Kleine Drachenkunde: Trio Infernale

Foto: Paro Bolam

Foto: Paro Bolam

Zum Abschluss des Drachen- themas habe ich sie noch einmal alle drei eingeladen, den Bedeutungs-, den Kontroll-, und den Ergebnisdrachen. Sie fanden das befremdlich, um es mal mild auszudrücken. Normalerweise werden sie nie eingeladen.

Sie sind zu Recht nicht erwünscht und müssen sich deshalb bei uns einschleichen, aufdrängen, einmischen. Meistens schlagen sie dann aus dem Hinterhalt zu, verbergen sich im Unterbewussten oder verkleiden sich als hilfreiche Geister. Und mit ihren Einflüsterungen können sie uns jede Freude vergällen – und sie in Druck und Anspannung verwandeln.

Das ist nicht schön.
Doch am Druck und an der Anspannung können wir auch erkennen, dass sie gerade am Werk sind!
So, wie eine Erkältung mit Schnupfen und eine Migräne mit Kopfweh einhergeht, sind die Drachen meistens von einem (oder allen) der folgenden Symptome begleitet: Enge, Anspannung, Verwirrung, Scham, Unsicherheit, Hektik, Druck, Verzagtheit, Selbstzweifel, übersteigerte Selbstkritik.
Mit anderen Worten, wenn wir diese oder ähnliche Symptome bemerken, holen wir unseren Drachen-Peilsender heraus und spüren sie auf. Und da sitzen oder stehen oder wabern sie dann und versuchen uns mit allen Tricks zu überzeugen, dass wir unbedingt auf sie hören sollten.

“Ich will doch nur, dass das Bild (die Aufgabe, der Ausflug, dein Leben) etwas wird. Es soll doch gelingen. Und dafür musst du dich eben anstrengen! Wenn ich dir keinen Druck machen würde, würdest du doch nur faul auf der Couch herumhängen!“, sagt der Kontrolldrache.
“Mein Reden!”, pflichtet der Ergebnisdrache ihm bei, “wenn du dich nicht von Anfang an am Riemen reißt, lieferst du wieder so eine miserable Vorstellung ab. Es wird langsam mal Zeit, dass du Leistungen bringst, auf die ich stolz sein kann!“
Da kann der Bedeutungsdrache nicht schweigen und gibt seinen Senf dazu. Ihr könnt euch schon selber denken, was er so alles erzählt.

Während ich das schreibe, sitzen die drei Drachen nebeneinander auf meinem Sofa und werden unruhig.

Sie tuscheln und hüsteln und einer von ihnen schleicht sich gerade auf Zehenspitzen an, legt sein Kinn auf meine Schulter und beginnt in mein Ohr zu flüstern: “Das ist totaler Mist, was du da schreibst”, sagt er, “überhaupt waren deine letzten Blogbeiträge ziemlich suboptimal. Und du wiederholst dich! Meinst du, deine Leser wollen zum x-ten Mal dieselben Geschichten über uns hören?”

Bevor sich ein kleiner Zweifel bei mir einschleicht, höre ich auf zu schreiben, drehe mich um und schaue die Rasselbande an.
“Ey Jungs”, sage ich, “eigentlich wollte ich jetzt Kaffee und Kuchen servieren und die Friedenspfeife rausholen. Es kann doch nicht angehen, dass ihr mir jedes Mal, wenn ich male oder schreibe, Stöcke zwischen die Beine werft. Sogar der Bahnstreik ist seit heute morgen beendet, das müssten wir doch auch schaffen… aber ich sehe schon, es hat keinen Zweck mit euch zu verhandeln.”
“Typisch”, sagen sie im Chor, “erst lädst du uns ein, und dann kümmerst du dich nicht um uns. Das machst du mit deinen Freunden ja genauso. Kein Wunder, dass dich keiner mag!“

Was für eine trickreiche Falle!
Aber diesmal beginne NICHT zu grübeln, ob das vielleicht stimmt (und welche Freunde sie gemeint haben könnten).
Stattdessen muss ich einfach nur lachen.
Ich muss so wahnsinnig lachen, dass ich fast von meinem Schreibtischstuhl falle.
Und was passiert?
Die drei Jungs lösen sich in Luft auf.
Nichts vertreibt sie besser als Humor, Freude, Klarheit und ein gesunder Selbstwert! Und Kaffe und Kuchen genieße ich jetzt alleine, da habe ich eh mehr davon.

In diesem Sinne: Frohe drachenfreie Woche!

Hintergrund: Um zu erklären, wie Blockaden beim Malen entstehen und wie man sie lösen kann, nutzt meine Lehrerin Michele Cassou gerne das Bild von den drei Drachen: Der Bedeutungsdrache, der Kontrolldrache und der Ergebnisdrache. Jeder dieser Drachen steht für eine Möglichkeit, wie wir uns selbst beim Malen behindern, unter Druck setzen, verirren, und dadurch aus dem Fluss kommen.

ParorechtswMehr über Paro: In ihrem aktuellen Buch „Love to create – Befreie den Künstler in dir!“ lässt Paro, die selbst jahrzehntelang als Künstlerin, Lehrerin und Erforscherin kreativer Prozesse tätig ist, die Leser an ihren eigenen hinzugewonnenen Erkenntnissen und Erfahrungen teilhaben und ergänzt diese durch Berichte ihrer KursteilnehmerInnen. So vermittelt sie nicht nur ein tieferes Verständnis von kreativen Prozessen, sondern erklärt auch die Entstehung und Überwindung von künstlerischen Blockaden. Die Prinzipien kreativer Prozesse sind immer gleich, aber wie sie erlebt und genutzt werden können, ist zutiefst individuell. Mehr über aktuelle Workshops mit Paro hier.

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