Wahrhaftigkeit heilt

Foto: Katharina Sebert

Von Katharina Sebert. Wir fürchten sie, weil sie uns verletzlich machen könnte. Wie eine steile Treppe empfinden wir sie oft genug. Eine, die wir lieber meiden würden. Doch Wahrhaftigkeit führt uns dorthin, wo wir die wahren Schätze finden und teilen: An den Strand der Offenheit, wo uns das Meer der Gefühle und Emotionen anbrandet und wir zulassen müssen, uns hinzugeben, damit es unsere Innen- und Außenwelten formen kann.

Kontrolle ist uns meist lieber, weil wir oft genug und vor allem als Kinder für das Teilen unserer Innenwahrheiten und Gefühle verlacht, ausgeschlossen oder nicht ernst genommen wurden. Wir haben uns Masken zugelegt, das übliche ‚mir geht es gut‘ und eine dicke Haut. Wir bewahren Haltung und verlieren den Kontakt. Zu uns und anderen.

„Das Leben hat mich gelehrt, dass ich nichts zu verlieren habe, wenn ich ehrlich bin.“ – Elizabeth Glaser

Wenn wir uns mit Wahrhaftigkeit befassen, kommen wir um das Thema Scham, Schuld, Angst vor Verletzlichkeit und Zurückgewiesenwerden nicht herum. Wir müssen die Geschichten entlarven, die wir uns schon viel zu lange erzählen. Die unwahren Geschichten. Viel zu vertraut ist uns das Tragen von Masken und falschem Lächeln, das Vorgeben unrichtiger Tatsachen, deren Enthüllung angeblich nur Verwirrung stiften würde, und die vielen Ideale, Konventionen und Normen, von denen wir meinen, ihnen mit Hilfe von Vertuschen, Verschweigen, Verbergen und Verstecken entsprechen zu können.

Was wir dabei in dem kollektiv vollkommneten Lügenspiel der Illusion von ‚was ich nicht wahrhaben will, ist auch nicht da‘ oft gar nicht mehr wahrnehmen, ist die Mauer, die wir damit errichten. Jedes Mal, wenn wir unsere Gefühle verbergen und uns mit ihnen nicht mitteilen, kommt ein Ziegelstein dazu und irgendwann umgibt uns ein Wall von alten Geschichten, der uns vom Jetzt, von uns selbst und anderen trennt. Alles Verborgene wirkt von genau dort, wo wir es versucht haben, hinzuverdrängen: Vom Untergrund. Alles, was wir nicht wahrhaben wollen, nicht aussprechen und leben, alles, was wir verdrängen und wo wir so tun als ob, trägt zu einem irgendwann nicht mehr zu überwindendem Hindernis bei, das unsere Beziehungen von innen heraus verfaulen lässt.

Unsere unausgesprochenen inneren Wahrheiten gären in uns wie zu spät am Abend verzehrter Salat. Gerade weil wir uns für unsere Scham und unsere Schuldgefühle, für unsere Ängste und Traurigkeit, für unsere Wut und unsere Sehnsucht nach Nähe schämen und schuldig fühlen, ist es so wichtig, uns damit zu zeigen. Ganz besonders den Menschen, die uns wirklich etwas bedeuten.

Dafür brauchen wir etliche wirklich gute Zutaten:
Zuallererst die Bereitschaft und das Vermögen, in uns hineinzulauschen. ‚Was ist da? Was geht in mir vor?‘ Dieser erste Schritt gelingt nur mit schonungsloser Ehrlichkeit uns selbst gegenüber. Denn jede Unwahrheit im Außen beginnt damit, dass wir uns selbst etwas vormachen. Uns unsere Gefühle und Emotionen schönreden, ausreden oder kleinreden.

‚Das wird schon wieder. Ich muss nur ein wenig warten, dann ist Gras über die Sache gewachsen und niemand denkt mehr daran. Was soll denn schon so wichtig daran sein, wie ich mich fühle? Die anderen würden mich eh nicht verstehen. Morgen geht die Sonne auch dann wieder auf, wenn ich jetzt verschweige, wie ich mich fühle. Ich würde den anderen eh nur verwirren oder verletzen. Das geht die anderen eigentlich doch gar nichts an, wie ich mich fühle oder was ich denke.‘

All das trennt. Jedes verschwiegene, verborgene, versteckt gehaltene und verleugnete Gefühl trennt. Während uns Wahrhaftigkeit einander näherbringt und uns mit uns selbst und anderen verbindet. Sie vereint. Aber erst, wenn wir wahrhaftig sind. Vorher, im Ringen mit uns, mit dem, was in uns vorgeht und der Frage, ob wir uns damit zeigen wollen und können, entsteht viel Widerstand in uns. Denn das, was wir in uns wahrnehmen, ist oft schambesetzt, macht uns Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen. Unendlich vieles ist uns peinlich.

