Ich – Du – Wir

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Foto: Pixabay Zum 14ten Geburtstag machte Bettina mal Pause, um auf das neue Wir zu lauschen, welches uns alle ruft. Genau dieses Wir lässt mir in letzter Zeit keine Ruhe – immer wieder begegnet es mir und will be-schrieben werden. Nun, gut, dann schauen wir mal …

In letzter Zeit bezeichne ich mich ab und zu als „Gestalterin von Wir-Räumen“, um mein berufliches Ich näher zu definieren. In einem Wir-Raum kommen viele Ich zusammen und etwas Neues entsteht: Ein Kontext, in dem wir dem Du der anderen aus einem präsenten Ich heraus begegnen. Wir zeigen uns und werden gesehen. Wir sprechen unsere Wahrheit aus und werden gehört.

So weit. So gut. Aber – was ist das eigentlich – ein Wir? Wie entsteht ein Wir? Bist du Teil eines Wir? Sicherlich – du bist Teil einer Familie, einer Nachbarschaft, eines Teams (oder mehrerer Teams), du bist in unzähligen Wir-Strukturen – Wir als Frau, Wir als Mann, Wir als jung, alt, schwarz, weiß, introvertiert, extrovertiert, krank, gesund, deutsch, vegan lebend oder was auch immer. Hast du dir schon einmal überlegt, wieviel von deiner Identität aus den Wir-Gruppen entsteht, zu denen du dich zählst? Vielleicht magst du sie mal alle aufschreiben? (Leg dir genug Papier zurecht, es könnte eine lange Liste werden. )

Es scheint so zu sein, dass unsere Wir-Zugehörigkeiten unser Ich formen – ihm Halt geben, Sicherheit, eine Basis, von der aus es die Welt beurteilt und sich auch in der Welt zeigen kann. So gesehen, formt das Wir das Ich. Und wenn mehrere von diesen Ich zusammenkommen, bilden sie wiederum ein Wir. Automatisch? Immer? Findest du die Frage banal? Sie ist es! Auf einer strukturellen Ebene scheint es logisch, dass ohne Einzelwesen keine Gruppe entstehen kann. Aber das ist ja nicht alles, was ein Wir ausmacht und so bleibt die Frage zunächst offen: Wie entsteht ein Wir?

Vielleicht entsteht es ja, wenn wir die Wir-Schubladen weglassen? Ich stelle mir vor, dass ein Ich all seine Wir-Zugehörigkeiten vor der Tür lässt und in einen offenen Wir-Raum eintritt. Ganz frei und nackt und mutig und ohne die Sicherheit, die seine Rollen ihm normalerweise bieten. Unsicher. Vorsichtig. Tastend. Und plötzlich zeigt sich ein unverfälschtes Ich – ganz klar kann es auf das Du des anderen schauen. Ich bin ich. Und du bist du. Und ich sehe dich. Ich sehe dich ohne die Brille meiner Rollen, meiner Wir-Identitäten. Ich kann aus meiner Wahrheit heraus mit dir in Kontakt gehen und durch diese echte Begegnung erfahre ich dich neu. Und mich neu. Ich werde am Du zum Ich – so sagte es Martin Buber. Die offene Begegnung mit anderen Menschen versetzt mich in Schwingung, stößt mich an, einen Klang zu geben. Wie eine Klangschale, die berührt werden will, damit sie klingt und in ihrem Klang die Art der Berührung wiedergibt. Resonanz entsteht, wenn wir uns berühren lassen.

Und jetzt behaupte ich mal etwas: Es gibt kein echtes Wir, wenn nicht zunächst das Ich vorhanden ist – fest und stark in der Wahrnehmung seines Selbst. Ganz hier und jetzt und fühlend anwesend, im freien Willen und ohne Widerstand. So müsste ich im Ich sein, um dem Du zu begegnen und ein Wir zu bilden. Ich müsst mein Ich in Eigentum nehmen, in Besitz. Das erscheint mir wichtig und so starten meine Wir-Räume fast immer folgendermaßen: Ich lade dich ein, bei dir anzukommen, dich mit dir zu verbinden. Erde dich, zentriere dich, suche den Raum in deinem Inneren, der ewig ist und verbunden. Und aus diesem klaren Fokus heraus richte den Blick neu nach Außen – auf die anderen. Spanne vorsichtig die Fäden, gehe langsam in Kontakt. Absichtslos. Freudig. Ein Raum entsteht, in dem es den üblichen Entscheidungszwang zwischen Ego und Wir nicht mehr geben muss. Du bist mit dir verbunden und aus diesem starken Ich kannst du unsere Verbindungen, das Wir, gut tragen und erfährst plötzlich einen ganz weiten Aktionsradius, in dem sich vieles zeigen kann und darf.

