für das Lesepublikum.
    Schön! – ich freu mich für dich, dass du so viel Resonanz-Raum ermöglicht und Feedback erhalten hast.

    Wahrscheinlich geht’s beim Veröffentlichen von Gedanken (Erleben, Gefühlen…) u.a. um den Wunsch, gehört zu werden, wahrgenommen, verstanden…
    Manchmal, ja manchmal gehts vielleicht auch ums Rechthaben.

  6. Liebe Svenja, liebe alle,
    danke für Deinen neuen Artikel und Deine Gedanken Svenja. Ich empfinde wie Bettina: Ich war erleichtert und froh, dass hier ein wirklicher Austausch möglich ist; das die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Empfindungen mitgeteilt werden durften, ohne das es eine Position gab‘, die weniger gewürdigt wurde. Das ist für mich genau das Gegenteil von Facebook & Co. Ausserdem zeigt es doch, dass die Menschen (hier bei den Newslichtern) Deinen ersten Artikel wirklich gelesen haben, ihn gefühlt haben und sich damit auseinandergesetzt haben. Er hat etwas ausgelöst (eben weil er nicht neutral war, sondern Ladung hatte)…Reflexion, Debatte… und das ist doch gut. Oder? Das empfinde ich persönlich als wesentlich wertvoller als ein schnell gepostetes ‚like‘ oder ein Herzchen Emoji. Mit Dank an Dich Svenja und alle Kommentatorinnen. Einen schönen Samstag wünscht Euch, Katrin

  7. Liebes „Newslichter“-Team, liebe „Newslichter“-Partner*innen und Gastautorinnen –

    bitte stellt am Ende Eurer hier veröffentlichten Texte klar, ob über die Kommentarfunktion ein Gedankenaustausch dazu mit uns Lesenden gewünscht wird oder nicht.
    Das fände ich sehr hilfreich hinsichtlich einer achtsamen „Raumverwaltung“ in beide Richtungen.

    Herzlichen Dank und herzliche Grüße,
    Dagmar

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