Allem voran unser Wunsch nach Nähe, Berührung, Anerkennung, Dankbarkeit und Aufmerksamkeit – dort fühlen wir uns bedürftig und wie ‚Bittsteller‘. Gilt es doch als besonders erfolgreich in unserer Gesellschaft, unabhängig zu sein, cool, stark und überlegen. Auch Gefühle, die wir am liebsten nicht haben wollen, gehören in die Kategorie des gesellschaftlich Unsagbaren, wie „ich schäme mich“, „ich fühle mich schuldig“, „ich fühle mich wertlos“, „ich habe Angst“, „ich bin traurig“ oder schlicht „das kann/weiß ich nicht“.

Was brauchen wir also noch für Wahrhaftigkeit?
Mut. Mut. Und nochmal Mut. Mut, um überhaupt genau hinzufühlen. Uns auf die Schliche zu kommen, wo wir am liebsten um den heißen Brei herumreden würden oder etwas nicht wahrhaben wollen. Mut, es zu sagen, ohne es zu verkleinern, zu verschönern oder zu verändern. Und Mut für die Folgen, die aus unserer Wahrhaftigkeit erwachsen könnten.

Wir brauchen Mitgefühl. Mit uns und denjenigen, mit denen wir unsere innere Wahrheit teilen. Am besten finden wir uns dafür in der Mitte der Liebe ein, jenem heilsamen Ort, wo wir genau die rechte Nähe zu uns selbst haben, um maximal liebevoll, selbstfürsorglich und nährend mit uns sein zu können, und zugleich mitfühlend, verständnisvoll und offen für unser Gegenüber.

Und schließlich brauchen wir den inneren Frieden von Einverstandensein, Akzeptanz und Ja zu allem, wie es gerade ist. Unser Widerstand gegen das, was ist, macht uns kämpferisch, vorwurfsvoll und streitlustig. Für Wahrhaftigkeit brauchen wir Selbstliebe und -annahme für alle Gefühle, die in uns sind. Und um uns zu öffnen und anderen zu offenbaren und zu zeigen.

Ein Universum voller Wunder
Wenn wir diese Zutaten in uns nähren und kultivieren, und wir uns und anderen die Gelegenheit geben, uns wirklich kennenzulernen, betreten wir ein Universum voller Wunder. Mit jedem Mal, wenn wir uns offen zeigen, wurzeln wir ein Stück tiefer in uns. Schmerzschichten fallen von uns ab. Wir haben immer weniger Angst und gewinnen immer mehr Mut. Würde wächst uns auf diese Weise zu und Selbstvertrauen. Wir stehen zu uns und damit aufrecht. Wir werden furchtfreier und verlieren uns nicht mehr in Strategien. Wir setzen Energie frei, die wir sonst für Verdrängungsmaßnahmen und Verbergemanöver investieren würden. UND: Wir machen uns emotional transparent und geben anderen die Chance, uns wirklich kennenzulernen und zu lieben. Genauso wie wir sind. Und das ist es doch, was wir uns alle wünschen, oder?

Emotional transparente, wahrhaftige Beziehungen sind glücklicher. Wir fühlen uns verbunden. Nähe entsteht und eine Kultur wechselseitigen Vertrauens. Wenn uns jemand liebt, dann weil wir uns wirklich zeigen und dieser Mensch uns wirklich kennt. Auf diese Weise erschaffen wir einen Boden, auf dem echte Freundschaften und wahre Liebe gedeihen kann. Wir sind freier, leichter und alte Schmerzgewänder, die aus dem nicht-zeigen-und-dementsprechend-auch-nicht-gesehen-werden entstanden sind, fallen von uns ab. Auch wenn es nicht immer leicht ist, die Wahrheit zu sagen und zu hören, Wahrhaftigkeit lohnt sich immer. Verbindet immer. Beschenkt uns immer. Reich, sehr reich.

Foto: Katharina Sebert

Zur Person: Katharina Sebert ist Heilpraktikerin, Wegbegleiterin, Lehrerin, Autorin, Heilungs- und Friedensaktivistin, Lebens-, Liebes-, Glücksforscherin und allzeit Lernende bei www.in-guten-Haenden.com Sie hat die Urmutter-Methode® entwickelt, eine Tiefenheilungsmethode zur Erlösung unbewusster Lebens- und Glaubensmuster, und begleitet Menschen auf ihrem Heilungs-, Erinnerungs-, Bewusstseins- und Medizinpfad.

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Ein Kommentar zu “Wahrhaftigkeit heilt
  1. Grenz Isolde sagt:

    Vielen Dank für diesen wunderschönen Artikel.
    Er gibt mir zu denken, und ich habe direkt etwas Herzklopfen, weil ich erkenne, wie unbekümmert ich mich oft GEGEN Wahrhaftigkeit entschieden habe und immer noch entscheide.

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