Und in diesem Wir-Raum ist es wunderbar, auf Gleichgesinnte zu treffen, die ganz anders sind. Ein Paradox? Nur scheinbar. Was einen Wir-Raum einzigartig macht, ist seine Offenheit für Diversität. Wir treffen auf Menschen mit unterschiedlichstem Background und wir teilen den Raum mit der Intention, dass alle sich willkommen fühlen, einbezogen werden und sich verbinden dürfen. Das Wir entsteht aus gleichgesinnten, präsenten Ich, die aus ganz anderen Wir-Identitäten kommen, nicht weiß, weiblich, vegan und deutsch sind, völlig andere Rollen leben und in diesem Wir-Raum trotzdem fühlend zusammenkommen, um eine gemeinsame Wahrheit zu finden. Und das ist für viele von uns eine ganz neue Erfahrung. Auch für mich – oder besser: gerade für mich.

Denn in meiner Erfahrung ist es oft so, wie es auch Clarissa Pinkola Estés in ihrem Klassiker „Die Wolfsfrau“ erzählt. Bin ich „nur“ Ich, werde ich von vielen abgelehnt. Passe ich mich an, lehne ich mich selbst ab. Estés meint, dass wir diesen Zwiespalt nur mit einer bewussten Entscheidung für das Ich überwinden können. (C. P. Estés, Die Wolfsfrau, Heyne, 2022; S. 119 ff) Natürlich fällt diese Entscheidung nicht leicht, im Gegenteil. Die Muster sitzen tief, fast jede/r von uns hat gelernt, dass wir besser mit anderen klarkommen, wenn wir der eigenen Wahrheit nicht folgen, wenn wir uns anpassen. Viele von uns haben sich vielleicht irgendwann dem Interdikt der Eltern, Lehrerinnen oder Freunde gebeugt: Sei nicht so kompliziert, du überforderst uns, spinn doch nicht rum … Stellen wir uns heute diesem Tabu und versuchen, in Gemeinschaft ein authentisches Ich zu leben, entsteht vielleicht eine gewaltige innere Spannung. Vielleicht auch eine Ratlosigkeit? Das ist gut! Wir bleiben dran, nutzen die Spannung als Schubkraft, um unseren Wesenskern hervorzubringen. Und diese permanenten Schubser helfen uns immens: Wir können und dürfen uns weiterentwickeln hin zu einer Gemeinschaft, in der wir das erfahren, was seit Urzeiten unsere Sehnsucht ist – das Wiedererkennen und Wiedererkanntwerden in einer Gruppe von Wesen, die Heimat sind. Für unsere Gedanken, unsere Gefühle, für unser So-Sein. Heimat in einem Wir. Das ist es, was ich als Gestalterin von Wir-Räumen versuchen möchte zu kreieren. Ich schreibe sehr bewusst und demütig „versuchen“, denn es kann und wird nicht immer gelingen. Und: Ich kann es nicht alleine. Hast du vielleicht Lust, dein Ich in ein forschendes Wir einzubringen? Dann sei herzlich willkommen, zum Beispiel in meinen Online-Gruppen „Schreiben – einfach so“.

Zur Info: Die Passage im Text „Ich bin ich. Und du bist du. Und ich sehe dich.“ stammt aus einem sehr sehens- und lesenswerten Interview mit Markus Worthmann

Andrea

Mit Schreiben – einfach so bietet die Autorin Andrea Goffart regelmäßige Kreativ-Räume, in denen verschiedene Schreibstile und Methoden ausprobiert werden. Im gemeinsamen Schreiben, im Vorlesen und im wertschätzenden Feedback der anderen entsteht ein kostbares Wir. Es gibt verschiedene Gruppen – Online den Donnerstagabend (schau hier) oder Mittwochmorgen (hier). Und falls du in der Nähe von Aachen wohnst – dann könnte dieses Angebot für dich interessant sein.

Hintergrund: Der kosmische Lichtkreis – Verbinde Dich

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