Vom Wesen der Schönheit

Vom Wesen der Schönheit

Von John O’Donohue. In gewisser Hinsicht lassen sich alle gegenwärtigen Krisen auf die eine Krise des Wesens der Schönheit reduzieren. Diese Perspektive eröffnet uns neue Möglichkeiten. In Dürregebieten muss man neue Brunnen finden. Wenn wir dem Problem dadurch begegnen, dass wir nach Schönheit verlangen, tun sich neue Gelegenheiten auf. Vielleicht erkennen wir dann zum ersten Mal klar und deutlich, wie viel Hässlichkeit wir eigentlich zulassen und ertragen. Die Medien vermitteln uns in ihren Talkshows gnadenlose Bilder der Mittelmäßigkeit, Gobelins erstickter Sprache und verzweifelter Befriedigung. Die Medien werden zum globalen Spiegel, und diese Fernsehsendungen zielen darauf, das Hässliche als den gewohnten Standard zu verankern. Schönheit wird meist vergessen und als naiv und romantisch hingestellt.

Im Wohnungsbau schafft die Verblendung der Verantwortlichen Räume, Gebäude und Vorstädte ohne Anmut, ohne Geheimnis. Dies beeinflusst die Atmosphäre am Arbeitsplatz, im Klassenzimmer, im Konferenzsaal und innerhalb ganzer Gemeinden oder Stadtviertel. In der Natur führt es zu einer solchen Entwürdigung der Umwelt, dass wir unsere schöne Erde immer mehr in eine Einöde verwandeln. Der Stress und die Leere, die uns quälen, lassen sich zum größten Teil darauf zurückführen, dass wir der Schönheit zu wenig Beachtung schenken. Auch das innere Bewusstsein wird grob und stumpf, wenn keine Bilder und Gedanken Eingang finden, die vom Glanz der Schönheit erfüllt sind.

“Lasst die Schönheit, die wir lieben, das sein, was wir tun.
Es gibt hunderte von Arten niederzuknien und die Erde zu küssen” – Rumi

Grobheit ist ein ständiges unbarmherziges Scheuern und Reiben: Das Gewebe, das sie berührt, wird wund und rau. Unserer Zeit haftet etwas ungehörig Grobes an, das dem Gewebe unserer Sprache, unseres Gefühls und unserer Präsenz alle Anmut raubt. Diese Grobheit verfälscht und betäubt unser Verlangen. Besonders deutlich wird dies, wenn die Gier ein solches Maß erreicht, dass sie, wie Shakespeare sagt, »dort hungrig macht, wo sie am stärksten befriedigt«. Die Gier vermag sich keine andere Form der Beziehung vorzustellen als Absorption oder Besitz. Wenn wir jedoch zur Schönheit erwachen, halten wir das Verlangen in seiner Frische, Leidenschaftlichkeit und schöpferischen Kraft lebendig. Schönheit stumpft nicht ab, sondern beseelt.

Leider wird die Schönheit oft – sei es aus Groll, Furcht oder Blindheit – zurückgewiesen, verworfen oder auf  das Format unseres ängstlichen Wahrnehmungsvermögens zurechtgestutzt. Tragischerweise kann uns etwas, das wir missachten, auch nicht erreichen. Indem wir uns von der Schönheit abwenden, wenden wir uns von allem Heilsamen und Wahren ab und liefern uns einer Verbannung aus, in der das Vulgäre und Künstliche den menschlichen Geist abstumpft und abtötet. In dieser Umgebung sind wir keines verfeinerten Gefühls oder Gedankens fähig. Das Vulgäre und das Künstliche können uns nicht wirklich fesseln, denn sie sind leer; sie hämmern auf unseren Verstand und unsere Gefühle ein, weil ihnen die Kohärenz mangelt, das innere Wesen der Seele zu umfangen. Sie haben kein wirkliches Dasein, sondern führen eine Nichtexistenz, die alles vertreibt. In heutiger Zeit ist es zur Gewohnheit geworden, Glamour mit Schönheit zu verwechseln.

Robert C. Morgan drückt dies treffend aus: »Schönheit ist nicht Glamour. Bei dem, was die Medien . . . die Modewelt . . . Hollywood . . . der Kunstbetrieb zu bieten haben, handelt es sich größtenteils um Glamour. Glamour ist, wie der Kunstbetrieb selbst, ein höchst unberechenbares, kommerziell gelenktes Unternehmen, das zum . . . Stumpfsinn beiträgt. Es erscheint und verschwindet . . . Niemand holt den Glamour jemals ein.« Dies erinnert an einen Satz von Denis Donoghue. Er bezieht sich auf mehrere Gedichtzeilen, die – statt der Phantasie entsprungen zu sein – nur das Produkt einer Laune waren: ». . . die allererste Wirkung, die diese Zeilen haben, wird auch die einzige bleiben, und egal, wie lange man über sie nachsinnt: man wird sie nicht zum Leuchten bringen.« Auch der Glamour flackert nur ein einziges Mal auf. Im Gegensatz dazu lädt uns die Schönheit zu Ordnung, Kohärenz und innerer Geschlossenheit ein. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt werden, fühlt sich die Seele in der Welt zu Hause.

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Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.”

Rilke

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